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Hausgemachter Terror

Video. Täter bekennen sich zu den Anschlägen in London und drohen mit „weiteren Katastrophen“.

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Von Jochen Wittmann,SZ-Korrespondent in London

Wir befinden uns im Krieg und ich bin ein Soldat“, drohte Mohammed Khan, „jetzt werdet auch ihr die Realität der Situation schmecken.“ Mit einem gespenstischen Statement, das als Bekenner-Video vom arabischen Fernsehsender al-Dschasira ausgestrahlt wurde, meldete sich der britische Selbstmordbomber aus dem Jenseits zurück.

Mohammed Sidique Khan, Anführer der Terrorzelle, die am 7. Juli vier Rucksackbomben in London zündete, klagte die britische Regierung an, „Gräueltaten gegen Moslems“ auszuführen, und bezeichnete den al-Qaida-Chef Osama bin Laden als seine Inspiration.

Al-Qaida wird nicht genannt

Auf einer zweiten Aufnahme auf dem Videoband ist auch Aiman al-Sawahiri, angeblich die Nummer zwei der Terrororganisation, zu sehen. Er sagte, die Londoner Anschläge seien eine Reaktion auf die Außenpolitik des britischen Premierministers Tony Blair und bezeichnete sie als „Schlag ins Gesicht des tyrannischen und arroganten Kreuzritterlandes Großbritannien“. Er drohte mit neuen Terrorakten gegen diejenigen Länder, „die an der Agression gegen Palästina, Irak und Afghanistan teilnehmen“.

Experten von Scotland Yard analysieren zurzeit das Video. Unklar ist sowohl, an welchem Ort Khans Terror-Testament aufgenommen wurde, als auch dessen genauer Zeitpunkt. In keiner der beiden Botschaften wird explizit al-Qaidas Verantwortung für die Londoner Anschläge erklärt. Daher interpretiert man das Videoband nicht als zwingenden Beweis dafür, dass die Führungsspitze der Organisation die Selbstmordattentate direkt angeordnet hätte. Jedoch steht nun außer Frage, dass Khan von al-Qaidas Terrorideologie inspiriert wurde und bewusst zum Märtyrer werden wollte.

Der 30-jährige Hilfslehrer aus dem nordenglischen Dewsbury, der von seinen Schülern geliebt und als ein „großmütiger Bär“ bezeichnet wurde, entpuppt sich in seinem gespenstischen Testament als ein völlig gelassener, aber zu allem entschlossener Fanatiker, der seinen Landsleuten noch mehr Tote und Zerstörung androht. Mit einem arabischen Kopftuch und zugleich in schwerem Yorkshire-Akzent, erklärt Khan, dass „sein Volk“ die moslemische Nation und sein Feind dagegen die Menschen seien, unter denen er auwuchs.

Mit dem Video sehen sich die Briten mit der erschreckenden Wahrheit konfrontiert, dass der Terror hausgemacht ist und dass die Selbstmordattentäter in der eigenen Mitte leben. Außenminister Jack Straw wehrte sich gegen die von Khan betonte Verbindung zwischen dem Irak-Krieg und den Londoner Terroranschlägen. Am Tag zuvor hatte der Kandidat für den Vorsitz der britischen Konservativen Kenneth Clarke die Regierung aufgefordert, sich der Realität zu stellen und anzuerkenen, dass die „katastrophale Entscheidung“, im Irak einzumarschieren, das Land „zu einem der herausragenden Ziele für den islamischen Extremismus“ gemacht habe.