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Wir sind die aus der Großenhainer Papierfabrik

Emotionales Treffen nach 30 Jahren: Erstmals nach der Schließung im Juni 1991 trafen sich gut 80 von ehemals 300 Frauen und Männer wieder.

Freudiges Wiedersehen: Werksleiter Eberhard Ehlert (li.) im Kreise vom einstigen Betriebsarzt Dr. Eckehart Horn, Margarethe Kosmehl aus der Produktion und Krankenschwester Margarethe Rauer (re.).
Freudiges Wiedersehen: Werksleiter Eberhard Ehlert (li.) im Kreise vom einstigen Betriebsarzt Dr. Eckehart Horn, Margarethe Kosmehl aus der Produktion und Krankenschwester Margarethe Rauer (re.). © Norbert Millauer

Großenhain. Es ist eine Mischung aus Familienfeier und Klassentreffen. Als sich an diesem Nachmittag kurz vor 16 Uhr so langsam der Saal der Mückenschänke beginnt zu füllen, ist vor allem die Freude auf den Gesichtern jener zu sehen, die hier in den nächsten Stunden zusammenkommen werden. Ein erstauntes "Mensch, dich hätte ich im Leben nie wieder erkannt", ist ebenso zu hören, wie ein begeistertes "Du schaust doch noch genauso aus wie damals!"

Dass damals schlappe 30 Jahre her ist, die Haare wahlweise lichter oder grauer geworden, aus den jungen Müttern und Vätern von einst stolze Großeltern geworden sind, die eigenen Krankenakten inzwischen von Hüft- und Bypassoperationen erzählen und statt des lang erwarteten Trabis von damals auf dem Parkplatz nun der Rollator direkt neben dem Tisch steht - ganz egal! Was für die gut 80 Anwesenden in diesen Momenten zählt, ist einzig die Tatsache, sich wiedersehen zu können. Endlich auf die ehemaligen Kollegen zu treffen, mit denen die meisten bis zum Juni 1991 in der Großenhainer Papierfabrik zusammengearbeitet haben. Seite an Seite in der Produktion, gemeinsam im Büro, der Kantine oder in der betriebseigenen Feuerwehr.

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Aufgenommen am letzten Produktionstag im Juni 1991: Hier sind die gut 300 Mitarbeiter jeden Tag zur Arbeit gegangen. Im Schicht-System tätig, gab es zahlreiche verschiedene Bereiche.
Aufgenommen am letzten Produktionstag im Juni 1991: Hier sind die gut 300 Mitarbeiter jeden Tag zur Arbeit gegangen. Im Schicht-System tätig, gab es zahlreiche verschiedene Bereiche. © Klaus-Dieter Brühl

An diesem Oktobertag 2021 sitzen sie nun wieder Seite an Seite und erzählen, was Gedächtnis und Stimme hergeben. Erinnerungen werden wach an all das, was sie bis zum heutigen Tag verbindet. Spätestens, als der 20-minütige Schwarz-Weiß-Film beginnt zu laufen, ist dann alles wieder da. Die Fabrik, von der schon in den 1920er Jahre auf vielfältige Weise die Rede gewesen ist, in welcher für die Aufrechterhaltung der Produktion im Zweiten Weltkrieg Kriegsgefangene eingesetzt worden waren und die 1968 in ein so genanntes Kombinat überführt und zum 1. Januar 1969 vom VEB Vereinigte Papierfabriken Heidenau übernommen wurde.

An der Spitze seit November 1960 dabei weiterhin jener Mann, der von diesem und jenem auch noch heute achtungsvoll als Chef angesprochen wird. Im Kreise des einstigen Betriebsarztes Dr. Eckehart Horn und seiner Schwester Margarethe "Gretel" Rauer sitzt der 93-Jährige inmitten seiner einstigen Truppe. Eberhard Ehlert, gelernter Buchhalter, und wie alle anderen auch stets mit Herzblut dabei gewesen.

