merken
PLUS Görlitz

"Wir werden wieder öffnen"

Von Sportstudio bis Kneipe - die Schließung trifft Geschäftsleute im Kreis Görlitz hart. Aber Aufgeben kommt nicht infrage.

Anna Zähr, Chefin im Görlitzer Frauensportstudio Pour la femme: Derzeit ist es geschlossen. Aber aufgeben will Anna Zähr keinesfalls.
Anna Zähr, Chefin im Görlitzer Frauensportstudio Pour la femme: Derzeit ist es geschlossen. Aber aufgeben will Anna Zähr keinesfalls. © nikolaischmidt.de

Anna Zähr hörte die Nachricht, als sie gerade im Auto saß. Lockdown! Und ihre Firma gehört zu den betroffenen, die schließen muss. "Ich habe geheult", sagt sie. Nein, gerechnet hatte die Chefin des Frauensportstudios Pour la femme am Görlitzer Demianiplatz damit nicht. "Eiskalt" habe sie die Entscheidung getroffen. 

"Ich hatte an jenem Mittwoch noch vier Kurse zu geben", sagt Anna Zähr. Es sei ihr schwergefallen. Mit dem Team sprach sie ab, wie es nun weitergehen soll. Ja, organisierter als beim Lockdown im Frühjahr lief es ab, sagt Anna Zähr. Damals war die Überraschung noch größer. Dennoch, es sei ihr schlecht gegangen, körperlich, seelisch.

Technische Universität Dresden
TU Dresden News
TU Dresden News

Was passiert an der Exzellenzuniversität TU Dresden? Aktuelle News und Informationen finden Sie in unserer Unternehmenswelt.

Schock im Frühjahr war größer

Schlecht geht es auch der Wirtschaft im Freistaat. Der Handelsverband Sachsen etwa warnt vor den Folgen des gegenwärtigen Teil-Lockdowns. Immer weniger Kunden fänden den Weg in die Stadtzentren, weil Gaststätten geschlossen sind und obwohl die Geschäfte öffnen. Vor allem der Innenstadthandel sei betroffen. Bekleidung, Schuhe, Uhren, Schmuck, Spielwaren, Sportartikel, Elektronik - nachdem die Geschäfte schon nach dem ersten Lockdown im Frühjahr einen großen Umsatzrückgang hinnehmen mussten, verschärfe sich nun die Situation, so der Handelsverband. 

"Deshalb muss die Politik ihr Nothilfeprogramm auch für den Einzelhandel öffnen", fordert René Glaser, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes. Zudem sollen unter anderem die Hürden für die Antragsberechtigung gesenkt werden. Ansonsten drohten Innenstädte mit vielen Leerständen weiter zu verwaisen.

Das Statistische Landesamt in Kamenz hat derweil die Wirtschaftsentwicklung im Freistaat für das erste Halbjahr 2020 ausgewertet. Ergebnis unter anderem: das Beherbergungsgewerbe allein hatte nur rund die Hälfte an Gästen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Im Bereich Handel war vor allem im Kraftfahrzeughandel der Umsatzrückgang mit reichlich einem Zehntel besonders hoch. Der Einzelhandel wies am Ende des ersten Halbjahres zusammen allerdings einen um sechs Prozent höheren Umsatz aus. Wie sich der neuerliche Lockdown auswirken wird, bleibt offen.

Im Landkreis Görlitz sank der Gesamtumsatz im Vergleich zum Vorjahr im verarbeitenden Gewerbe laut Statistischem Landesamt zwischen Januar und Juni dieses Jahres um knapp drei Prozent. Zwischen Januar und August waren es sogar 8,5 Prozent. Vor allem der Auslandsumsatz schrumpfte mit fast minus sechs Prozent. Das Baugewerbe hingegen legte zu. Im Vergleich zu 2019 stiegt der gesamte Umsatz zwischen Januar und Juni um 2,7 Prozent, zwischen Januar und August um 1,4 Prozent. Tiefpunkt für das Baugewerbe war 2020 bisher der April. Der Umsatz sank in diesem Monat im Kreis Görlitz um knapp neun Prozent.

Schließung trotz funktionierendem Hygienekonzept

Zahlen für Dienstleistungsbetriebe oder Studios wie das von Anna Zähr gibt es für den Landkreis hingegen nicht. Sie fühle sich ungerecht behandelt in Zeiten des Teil-Lockdowns, sagt die Sportstudio-Chefin. "Wir haben ein Hygienekonzept erarbeitet, es streng gehandhabt", schildert sie. Die Kursteilnehmer haben sich daran gehalten.

