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Kippt die Filmbegeisterung in Görlitz?

Rund ums Kaufhaus ging am Mittwoch wenig bis nichts. Der Dreh für "Torstraße 1" wurde fortgesetzt. Die Passanten sehen es mit gemischten Gefühlen.

Von Matthias Klaus
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Die Schauspieler Ludwig Simon und Naemi Feitisch bei den Dreharbeiten zur Serie Torstraße 1 am Kaufhaus .
Die Schauspieler Ludwig Simon und Naemi Feitisch bei den Dreharbeiten zur Serie Torstraße 1 am Kaufhaus . © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Der Weg vom City Center zur Steinstraße in Görlitz ist nicht lang. Nur ein paar Minuten dauert er, drei, vier, je nachdem, wie flott man ausschreitet. Eigentlich. Allerdings nicht, wenn gerade Dreharbeiten stattfinden.

Mittwochvormittag, der Marienplatz ist zwar leer aber unpassierbar. Sagt zumindest ein netter Herr von einer Sicherheitsfirma. Und ganz am Rand lang, so am Naturkundemuseum vorbei? Kopfschütteln: "Bitte die große Runde." Helga Friedrich schüttelt darüber ebenfalls den Kopf. "Ich wollte doch nur kurz zu Schwerdtner, eine Semmel holen. Jetzt soll ich da ganz rum?" Nein, das will die Rentnerin dann doch nicht und tritt den Rückzug an. Filmreif.

Naemi Feitisch und Ludwig Simon laufen während einer Drehpause mehr oder weniger entspannt durch Görlitz.
Naemi Feitisch und Ludwig Simon laufen während einer Drehpause mehr oder weniger entspannt durch Görlitz. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

"Torstraße 1", so zumindest ist der Arbeitstitel für die "neue deutsche Event-Serie", die für den Streamingdienst TVNow in Berlin, Brandenburg und eben Görlitz derzeit gedreht wird. Es geht um eine Liebesgeschichte aus den 1920er Jahren, um das Kaufhaus Jonass in Berlin, das später als Soho-Haus bekannt wurde. Später soll die Serie auch unter anderem auf Vox ausgestrahlt werden. In Görlitz jedenfalls sorgen die Dreharbeiten für ziemlich viel Aufmerksamkeit. Nach Corona-Fällen am Set sind das momentan vor allem Sperrungen, die der Dreh mit sich bringt.

Rund um das Kaufhaus ist am Mittwoch kaum noch ein Durchkommen, auch für Fußgänger ist es eng. Auf der einen Seite, Richtung Marienplatz, ist eh alles abgesperrt, auf der anderen Seite parken die Autos des Filmteams, Fußgänger schlängeln sich durch, vor dem Haupteingang steht ebenfalls Filmtechnik.

Nach SZ-Informationen wurde das Kaufhaus, das Investor Winfried Stöcker gehört, für die Dreharbeiten vermietet, Maßgabe: Alles soll nachher so sein wie vorher.

Auf dem Set zu den Dreharbeiten zur Serie Torstraße 1 am Kaufhaus gibt es auch "echte" Zeitungen zu kaufen, allerdings keine SZ.
Auf dem Set zu den Dreharbeiten zur Serie Torstraße 1 am Kaufhaus gibt es auch "echte" Zeitungen zu kaufen, allerdings keine SZ. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Anett Belger ist das alles relativ egal. "Jaja, Görliwood. Alles ganz schön", sagt sie. Am Mittwochvormittag ist sie auf dem Weg zu ihrer Mutter, will für sie einkaufen gehen. Nun steht sie vor einem Sicherheitsmann an der Struvestraße. Der ist zwar nett, aber bestimmt. Hier geht es nicht weiter, bitte einmal ums Kaufhaus rum. Anett Belger winkt ab. Gibt Schlimmeres, findet sie. Und ja, Filmdreh ist ja auch ganz interessant, wenn sie denn Zeit zum Gucken hätte.

Bernd Heilmann ist derweil richtig sauer. "So ein Quark", ärgert sich der Mann aus der Nieskyer Gegend. Dass wegen eines Filmdrehs ganze Straßen gesperrt werden, das findet er nicht richtig. "So oft bin ich ja nicht in Görlitz, nur zu wichtigen Terminen. Aber wenn, dann weiß ich, wo ich lang muss. Heute ist alles anders." Bernd Heilmann, Rentner, steht an der Elisabethstraße und sucht sich nun auf dem Navi eine neue Strecke durch die Stadt.

Vor dem Kaufhaus spielen sich inzwischen dramatische Szenen ab, zumindest vor den Kameras und wie vorgeschrieben im Drehbuch. Vicky Maler, dargestellt von Naemi Feitisch, ist aus der Provinz nach Berlin gezogen. In dem Film-Fall eben nach Görlitz. Sie arbeitet im neu eröffneten Kaufhaus Jonass, also in der Realität im Stöcker-Kaufhaus, und verliebt sich in den mittellosen Pianisten Harry, gespielt von Ludwig Simon. Der, stellt sich heraus, ist der Sohn des Kaufhausbesitzers Arthur Grünberg, dargestellt von Alexander Scheer. Soweit das Szenario, das sich vor dem Kaufhaus abspielt.

An der Steinstraße verwandelt sich das frühere Kaufhaus Totschek zum Kaufhaus Jonass.
An der Steinstraße verwandelt sich das frühere Kaufhaus Totschek zum Kaufhaus Jonass. © SZ/Matthias Klaus

Ingrid Becher findet die Dreharbeiten toll. "Wann hat man denn mal Gelegenheit, so bei einer Filmproduktion dabei zu sein?", fragt die Hamburgerin. Sie ist mit ihrem Mann auf Tour mit dem Wohnmobil durch den Osten der Republik, parkt derzeit am Berzdorfer See. "Wir wollten nur mal einen Stadtbummel durch Görlitz machen, bevor wir weiterfahren", erzählt sie. Der Filmdreh in der Innenstadt sei da ja kaum zu übersehen gewesen. "Wir finden es toll für Görlitz", sagt Ingrid Becher.

Małgorzata Jablonska führt fast jeden Tag ihren Hund über die Altstadtbrücke aus Zgorzelec nach Görlitz Gassi. Sie macht sich Sorgen, sie sieht Rauch. "Brennt es hier?", fragt die Dame aus Polen leicht beunruhigt am Demianiplatz. "Nein", beruhigt ein Sicherheitsmann, nur Spezialeffekte. Tatsächlich zieht ein leichter Diskonebel vom Demianiplatz Richtung Struvestraße.

Der Dreh am Kaufhaus, er sorgt für Aufsehen in Görlitz. Ab Donnerstag wird es dann auf der Steinstraße eng. Bereits am Mittwoch wurde das frühere Kaufhaus "Totschek" auf "Jonass" getrimmt, inklusive Beschilderung. Die Steinstraße wird zum Teil für den Dreh gesperrt, Donnerstag und Freitag. Wenn Anwohner und Geschäftsleute trotzdem schnell mal vor die Tür müssen, für den hat die Produktionsfirma X-Filme diesen Tipp: Vorsichtig die Eingangstür öffnen und gucken, ob gerade gedreht wird. Wenn, dann warten bis laut „Cut“ gerufen wird. Dann ist Pause, vorübergehend.