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"Es wird keine Anlage im Wald gebaut"

Zwischen wirtschaftlicher Pflicht und ökologischer Kür: Seit Jahren machen Umweltschützer Front gegen den Kiesabbau des Werkes Ottendorf-Okrilla.

Thomas Gruschka, studierter Bergmann, übernahm im Jahr 2010 die Geschäftsführung des Kieswerkes Ottendorf-Okrilla.
Thomas Gruschka, studierter Bergmann, übernahm im Jahr 2010 die Geschäftsführung des Kieswerkes Ottendorf-Okrilla. © Kristin Richter

Landkreis/Ottendorf. Es ist ein Rechenexempel. Schenkt man der Statistik Glauben, hat ein Bundesbürger im Verlauf seines Lebens durchschnittlich 335 Tonnen Kies und Sand verbraucht. Gleich nun, in welcher Form auch immer verarbeitet. Unterm Strich bedeutet das: Pro Stunde benötigt jeder Deutsche ein Kilogramm Kies. Allein in Sachsen, so ist amtlich verbrieft, werden jährlich knapp 36 Millionen Tonnen in Form von Sand, Kies, Ton, Schotter und Splitt für die Bauwirtschaft gebraucht.

Zahlen, die Thomas Gruschka gewissermaßen im Schlaf herbeten kann. Vor zehn Jahren übernahm der studierte Bergmann aus Freiberg die Geschäftsführung des Kieswerkes in Ottendorf-Okrilla. Der heute 55-Jährige, welcher zuvor schon die Verantwortung für insgesamt acht Werke von Thüringen bis München getragen hatte, trat damit in gewaltige historische Fußstapfen. Immerhin werden in der Region bereits seit über einhundert Jahren Sande und Kiese abgebaut. 

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In der ehemaligen DDR mit 350 Beschäftigten noch zum größten Abbaubetrieb des Landes zählend, wurde die Tradition Anfang der 1990er Jahre in Zusammenarbeit mit zahlreichen kooperierenden Betrieben fortgesetzt. Inzwischen sind gut 150 Menschen am Standort tätig, weitere 600 sind in ihren jeweiligen Jobs vom Unternehmen abhängig.

Allerdings: Was nach absoluter Erfolgsgeschichte klingt, ist so ungetrübt natürlich nicht. Auch, wenn in der jüngsten Vergangenheit an mehreren Stellen des Landkreises Meißen immer mal wieder Kiesgruben entstanden sind, ist keine so heftig umstritten und öffentlich gescholten worden, wie die neu geplante Abbaustätte in Würschnitz-West. Die SZ besuchte Thomas Gruschka im Werk und sprach mit ihm inmitten von hohen Sandbergen, über das, was die Leute in der Region bewegt und ihn selbst zuweilen manchmal nachdenklich macht. 

Da hinten liegt die neue Fläche: Geschäftsführer Thomas Gruschka erklärt SZ-Redakteurin Catharina Karlshaus, wo bald Kies und Sand abgebaut werden sollen.
Da hinten liegt die neue Fläche: Geschäftsführer Thomas Gruschka erklärt SZ-Redakteurin Catharina Karlshaus, wo bald Kies und Sand abgebaut werden sollen. ©  Kristin Richter

Herr Gruschka, haben Sie seit der Übernahme der Geschäftsführung eigentlich jemals echte Sympathiebekundungen erfahren dürfen? 

Von den Menschen, die mich hier im Werk umgeben, auf jeden Fall! Ich habe das Glück, mit einem engagierten und zuverlässigem Team zu arbeiten. Gleich nun, ob es die Mitarbeiter in der Verwaltung am Stammsitz in Ottendorf-Okrilla sind oder die Kollegen, welche an vorderster Front im Werk tätig sind. Viel positives Feedback kommt auch von unserer Kundschaft, die unsere Liefertreue, die Qualität und unsere Regionalität schätzen. 

Die Sympathiebekundungen von außen halten sich allerdings in Grenzen. Wir haben ein sachliches Arbeitsverhältnis mit den Gemeindeverwaltungen, den zuständigen Genehmigungsbehörden und dem Forst. Aber ich weiß natürlich, worauf Ihre Frage abzielt! Viele Einwohner der uns umgebenden Ortschaften und vor allem jene, in denen wir wie in Würschnitz eine neue Abbaustätte beginnen wollen, sind uns nicht immer wohlgesonnen. 

Woran liegt das Ihrer Meinung nach? Wenn wir hier so miteinander sprechen, machen Sie doch einen ganz umgänglichen Eindruck.