"Wir haben viele Rückmeldungen bekommen, dass sich unsere Kunden sicher gefühlt haben", sagt Anna Zähr. Sie glaube nicht, dass Studios wie ihres für den starken Anstieg der Corona-Fälle mitverantwortlich seien. Die ersten Kunden, die nach dem Lockdown im Frühjahr wieder kamen, waren ältere und Reha-Patienten. "Sie brauchen die Kurse und merken zuerst, wenn sie nichts mehr machen können", sagt Anna Zähr.

 Nichts mehr machen, also ihr Studio aufgeben, kommt für sie nicht infrage. "Wir können doch nicht einfach sagen, es läuft gerade schlecht, wir geben auf", sagt sie. Sie sei nicht der Typ, der bei jeder Schwierigkeit hinwirft. "Unsere Kunden warten darauf, dass wir wieder öffnen. Und das werden wieder auch wieder tun", ist sie sich sicher.

Und das sagen andere Unternehmer:

Das sagt Peter Silbe, Chef des Zweiradschuppens in Niesky

"Wir haben zwar geöffnet, aber wir merken den Lockdown schon. Es kommen einfach weniger Kunden. Die Leute sind einfach vorsichtiger geworden, mit wem sie in Kontakt treten. Wir können und müssen eben damit leben. Wenn ein Fahrrad kaputt ist, kommen die Kunden dann eben doch. Uns gibt es jetzt seit 23 Jahren, wir werden diese Zeit auch überstehen. Es gab immer ein Auf und Ab.  Derzeit spüren wir sehr den Trend in Richtung E-Bikes. Die nutzen auch Leute, die vielleicht schon lange nicht mehr Rad gefahren sind. Dem werden wir Rechnung tragen und unser Geschäft umbauen, mehr E-Bikes anbieten. Es gibt Leute, die geben ihr Geld nicht mehr für große Reisen aus, sondern investieren ins Fahrradfahren. Das ist für unser Geschäft ja nicht schlecht, wenn diese Alternativen gesucht werden."

Peter Silbe in seinem Zweiradschuppen. Er merkt die Auswirkungen der Pandemie, kann aber damit leben.
Peter Silbe in seinem Zweiradschuppen. Er merkt die Auswirkungen der Pandemie, kann aber damit leben. © André Schulze

Das sagt der Görlitzer Fotokünstler Sascha Röhricht

"Ich arbeite an meinen Projekten weiter. Ja, es ist schwierig, derzeit als Künstler eine Öffentlichkeit zu bekommen. Kultur als Austausch mit dem Publikum, das funktioniert momentan tatsächlich nicht. Das ist die eine Seite, die finanzielle die andere. Ich habe schon im Frühjahr geahnt, dass im Herbst ein weiterer Lockdown kommen wird und deshalb keine großen Projekte geplant. Das wird wohl auch im Winter so sein und eventuell im kommenden Frühjahr. Aber vielleicht ist es eine Chance, auf generelle Probleme der Kunstszene hinzuweisen. Ich habe etwa keine langfristige Planung, die über ein halbes Jahr hinausgeht, meist sind es zwei, drei Monate. Zu digitalen Geschichten im Internet hatte ich bisher auch keine große Affinität. Das wird sich jetzt wohl ändern müssen."

Sascha Röhricht denkt jetzt daran, stärker im digitalen Bereich im Netz zu arbeiten. Bisher war das für ihn kein großes Thema.
Sascha Röhricht denkt jetzt daran, stärker im digitalen Bereich im Netz zu arbeiten. Bisher war das für ihn kein großes Thema. © Nikolai Schmidt

Das sagt die Gastronomin Jana Strahl aus dem "Mäusebunker" Reichenbach

"Lieferdienst können wir zwar machen, machen es aber weniger. Die Kunden holen sich ihr Essen ab. Wir setzen in diesem Monat auf die Martinsgänse, auf das Gänseessen. Im April hatte der Abholdienst schon gut funktioniert. Dabei ist unsere Gaststätte nicht so der Außer-Haus-Typ. Wir mögen es eher, wenn wir die Leute direkt fragen können, wie es geschmeckt hat und ob sie noch ein Schnäpschen nach dem Essen möchten. Deshalb hatten wir uns auch im Frühjahr schon etwas mit dem Lockdown schwergetan. Aber das er erneut kommen würde, war eigentlich für uns keine große Überraschung. Er war ja schon im Gespräch, man konnte jedenfalls damit rechnen. Ein ungutes Gefühl habe ich für den Dezember. Betriebsweihnachtsfeiern und Familienfeiern wurden schon storniert."

Jana Strahl vor dem Mäusebunker in Reichenbach: In diesem Monat setzt die Chefin auf die Martinsgänse zum Abholen.
Jana Strahl vor dem Mäusebunker in Reichenbach: In diesem Monat setzt die Chefin auf die Martinsgänse zum Abholen. © Nikolai Schmidt

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier

Mehr zum Thema Görlitz