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Görlitzer Anwohnern reicht es

Den Ruhestörungen am Lutherplatz ist kaum Einhalt zu gebieten. Nun werden Unterschriften für ein Alkoholverbot gesammelt.

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© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Daniela Pfeiffer

Bei offenem Fenster schlafen ist gesund. Aber nicht für diejenigen, die am Lutherplatz in Görlitz wohnen und womöglich das Schafzimmer auf der Straßenseite haben. So wie Michael Kalipäus und seine Frau. Im Moment können sie das nicht, denn der allnächtliche Lärm unter ihrem Haus am Lutherplatz sei kaum zum Aushalten. „Das ist eigentlich schon seit drei Jahren so schlimm, hier wird nur noch gesoffen. Wir freuen uns inzwischen immer schon auf den Winter, dann ist wenigstens Ruhe.“

Es sind schlimme Zustände, die Kalipäus und Michael Schlegel, der ebenfalls mit seiner Familie am Platz wohnt, beschreiben. Schier unglaubliche sogar. Da seien fast immer Kinder zwischen den Trinkenden, mitunter trinken die Halbwüchsigen sogar schon selbst mit. „Und zwar bis sie sich übergeben müssen“, sagt Michael Schlegel. Die Kleineren seien oft komplett sich selbst überlassen, während die Mutter trinkt. Da schieben größere Kinder die kleineren im Kinderwagen oder stehen hilflos neben der sturzbetrunkenen Mutter, die nur noch da liegt. Michael Kalipäus erzählt: „Kürzlich habe ich ein Kind vor Schlimmerem bewahrt, als es mit einer riesigen Glasscherbe vom Kunstobjekt hier auf dem Platz durch die Gegend rannte und dann auch noch stürzte. Die Scherbe habe ich weggenommen und der Mutter den Vorfall geschildert.“ Mit Kunstobjekt sind die Spiegel gemeint, eines der Kunstwerke von Görlitzer Art, die ein Jahr lang im Stadtgebiet verteilt sind. „Das ist echtes Glas, so etwas gehört überhaupt nicht auf einen Spielplatz“, findet Michael Kalipäus.

Direkt auf dem Spielplatz sind die Spiegel auch nicht, sondern daneben. Aber Kinder laufen zwischen dem oberen und dem unteren Teil des Platzes hin und her. Auch die schockierenden Trinkerszenen spielen sich auf beiden Teilen ab, bestätigen die Anwohner. Als ob nicht alles schon beschämend genug sei, würden die Trinker ab einem bestimmten Pegel sogar ihre Notdurft in den Gebüschen des Platzes verrichten – ob großes oder kleines Geschäft, ob Mann oder Frau. „Mir tun nur die Kinder leid, die hier jeden Tag sich selbst überlassen sind. Was sollen die mal anderes aus ihrem Leben machen als das, was ihnen die Eltern hier vorleben“, sagt Michael Kalipäus.

Michael Schlegel und seine Frau Denise sehen das genauso, und sorgen sich doch vor allem um die eigenen Kinder. Abgesehen davon, dass die sich nicht mehr runter auf den Platz trauen, weil sie sich schon anpöbeln lassen mussten, geht es auch um ihre Nachtruhe. „Die Kinder haben oft Husten und sollen immer bei offenem Fenster schlafen, aber das können wir nicht mehr machen“, sagt Denise Schlegel. Mehrfach hat ihr Mann versucht, mit den Leuten auf dem Platz – mal Deutsche, mal Ausländer – zu reden. Mehr als dumme Antworten oder Bedrohungen kamen nicht zurück.

Ab und zu ruft die Familie die Polizei. „Aber die machen nichts. Stehen daneben und versuchen, die Leute zum Gehen zu bewegen, aber wenn die keine Lust haben, bleiben sie sitzen.“ Überhaupt ärgert die Hilflosigkeit der Behörden die Anwohner. Mancher will Stadt und Polizei Gleichgültigkeit unterstellen. „Da schiebt einer dem anderen die Zuständigkeit zu, bis sich endlich mal jemand her bemüht.“ Michael Kalipäus und seine Frau waren schon selbst im Ordnungsamt. Ohne großen Erfolg.

Die Stadt habe den Lutherplatz als „Treffpunkt“ durchaus auf dem Schirm, sagt Rathaussprecher Wulf Stibenz. „Wir bitten die Bürger, sich bei solchen Vorkommnissen zeitnah an uns oder die Polizei zu wenden, um schnell aktiv werden zu können“, ermutigt Stibenz Betroffene.

Weil sie das aber schon seit geraumer Zeit tun, ohne dass sich die Lage gebessert hat, gehen die Anwohner nun einen Schritt weiter. Seit zwei Wochen sammeln Michael Schlegel und Michael Kalipäus Unterschriften für ein Alkoholverbot am Lutherplatz. Überall haben sie die Listen ausgelegt: in Kindereinrichtungen, Apotheke, der Tanzschule Matzke. Und sie klingeln persönlich in den Häusern am Platz. „Wir treffen auf breite Zustimmung“, sagt Kalipäus. Das bestätigen die Listen. Allein auf denen, mit denen sie an Türen klingeln waren, stehen über 50 Namen. Die in den Einrichtungen ausliegenden will Michael Schlegel in zwei Wochen einsammeln. Und dann? „Wir wollen sie dem Oberbürgermeister persönlich geben, damit es auch ankommt. Mal sehen, ob das klappt.“

Wulf Stibenz sagt: „Wir wissen noch nichts von einer Initiative, derzeit gibt es auch keine Überlegungen, das Alkoholverbot auszudehnen. Dafür wäre ein Stadtratsbeschluss nötig.“ So war das auch bei Marien-, Wilhelms, Demiani- und Postplatz sowie der Elisabethstraße. Hier gilt tagsüber ein Alkoholverbot, weil sich hier viele Schüler aufhalten. „Wenn die Initiative an die Stadtverwaltung herantritt, werden wir natürlich ihre Thematik behandeln“, sagt Stibenz. Darauf hoffen die Anwohner. Damit sie abends wieder die Fenster öffnen können. Und damit Familie Kalipäus ihren Gedanken, einfach wegzuziehen, begraben kann.