merken
PLUS Großenhain

"Herr Kretschmer, kommen Sie doch mal zum Frühstück!“

Eberhard Gutmann lebt gern im Priestewitzer Ortsteil Strießen. Verklären möchte er das Leben auf dem Land aber nicht. Denn die Hürden sind tückisch.

Eberhard Gutmann aus dem Strießener Ortsteil Priestewitz an einem seiner Kritikpunkte: Am Wochenende fährt kein Bus in sein Dorf und auch nicht woanders hin.
Eberhard Gutmann aus dem Strießener Ortsteil Priestewitz an einem seiner Kritikpunkte: Am Wochenende fährt kein Bus in sein Dorf und auch nicht woanders hin. © Norbert Millauer

Strießen. Er hat es sich schon ganz genau ausgemalt. Wie es sein würde, wenn etwa Deutschlands ehemaliger Bundesinnenminister Thomas de Maizière in seiner Eigenschaft als Abgeordneter des Wahlkreises Meißen oder Sachsens Landesvater Michael Kretschmer vor der Haustür stünden. Bei ihm und seiner Frau Heidrun und sie alle gemeinsam hier im beschaulichen Strießen am Frühstückstisch in Ruhe miteinander plauderten. Bei Kaffee, Sechs-Minuten-Ei und Marmeladenbrötchen könnte der 66-Jährige dann endlich mal loswerden, wo ihm schon seit Langem gewaltig der Gummistiefel drückt.

Nicht, dass es Eberhard Gutmann im Priestewitzer Ortsteil nicht gefallen würde. Nein, ganz im Gegenteil! Seit 1975 wohne der einstige Polizeibeamte nun schon mit seiner Familie in der Gemeinde. Erst in Blattersleben, dann in Laubach und jetzt eben hier in Strießen, wo er sich nach eigenem Bekunden auch sehr wohl fühle. Zugegebenermaßen mehr und mehr mit jenen Einschränkungen, die den humorvollen Rentner jetzt dazu bewogen haben, doch mal jene einzuladen, die seiner Meinung nach zumindest in der Öffentlichkeit immer so vom Leben auf dem Land schwärmen. Oder zuweilen darüber philosophieren, was in den vergangenen und natürlich in den kommenden Jahren alles getan werde, um die grüne Komfortzone zwischen Obstbäumen, Stallgeruch und angrenzenden Feldern als Wohnstandort noch attraktiver zu machen.

Technische Universität Dresden
TU Dresden News
TU Dresden News

Was passiert an der Exzellenzuniversität TU Dresden? Aktuelle News und Informationen finden Sie in unserer Unternehmenswelt.

Eberhard Gutmann wohnt schon und vor allem da, wo seine potenziellen Besucher erstmal hinkommen müssen. Einem 322 Einwohner zählendem Dorf, in das es aus mehren Gründen lohnt, einmal vorbei zu schauen. Der Strießener weiß es ganz genau und vor allem weshalb, wenn er vorschlägt: „Kommen Sie doch bitte am Sonnabend mit dem Zug gegen 10 Uhr von Dresden nach Priestewitz gefahren. Da sich der Bäcker auf der gegenüberliegenden Seite des Bahnhofes befindet, wäre es schön, könnten Sie bitte gleich ein paar frische, gute Ostsemmeln mitbringen! Danach fahren Sie mit dem nächsten Bus nach Strießen - ich hole Sie dann an der Bushaltestelle ab.“

Und damit nicht genug. Der wortgewandte und sympathische Senior wäre keineswegs der Mann, der er nun mal ist, wenn er nicht noch den Rest des Besuchswochenendes verplant hätte. Gleich nun, welcher namhafter Politiker zu ihm käme, dürfte danach auf eine gemeinsame Busfahrt ins traditionsreiche Meißen hoffen. Da besonders jetzt in Pandemiezeiten von Fahrten mit dem öffentlichen Personen- und Nahverkehr abgeraten werde, könne man durchaus auch ein Taxi zum bewährten Preis von 25,70 Euro bestellen.

Eine Möglichkeit, die übrigens durchaus auch für die Heimfahrt in Betracht gezogen werden könne. Eingedenk des Nachtfahrzuschlages müsse man mit 28,90 Euro zwar dann etwas tiefer in die Ausflugstasche greifen. Aber immerhin erreichten so alle komfortabel das abendliche Örtchen und nach einer Übernachtung nebst gemütlichem Frühstück dann der prominente Besucher nach einer Fahrt mit Bus und Bahn sicherlich auch gut erholt wieder die Landeshauptstadt.

Allerdings: Genau da kommt Eberhard Gutmann an den entscheidenden Punkt der Geschichte - und zum Grund für seine ungewöhnliche Einladung. Zum avisierten Erholungseffekt werde es nämlich aus mehreren Gründen nicht kommen. Nach einem holprigen Start - der einzige Bäcker der aus 22 Ortsteilen bestehenden Gemeinde schließe nach dem Abverkauf seines Sortiments um Punkt zehn Uhr - werde es auch mit der Fahrt nach Strießen nichts. Der letzte Bus fahre am Freitag um 17.08 Uhr. Also sei definitiv Laufen angesagt.

Eine Variante, um danach auch ins schöne Meißen zu kommen. Kommen zu können! Wer aufs kostspielige Taxi verzichten will oder muss. Denn Busse, so Eberhard Gutmann, fahren am Wochenende weder in die Domstadt, noch würden sie den Gast nach Strießen oder letztlich schließlich wieder nach Priestewitz bringen. „Ich könnte freilich auch gern ein Fahrrad zur Bewältigung des Weges zur Verfügung stellen! Aber das wäre wiederum auch nicht zu verantworten, da es in unserer Region keine Fahrradwege gibt“, gibt Eberhard Gutmann Kopfschütteln zu bedenken.

Nebeneffekte der auch in Sachsen seiner Meinung nach gern so gepriesenen ländlichen Idylle. Dass es genau an dieser gewaltig hapert, hat den Strießener bewogen, sich nun doch einmal in der Öffentlichkeit zu Wort zu melden. Zwar sei dem politisch interessierten Familienvater durchaus bewusst, dass auch die hiesige Landesregierung zurzeit mit den Auswirkungen der Corona-Krise zu kämpfen habe. Dennoch hätte sich aber genau diese Landesregierung zu Dienstantritt im vergangenen Jahr doch vollmundig auf die weiß-grüne Fahne geschrieben, den sogenannten ländlichen Raum zu stärken.

Etwas, wovon Eberhard Gutmann nach eigenem Bekunden leider bisher nichts gespürt habe. Seit Jahren warte er vergeblich - wie sicherlich viele andere Einwohner wohl auch - auf den Bau eben jenes Radweges zwischen Priestewitz und Großenhain. Kein einziges Lebensmittelgeschäft gebe es mehr in der Gemeinde, von größeren Supermärkten ganz zu schweigen. Die Anbindung an den Personen- und Nahverkehr sei eine Katastrophe. Ohne ein eigenes Auto wäre er glatt aufgeschmissen, um zum Einkaufen zu fahren oder den notwendigen Arzttermin wahrnehmen zu können. Das häufig so idealistisch dargestellte Dasein entfernt der Großstadt erweise sich tagtäglich als logistische Herausforderung. Themen, über die Eberhard Gutmann gern mal mit Michael Kretschmer fachsimpeln würde. Zum Frühstück, bei Kaffee, Sechs-Minuten-Ei und leckerem Marmeladenbrötchen.

Mehr zum Thema Großenhain