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Viertklässler haben nur noch drei Tage Unterricht

An der Grundschule Reichenbach ist die Lage gerade für eine Klasse schwierig. Das hat nicht nur mit Corona zu tun.

Von Constanze Junghanß
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In der Corona-Pandemie wird es immer schwieriger, den Unterricht abzusichern. Das zeigt sich jetzt in Reichenbach.
In der Corona-Pandemie wird es immer schwieriger, den Unterricht abzusichern. Das zeigt sich jetzt in Reichenbach. © Symbolbild: Sebastian Gollnow/dpa

Obwohl flächendeckende Schulschließungen im Moment im Freistaat ausgeschlossen sind und nur Thüringen den Sonderweg des Distanzunterrichts wegen der Corona-Pandemie geht, ist die Situation an vielen Schulen angespannt. Auch im Landkreis Görlitz, bestätigt Roman Schulz, Sprecher des Landesschulamtes (Lasub).

Das macht ein Beispiel an der Grundschule Reichenbach deutlich, bei dem das Thema Corona zum Teil eine Rolle spielt. Da sind Eltern verunsichert, Kinder traurig: Bis auf Weiteres sollen 25 Mädchen und Jungen einer vierten Klasse der Grundschule Reichenbach nur noch an drei Tagen unterrichtet werden. Montag und Dienstag findet demnach kein Unterricht statt. So wurden die Eltern am 1. Januar – einem Sonnabend und Feiertag nach Silvester - per E-Mail seitens der Schule informiert. Grund sei ein Lehrermangel wegen der Abberufung einer Lehrkraft an eine andere Schule. Dort soll der Engpass noch größer sein.

Eltern wehren sich gegen die Entscheidung der Schule

Das sorgte für Aufruhr. Elternsprecherin Verena Foerster bestätigt, dass sich die Eltern gegen diese Entscheidung wehren. Sie haben einen Brief an die Schule geschrieben, dass sie damit nicht einverstanden sind. Darin heißt es: „Wir sehen den aktuellen Zustand mit großer Sorge. Gerade die vierte Klasse an der Schwelle zu weiterbildenden Schulen ist enorm wichtig.“ In der fünften Klasse frage keiner nach, warum grundlegender Stoff aus der Grundschule nicht sitze, so die Befürchtung. „Bereits jetzt sehen Eltern diese Entwicklung so, dass Überlegungen bestehen, die Kinder dann die vierte Klasse freiwillig wiederholen zu lassen“, so Verena Foerster.

Seitens des Lasub heißt es dazu: „An der Schule wird die Absicherung der Lernplaninhalte umgesetzt.“ Darauf lege die Schulleitung großen Wert. Es gebe keine Wissenslücken bei der betroffenen vierten Klasse „und der Übergang in Klasse 5 ist somit auch abgesichert“, so Roman Schulz. Auch deshalb, so der Sprecher, lege der Freistaat so einen großen Stellenwert auf den Präsenzunterricht. Nur findet dieser eben nicht durchgängig statt.

Weiteres Problem: Auf die Schnelle eine Betreuung für die Kinder in der unterrichtsfreien Zeit zu organisieren, ist schwierig. Denn die Notbetreuung, auf die die Grundschule verweist, gilt nur für bestimmte Berufsgruppen. Ein Großteil der Eltern darf das Angebot demzufolge nicht nutzen.

Klassen müssen getrennt bleiben

Weshalb jedoch auf die Notbetreuung nach der Schul- und Kita-Corona-Verordnung verwiesen wurde, obwohl die Abberufung offenbar zu dem Problem in Reichenbach führte, erklärt Martin Lipinski, der Leiter der Reichenbacher Grundschule, so: „Es gilt der eingeschränkte Regelbetrieb in Schulen. Die Klassen müssen getrennt bleiben“, sagt er. Deshalb sei es nicht möglich, die Kinder in der Schule auf andere Klassen aufzuteilen. Dagegen spreche die Corona-Schutz-Verordnung. Dazu komme das Problem des Krankenstandes, auch wegen Corona. Die Vertretungslehrerin sei an Corona erkrankt, die Klassenleiterin zur Weiterbildung. „Wir haben für die Klasse keine Lehrkraft an den beiden Tagen“, bedauert Lipinski. Die Schule könne die Fürsorge- und Aufsichtspflicht in dieser Situation nicht gewährleisten.

Für die Schüler und Eltern tue ihm die Situation sehr leid, wobei der Schulleiter hofft, dass die betroffene vierte Klasse bald wieder an allen fünf Wochentagen unterrichtet werden kann. Mittlerweile steht fest: Auch die zweite Schulwoche wird die vierte Klasse an zwei Tagen keinen Unterricht haben. Danach soll der Unterricht wieder wie gewohnt ablaufen. Wobei Martin Lipinski zu Bedenken gibt, dass jederzeit und an allen Schulen mit coronabedingten Ausfällen und damit teil- oder kompletten Schulschließungen zu rechnen sei. Die Formulierung im Elternbrief, dass „bis auf Weiteres“ an zwei Tagen nicht unterrichtet wird, sei ein Kommunikationsfehler gewesen. Also alles nur halb so wild?

Sowieso auf Eis liegt derzeit das Förderprojekt „Aufholen nach Corona“ - wegen des eingeschränkten Regelbetriebes und aus Personalknappheit. Damit sollte ausfallbedingter Unterrichtsstoff nachgeholt werden. Das fällt im Moment jedoch flach.

Kreiselternrat generell über Lage in den Schulen besorgt

Ronald Lindecke, Vorsitzender des Kreiselternrates im Landkreis Görlitz, sieht die Entwicklungen in den Schulen mit großer Sorge. Corona sei das eine. Der Lehrermangel, der sich in den Augen von Ronald Lindecke bereits seit Langem abzeichnete, das andere. Der Lehrermangel im Allgemeinen werde die kommenden fünf Jahre rasant an Fahrt aufnehmen, betrachtet man die Altersstruktur der Pädagogen und die fehlenden Nachwuchslehrer. Die angehende Lehrerschaft zieht es nach Angaben von Lasub-Sprecher Schulz vor allem in die Großstädte.

„Von den 1.100 bis 1.200 Bewerbungen pro Jahr sachsenweit will die Hälfte nach Dresden und Leipzig“, sagt er. An den Grundschulen sei die personelle Situation auch nicht optimal. „Seit Jahren forcieren wir die Bemühungen, Lehrerstellen in den ländlichen Regionen zu besetzen“, so der Pressesprecher. Im Einzugsgebiet des Landesschulamtes Bautzen, das für den Landkreis Görlitz zuständig ist, sei in puncto Lehrerschaft die Personaldecke dünn.