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Großenhainer Wickelzwerge

Was, es gibt noch Stoffwindeln? Und was für Praktische, wie ein Workshop jetzt zeigt.

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© Klaus-Dieter Brühl

Von Birgit Ulbricht

Großenhain. Da könnte man nachträglich neidisch werden. Diese Windeln fassen sich herrlich flauschig an, sie sind zum Einknöpfen oder Einlegen, die laminierten Überhosen sind farbenfroh, atmungsaktiv und trotzdem dicht. Kein Vergleich mehr zu den DDR-Baumwollwindeln, die mit Folien umwickelt waren, und schon nach wenigen Malen Ausspülen knochenhart wurden.

Sandra Raddatz (30), ist Physiotherapeutin und seit dem zweiten Kind überzeugte Stoffwindel-Mutter. Jetzt gibt sie sogar Workshops dazu.
Sandra Raddatz (30), ist Physiotherapeutin und seit dem zweiten Kind überzeugte Stoffwindel-Mutter. Jetzt gibt sie sogar Workshops dazu.

Was sich aus der Generation erhalten hat, ist aber auch ein selbstverständliches Herangehen ans Thema „Stoffwindel“. Das ist mein erster Eindruck beim „Stoffwindel-Workshop“ von Sandra Raddatz. Die 30-Jährige hat selbst zwei Kinder und wie andere junge Leute irgendwann die Pampers weggelegt und ist zu natürlichen Materialien zurückgekehrt. Die zehn jungen Mütter bzw. Schwangeren, die ihr in den Räumen der Hebamme Mareen Bunzel zuhören, sind keine „Ökos“.

Auch Sandra Raddatz Auslöser war ein höchst praktischer: „Der Kleine hatte die Wegwerfwindeln nicht vertragen, und da die Große auch noch nicht aus den Windeln war, war unsere Tonne immer nur mit Windeln voll“, berichtet sie. Tatsächlich ist der Müllberg, den ein Kind mit etwa 6000 Pampers in seinem Windelleben hinterlässt, riesig. Inzwischen gibt es lokale Kostenrechner, wie den von der Dresdner Windelmanufaktur, die exakt hiesige Wasser-, Strom- und Müllpreise einkalkulieren (s. Kasten). Doch die jungen Frauen wollen auch endlich eine Windel finden, die nachts durchhält, einem wunden Po beikommen oder schlicht „diese schönen Windeln“. Die Motive sind so breitgefächert wie das Angebot.

Stoffwindel oder Wegwerfwindel?

Länger am Po bleibt nach Studien die Einwegwindel. Sie leitet die Feuchtigkeit ins Innere der Windel, so dass sich der Po länger trocken anfühlt. Das ist nicht unbedingt gut, Kinder werden mindestens drei Monate später sauber als mit Stoffwindel. Die Stoffwindeln mit Überziehhose sind auch nachts besser – sie halten dicht. Hautrötungen und Allergien kommen häufiger bei den luftdichten Wegwerfwindeln vor.

Zeitaufwendiger ist die Stoffwindel. Je nach System muss man sich darauf einstellen, Familie und Krippe ggf. einbeziehen.

Kostengünstiger sind eindeutig Stoffwindeln und das schon bei einem Kind. Bis zu 6000 Windeln verbraucht ein Kind (Zeitschrift Eltern). Allein der Müllberg ist enorm und passt oft nicht in die Tonne. Vergleichsweise genügen 40 Einlagen verschiedener Materialien mit bis zu sechs Überhosen. Unter „Kostenvergleich-Stoffwindeln-Wegwerfwindeln.xlsx“ findet man im Internet einen lokal individuellen Kostenrechner.

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Wie bei vielen Produkten macht jede Firma ihrs – und die jungen Eltern sind bei den vielen „Windelsystemen“ zunächst natürlich etwas ratlos. Dabei ist das vom Grundgedanken her gar nicht so kompliziert. Es gibt Windelhosen, fest verbunden mit allem Drin – da muss alles komplett gewaschen werden. Und es gibt letztlich Windelhosen, in die die Einlagen eingeknöpft, gelegt oder geklettet werden, und die damit einzeln waschbar sind. Etliche Modelle haben zusätzlich einen laminierten Nässeblocker eingeknöpft, der die Überhose schön trocken hält. Zum Aufsaugen gibt es Hanf-, Bambus-, Baumwoll- oder Mikrofasereinlagen.

Manche kaufen sich als Einlagen sogar Ikea-Gästehandtücher, weil die praktisch sind, verrät Sandra Raddatz schmunzelnd. Der Kombinationslust von Müttern und Vätern sind da keine Grenzen gesetzt. Die grob gereinigten Windeleinlagen kommen in einen Eimer oder laminierten Stoffsack – fertig. Ob Krippe und Kita das auch so entspannt sehen? Die Umfrage in der Runde ergibt: Wenn Erzieherinnen aufgeschlossen sind, gibt es keinerlei Probleme.

Wo Stoffwindeln prinzipiell abgelehnt werden, kann es Diskussionen geben. Sandra Raddatz empfiehlt daher weniger zaghaftes Anfragen, mehr praktisches Vorführen. „Aber manchmal trauen sich Oma und Opa auch nicht ran“, sagt Sandra Raddatz, „da nehmt Ihr eben dort Pampers“, gibt sie den Frauen im Workshop mit auf den Weg. Auch im Urlaub oder wenn das Kind krank ist, könne das durchaus einmal hilfreich sein. Doch sie kenne niemanden, der von Stoffwindeln wieder komplett auf Wegwerfwindeln umgestiegen sei. Wer Tipps möchte oder Fragen an andere Eltern loswerden will, kann bei den „Großenhainer Wickelzwergen“ im Internet jederzeit nachfragen.