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Görlitzer waren bei Chinesen beliebt

Als sich die Regierung Mao Tse-tungs einen edlen Salonzug anschaffte, gab es nur eine Bedingung: Es musste vom VEB Waggonbau Görlitz sein.

© Werkbild Waggonbau/Sammlung Wolfgang Theurich

Von Wolfgang Theurich

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Görlitz. Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen. Der alte Spruch war einst nicht nur jedem DDR-Bürger bekannt. Sondern auch in China: Als die Sowjetischen Staatseisenbahnen (SZD) 1953 für ihre internationalen Expresszüge neue Reisezugwagen bestellten und diese zum großen Teil im VEB Waggonbau Görlitz gebaut wurden, kamen diese Wagen der 1. und 2. Klasse neben der Strecke Moskau–Warschau–Berlin auch zwischen Moskau und Peking zum Einsatz. Die chinesischen Staatseisenbahnen (KZD) waren von diesen Fahrzeugen sehr angetan und bestellten prompt eigene Waggons – unbedingt auch in der traditionsreichen Waggonbau-Stadt Görlitz, wie die Auftraggeber betonten. Für China wurde das Programm noch durch Wagen der 3. Klasse sowie Speise- und Gepäckwagen erweitert. Alle diese Wagen kamen bei Bahnpersonal und Fahrgästen sehr gut an. Mehr noch: Sie gefielen auch Mitgliedern der chinesischen Partei- und Staatsführung unter Mao Tse-tung. Um mit ihren Delegationen von und nach Moskau, aber auch im eigenen riesigen Land bequem unterwegs zu sein, orderte die KZD einen kompletten Salonzug in Görlitz.

Zu den Sonderanfertigungen gehörten unter anderem ein bequem ausgestatteter Konferenzraum in einem sechsachsigen Salonwagen.
Zu den Sonderanfertigungen gehörten unter anderem ein bequem ausgestatteter Konferenzraum in einem sechsachsigen Salonwagen. © Werkbild Waggonbau/Sammlung Wolfgang Theurich
Und ein ebenfalls sehr gediegen möblierter und geräumiger Speisewagen.
Und ein ebenfalls sehr gediegen möblierter und geräumiger Speisewagen. © Werkbild Waggonbau/Sammlung Wolfgang Theurich

Dieser Zug umfasste 15 Fahrzeuge. Die Wagen teilten sich in drei Gruppen: sechs Salonwagen, sechs Begleiterwagen und drei Dienstwagen. Sie erhielten keine Außenbeschriftungen. An den Seiten- und Stirnwänden wollten die Chinesen eine dunkelgrüne Außenlackierung, ferner bestanden sie auf grauen Wagendächern und schwarz lackierten Unter- und Drehgestellen. Zu jedem Wagen gehörte ein Satz Breitspurdrehgestelle (1524 mm) und ein Satz Normalspurdrehgestelle (1435 mm). Ausgelegt wurden die Wagen für eine Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h. Die Wagenkästen wurden als geschweißte Ganzstahlkonstruktion aufgebaut. An den Räumen der Salonwagen wurden auf beiden Seiten zwischen der Seitenwandbeblechung und der inneren Wandverkleidung zusätzliche acht Millimeter starke Stahlplatten eingesetzt. Die Innenausstattung der Salonwagen wirkte gediegen und bequem. Die Konferenzräume verfügten über einen Tisch mit sechs Polsterstühlen, ein Sofa und zwei Sessel, eine Couch, einen Musikschrank, einen Clubtisch, einen Garderoben- und einen Blumenständer. Die Räume wurden mit 20 Millimeter dicken Plüschteppichen ausgelegt. Für die Innenwandverkleidungen verwendeten die Görlitzer Waggonbauer wunschgemäß sehr hochwertige Edelholzfurniere. Sieben Wagen bekamen überdies Klimaanlagen, die anderen Druckbelüftungsanlagen.

Laut Vertrag war die Lieferung des Salonzuges für 1956 vorgesehen. Weil sich Zulieferungen verzögerten, akzeptierte die chinesische Seite eine Vertragsänderung auf das Jahr 1957. Zur Sicherung der vollen Funktionstüchtigkeit der Wagen dieses Salonzuges wurden dann umfangreiche Probe- und Versuchsfahrten unternommen, die Görlitzer testeten ihre Spezialanfertigung auf Testfahrten bis Berlin.

Der Einsatz dieses Zuges lief fast 20 Jahre in China zur vollen Zufriedenheit. Danach kam der Zug dann nicht mehr komplett zum Einsatz. Ein Teil der Salonwagen wurde mit KZD-Schlafwagen 1987 von einem deutschen Reiseunternehmen zu einem Sonderzug unter dem Namen „Peking Orient Express“ zusammengestellt. Damit konnten ausländische Touristen die Weiten Chinas auf angenehmen Fahrten kennenlernen – in Wagen aus Görlitz.