Da bin ich ja beruhigt. Es liegt freilich im wahrsten Sinne des Wortes in der Natur der Sache und widerspiegelt auch die Stimmungslage der Gesellschaft. Die Menschen sind aufgrund ihrer vielschichtigen Erfahrungen sensibler geworden. Jeder Eingriff in die Natur wird kritisch begleitet, da steht der Bergbau angesichts der zahlreichen Proteste bei der Errichtung von Windrädern nicht allein da. 

Und ich kann das auch nachvollziehen, wünschte mir zuweilen aber eine sachlichere und vor allem offenere Diskussion. Eine, wo jeder bereit ist, dem Standpunkt des Anderen Raum zu geben und gemeinsam nach der bestmöglichen Lösung zu suchen.

Eigentlich wollten wir beide uns schon im Frühjahr zu einem Vorort-Termin verabreden. Corona hat das verhindert. Wie gestaltet sich inmitten der Pandemie die wirtschaftliche Situation Ihres Unternehmens?

Die Situation ist durchaus positiv! Im Gegensatz zu anderen Branchen haben wir durch Corona sogar einen Aufschwung zu verzeichnen. Viele Leute hatten plötzlich Zeit zum Bauen oder haben sich aufgrund von fehlenden Reisezielen lieber ihrem Zuhause gewidmet. Die Nachfrage nach Sand und Kies ist tatsächlich ungebrochen groß, was uns in die Lage versetzt hat, auch in dieser angespannten Zeit ein stabiler Steuerzahler und Arbeitgeber für die Region sein zu können. Wie es im kommenden Jahr weitergeht, gerade unter dem Aspekt der Pandemie, muss man freilich erst abwarten. 

Wer sich noch nicht ausgiebig mit dem Ottendorfer Kieswerk beschäftigt hat, wird in den sozialen Netzwerken schnell fündig! Besonders Umweltschützer machen seit Jahren auf das immer größer werdende Abbaugebiet aufmerksam und kritisieren vor allem die unmittelbare Nachbarschaft von sieben Natur- und Vogelschutzgebieten. Ist das Areal tatsächlich eines der Größten in Deutschland?

Die Kritiker des Kiesabbaus hantieren schon seit Jahren damit, dass wir mit 900 Hektar eines der größten Gebiete seien. Dem ist aber ganz und gar nicht so! Unser jetziges Werk, das 1949 gegründet wurde, ist 300 Hektar groß, wovon aber bereits nahezu die Hälfte rekultiviert wurde. Ein Abbaugebiet, in dem im Jahr zwischen 700.000 und 800.000 Tonnen Kies produziert werden, dessen Tage aber nun gezählt sind. 

Doch noch wird der Kies hier abgebaut, aufbereitet und veredelt, und verbleibt zu 95 Prozent in der Region. Hauptabsatzmarkt ist dabei die benachbarte Landeshauptstadt. Es entstehen daraus Poren- und Kalksandsteine, aber auch Putze, Mörtel und Filterkiese. 

Sie erwähnten, die Tage des jetzigen Standorts sind gezählt! Und damit auch die ruhigen im benachbarten Würschnitz, richtig?

Ganz so würde ich es nicht sagen. Fakt ist, dass unsere Lagerstätte in zwei bis drei Jahren aufgebraucht ist. Da auch weiterhin Straßen und Gebäude gebaut werden müssen, sind neue Abbaufelder notwendig. Das Areal in Würschnitz wurde bereits vor vielen Jahren genehmigt. Dort bauen wir teilweise schon ab. Die Qualität und die Menge des Rohstoffs erfordert, dass wir Kies aus einer anderen Abbaustätte beimischen müssen.

Deshalb haben wir vor zwei Jahren ein Planfeststellungsverfahren für den westlichen Teil von Würschnitz beantragt. In beiden Fällen wird die Aufbereitungsanlage am jetzigen Standort verbleiben – es wird also keine neue Anlage im Wald gebaut! Gerade gegen das Gebiet Würschnitz-West bringen Umweltschützer und Bewohner ihre Bedenken vor. Diese nehmen wir sehr ernst, wohl wissend, dass uns diese beiden Areale einen Rohkies erbringen, der uns für über 40 Jahre den Standort in Ottendorf-Okrilla sichert.

Die Sand- und Kiesvorkommen des Ottendorfer Werkes sind begehrt. Umweltschützer und Anwohner machen sich aber seit Jahren gegen neue Abbau-Gebiete stark.
Die Sand- und Kiesvorkommen des Ottendorfer Werkes sind begehrt. Umweltschützer und Anwohner machen sich aber seit Jahren gegen neue Abbau-Gebiete stark. © Kristin Richter

Was sagen Sie all jenen, die sich nun gegen den Abbau und für den Erhalt der Naturschutzgebiete, zwei ökologisch wertvoller Niedermoore und das im sächsischen Tiefland reichste Quellenvorkommen stark machen?

