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Tank-Tourismus hält sich noch in Grenzen

Auch wenn die Spritpreise steigen, bleibt der ganz große Ansturm auf Tankstellen in Polen offenbar momentan aus.

Von Matthias Klaus
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Benzinpreise an der Tankstelle, Zgorzelec City Center. Hier ist Tanken relativ günstig.
Benzinpreise an der Tankstelle, Zgorzelec City Center. Hier ist Tanken relativ günstig. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Bernd Weigert hat eine klare Meinung. "Wer jetzt noch in Deutschland tankt, ist doch selber schuld", findet er. Es ist Mittwochvormittag, die Tankstelle heißt Zgorzelec City Center. Bernd Weigert tankt seinen Golf voll. "In Deutschland hätte ich es mir überlegt", sagt er. Diesel kostet gerade 1,33 Euro der Liter. Bei Total an der Görlitzer Bahnhofstraße liegt er zur selben Zeit bei 1,57 Euro.

Der Mittsechziger Weigert kommt nicht aus Görlitz, sondern aus der Ostritzer Ecke. Tanken in Polen, für ihn ist das schon seit Jahren gang und gäbe. "Jetzt, wo die Spritpreise ja durch die Decke gehen, erst recht", sagt er. Und wenn, wie heute, Termine mit der Gattin in Görlitz anstehen, dann nutzt der Rentner eben die Gelegenheit.

Eine andere Tankstelle, in der Nähe von Zgorzelec. Die Zapfanlage ist gut besucht, vor allem Autos mit deutschem Kennzeichen stehen hier. Die Frau hinterm Tresen will ihren Namen nicht verraten, sagt nur: "Ja, wir merken schon, dass jetzt mehr Deutsche kommen." Aber, so winkt sie ab, das war schon vor den Preiserhöhungen im westlichen Nachbarland so. "Wir haben unsere Stammkunden", schildert sie.

Die Preise an der Total Tankstelle an der Bahnhofstraße in Görlitz am Mittwoch.
Die Preise an der Total Tankstelle an der Bahnhofstraße in Görlitz am Mittwoch. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Der ganz große Ansturm auf die polnischen Tankstellen in und rund um die Europastadt - bisher bleibt er trotz der doch relativ großen Differenz bei den Spritpreisen offenbar aus.

Bei der Bundespolizei in Ludwigsdorf jedenfalls hat man von einem erhöhten Verkehrsaufkommen gen Osten nichts bemerkt. "Rückstau und dergleichen wegen Tankstellenbesuchen haben wird noch nicht registriert", sagt Michael Engler, Sprecher der Bundespolizeiinspektion Ludwigsdorf. Die meisten Tanktouristen, schätzt er, reisen über die Stadtbrücke Görlitz aus.

Tankstellenpächter zwischen Niesky und Görlitz sprechen nicht gern über die hohen Spritpreise. Aber gerade in der Grenznähe sind die Preise hoch. Beispiel Super, am Mittwoch. Laut dem Vergleichsportal benzinpreis-aktuell lag der Preis in Görlitz durchweg im Schnitt bei 1,72 Euro. In Bautzen hingegen hatten Autofahrer die Wahl zwischen 1,66 Euro und 1,91 Euro pro Liter. Weiter westlich in Dresden, lagen die Preise zwischen 1,65 und 1,73 Euro.

Aral-Pressesprecherin Eva Kelm erklärt gegenüber der SZ die regionalen Unterschiede in der Oberlausitz mit der „unmittelbaren Wettbewerbssituation vor Ort.“ Der Kraftstoffmarkt in Deutschland bestehe aus Teilmärkten mit verschiedenen Anbietern. „Der günstigste setzt die anderen preislich unter Zugzwang. Wer dann keine konkurrenzfähigen Preise einstellt, verliert auf Dauer Kunden.“ Je mehr Tankstellen an einem Ort seien, desto mehr Angebot stehe der Nachfrage gegenüber.

Führt das aber zu einem verstärkten Tanktourismus Richtung Polen? Und wenn ja, betrifft es nur die unmittelbare Grenznähe? Enrico Kunath betreibt die Aral-Tankstelle in Niesky. Dass er jetzt weniger Kunden bedient, angesichts der hohen Spritpreise, sieht er generell nicht. "Der eine oder der andere fährt sicherlich jetzt über die Grenze zum Tanken, klar das passiert", sagt Enrico Kunath. Aber er geht derzeit eher von Einzelfällen aus. Existenzbedrohend sei die Lage derzeit jedenfalls nicht.

Kraftstoffpreise bestehen aus drei Teilen: Einkaufspreis, staatliche Abgaben – die mit rund 65 Prozent den größten Teil ausmachen – Kosten für Logistik und Vertrieb. Das ist auch in den Nachbarländern so. Polen aber zähle, so die Aral-Sprecherin, zu denen, die im europäischen Vergleich mit die niedrigsten Steuern auf den Kraftstoff erheben würden. „Das hat natürlich große Auswirkungen auf die Preisgestaltung", sagt sie.

Der Zentralverband des Tankstellengewerbes schildert, dass der Tanktourismus in der jüngeren Vergangenheit zugenommen hat. Der Verband nennt es ein "Benzinpreis-Paradoxon". Die Preisunterschiede bleiben auch bei höheren Spritpreisen relativ ähnlich. Denn gerade der steigende Ölpreis mache sich momentan auf beiden Seiten der Grenze bemerkbar.

Bernd Weigert sind derartige Rechenspiele egal. "Wenn Tanken in Polen billiger ist, dann mache ich es eben dort", sagt er. Am Ende, so Bernd Weigert, zählt doch nur, was auf der Rechnung steht. "Und wenn es ein paar Euro im Vergleich weniger sind - alles richtig gemacht."