Ein Blick ins Heiligtum: Die Kartonagemaschine III produzierte Verpackungskarton mit niedrigen Grammaturen.
Ein Blick ins Heiligtum: Die Kartonagemaschine III produzierte Verpackungskarton mit niedrigen Grammaturen. © Brühl

Immerhin: die Papier- und Kartonherstellung - die Fabrik produzierte als einzige in der ehemaligen DDR Buchdeckel für Kinderbücher - sei ein aufwendiger Herstellungsprozess gewesen. Für insgesamt drei in Betrieb befindliche Maschinen habe man pro Tag gut 100 Tonnen Altpapier benötigt. Eberhard Ehlert hat alle Fakten parat, gerade so, als sei die Zeit stehengeblieben. Für die zwei Kartonmaschinen hätten allein 60 bis 70 Tonnen zur Verfügung stehen müssen. Gut 50 Tonnen Karton täglich wären auf der sogenannten Kartonmaschine II hergestellt worden, ab 1969 wurde dann Buchdeckelkarton für die polygraphische und Bücher-Herstellung produziert.

Zweigeteilt: Es gab im Werk eine Seite für die modernere Papiermaschine und eine Kartonseite mit zwei Maschinen. Die Strecke war 50 bis 60 Meter lang.
Zweigeteilt: Es gab im Werk eine Seite für die modernere Papiermaschine und eine Kartonseite mit zwei Maschinen. Die Strecke war 50 bis 60 Meter lang. © Klaus-Dieter Brühl

Um genau zu sein, bis zum Juni 1991. Hatten nach der politischen Wende bereits zwei Entlassungswellen dafür gesorgt, dass die Belegschaft zusehends geschrumpft war, endete mit einer dritten und letzten eine wirtschaftliche Ära in Großenhain. Vorbei damit die Zeit, in der ein eigenes Pumpenwerk auf der Radeburger Straße den hohen Wasserverbrauch sicherstellte und eine eigene Werks-Lok an der so genannten Übergabestelle Waldaer Straße eigens aus Russland geliefertes Fichtenfaserholz abholte und in den Betrieb fuhr.

Auch wenn an diesem Tag des Wiedersehens der bereits 2010 verstorbene Werkslokführer Herbert Schröder nicht mehr dabei sein kann. Seine Tochter Bettina Pusch, die gemeinsam mit Annegret Grünberg und Bernd Heppner das Treffen organisiert, ehemalige Mitarbeiter deutschlandweit aufgespürt, kontaktiert und zur offenkundigen Begeisterung aller wieder zusammengeführt hat, erinnert sich noch gut an die gemeinsamen Jahre. Als gelernte Facharbeiterin für Schreibtechnik habe sie ab 1983 als Sekretärin der Werksleitung um Eberhard Ehlert arbeiten dürfen. Und habe so wie alle anderen bis zur letzten Sekunde gehofft, die Schließung des Werks könne doch noch abgewendet werden.

Die letzten Mitarbeiter Heinz Habla (re.) und Manfred Fetting bei der manuellen Umreifung einer Kartonplatte. Dahinter befindlich die Klebemaschine, denn die Kartonbahnen wurden zu dicken Buchbahnen zusammengeklebt. Buchdeckel-Karton, der für Kinderbücher
Die letzten Mitarbeiter Heinz Habla (re.) und Manfred Fetting bei der manuellen Umreifung einer Kartonplatte. Dahinter befindlich die Klebemaschine, denn die Kartonbahnen wurden zu dicken Buchbahnen zusammengeklebt. Buchdeckel-Karton, der für Kinderbücher © Klaus-Dieter Brühl

Nun, alle Frauen und Männer, die fröhlich schwatzend den Brückenschlag zwischen gestern und heute versuchen, sind eines Besseren belehrt worden. Doch angesichts dessen, wie sie da nun drei Jahrzehnte später in Großenhain wieder unbeschwert und laut plappernd beieinander sitzen, wird eines schnell klar: Ihr Betrieb mag schon längst der Vergangenheit angehören. Der Schornstein als letztes aufrechtes Symbol in Folge des Pfingsttornados 2010 eingestürzt und viele von ihnen schon gar nicht mehr da sein. Doch diejenigen, die es wie die 94-jährige ehemalige Rollenpackerin Marie Pfitzner glücklicherweise sein dürfen, werden immer das bleiben, was sie waren: Die Kollegen aus der Großenhainer Papierfabrik.

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