Diese Vorbehalte kann ich alle nachvollziehen. Ich selbst stamme aus Freiberg, bin in Hoyerswerda aufgewachsen und lebe nun hier in unmittelbarer Umgebung. Auch ich möchte keineswegs, dass Raubbau an der Natur getrieben wird. Meine Devise ist es daher, so viel wie nötig, so wenig wie möglich in die Natur einzugreifen. Dies tun wir mit strengen Auflagen des Sächsischen Oberbergamtes, den Umweltbehörden und dem Forst. Gerade weil wir mit einem Naturrohstoff arbeiten, liegen uns der Umweltschutz und die Nachhaltigkeit sehr am Herzen. So legen wir großen Wert auf eine unmittelbare Wiederaufforstung oder auch einen sensiblen Umgang mit dem Grundwasser.

Ein Beispiel: Bereits 2011 hatten wir vor, den Kies im schon vorhandenen Gebiet unterhalb des Grundwasserspiegels abzubauen. Das hätte eine bessere Qualität erzielt und die Vorräte verdoppelt. Da die Vorkommen teilweise im Grundstrom der Waldmoore liegen, haben wir jedoch beschlossen, dass es in den neuen Lagerstätten keinen Abbau mehr im Grundwasser geben wird. In Würschnitz werden wir daher einen sogenannten Trockenabbau beantragen und bleiben mindestens einen Meter über dem Grundwasserspiegel.

Und wie treten Sie all den anderen Bedenken entgegen?

Wir wollen und werden die Auswirkungen auf die Natur so gering wie möglich halten! Würschnitz-West wird aufgeteilt in mehrere Abbau-Abschnitte, keiner größer als zehn Hektar. Jeder davon reicht für drei bis vier Jahre, erst dann wird ein neuer Abschnitt erschlossen. Nach der Entnahme der Rohstoffe wird der Abbaubereich sofort  wieder mit Erdaushub verfüllt und in Absprache mit dem Forst mit klimaverträglichen Bäumen aufgeforstet. Da der Kies in Würschnitz nicht verarbeitet wird, schaut es dort nie so aus, wie jetzt in Laußnitz 1. 

Es ist ein Vorhaben, das kann ich Ihnen versichern, das in jedem Punkt die strengen Vorgaben der Umwelt- und Genehmigungsbehörden erfüllen wird. Die Damen und Herren klopfen uns mächtig auf die Finger. Wenn einer ernsthaft denkt, man könne tun und lassen, was wir wollen, irrt sich gewaltig. Ich erinnere immer wieder daran, dass in Deutschland gerade die Aspekte der Natur, Umwelt, Aufforstung und Nachhaltigkeit bis ins kleinste Detail geregelt sind. Und das ist auch gut und richtig so!  

Nichtsdestotrotz plagt die Würschnitzer die bedrohliche Nähe zum Abbaugebiet. Bleibt es dabei?

Ja, das beantragen wir so. Allerdings wird der geringste Abstand 480 Meter betragen. Darin enthalten sind mindestens einhundert Meter Wald. Die Abraumfläche wird sich also keinesfalls am Ende des Gartenzauns befinden. Wir nehmen die Sorgen und Bedenken, es könnten laute Maschinen oder Transporter die Feierabendruhe stören, ernst. Dort werden maximal zwei Radlader im Mindestabstand von 480 Metern zum Wohngebiet in Betrieb sein. Die Verarbeitung findet in Laußnitz 1 statt. Es ändert sich also nur die Zufuhr des Rohkieses, die übrigens über ein Förderband geschehen soll und nicht mit Lkw. Damit minimieren wir deutlich Lärm und die CO2-Belastung. 

Wann rechnen Sie mit einer Genehmigung für das neue Gebiet?

Wir hoffen, dass das Ende nächsten Jahres der Fall sein könnte. 

Herr Gruschka, eine persönliche Frage zum Schluss: Wofür brauchen Sie das Kilogramm Kies pro Stunde?

Ich brauchte ihn für das Fundament meines Hauses und kürzlich erst einen betonierten Parkplatz. Aber natürlich nutze ich öffentliche Gebäude, fahre über Brücken, so wie die meisten von uns. Erfreulicherweise haben wir die Vorkommen in unserem Werk in der Nähe und müssen die Rohstoffe nicht aus dem Ausland kommen lassen. Denn eines ist klar: Hier wissen wir, unter welchen Bedingungen der Sand und Kies abgebaut werden.

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