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Herrnhuts ältester Bibliothekar

Günther Selle ist 88 Jahre und führt seit 25 Jahren die Großhennersdorfer Bibliothek. Das hat einen Grund.

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© SZ/Steffen Gerhardt

Von Steffen Gerhardt

Großhennersdorf. Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein. Günther Selle sitzt am Schreibtisch. Vor ihm stapeln sich die zurückgegebenen Bücher, die er noch einsortieren will, und rechts von ihm steht ein Karteikasten. Dieser ist gefüllt mit Karten im Postkartenformat. Ein Computer, den braucht der Rentner nicht. Der ehrenamtliche Bibliothekar vermerkt die Ausleihe handschriftlich auf der Karteikarte, die erst in jedem Buch und dann in seinem Holzkasten steckt. Das macht Günther Selle seit 1991 – und auch heute hat er Freude daran, an die Großhennersdorfer Bücher, CDs mit Musik und Hörspielen sowie Videos auf DVD auszuleihen. Und das alles mit 88 Jahren. Somit dürfte der Großhennersdorfer der wohl älteste Bibliothekar über den Landkreis hinaus sein, der noch Medien ausleiht. „Als Rentner mit 63 habe ich mich um die freie Stelle für die Großhennersdorfer Bibliothek beworben. Wahrscheinlich war ich der Einzige und wurde genommen“, sagt er rückblickend. Jetzt sind es 25 Jahre geworden, dass der ehemalige Robur-Werker dieses Ehrenamt ausführt.

Das Lesen hat ihm schon immer Spaß gemacht, erzählt er. In seinem Heimatdorf, einem abgebaggerten Ort bei Bogatynia, war er einer der beiden Jungs, die dem Dorfschullehrer in der Bibliothek halfen. „Im Winter mussten wir als Erstes den kleinen Ofen anheizen, bevor der Lehrer kam“, erinnert er sich. Die Zeit in der Bücherei nutzte er als Schüler, um seinen Wissensdurst zu stillen, auch über Länder, die für ihn damals unerreichbar waren. Das änderte sich einige Jahrzehnte später. „Mit meiner Frau bin ich viel durch Europa gereist. Wir schauten uns die Länder an, über die ich vorher gelesen habe. So gingen wir gut informiert auf Reise.“

Seit 17 Jahren ist Günther Selle alleinstehend, lebt mit seiner Tochter in einem Haus im Oberdorf und liest jetzt gern Krimis. „Die Regale zu Hause sind voll mit Büchern, denn über die Jahre hat sich einiges angesammelt.“ Zwar kann Günter Selle mit dem Bestand der Großhennersdorfer Bibliothek nicht mithalten. Sie verfügt über 4000 Medien. Aber immerhin schätzt der Rentner seinen Buchbestand auf rund 2500 Exemplare. „Hin und wieder leihe ich auch mal meine Bücher aus“, sagt er. Bücher, die er für andere interessant findet, beziehungsweise, wenn Leute nach bestimmten Titeln fragen, die in der Bücherei nicht vorhanden sind. Dennoch verwaltet Günther Selle in der ehemaligen Ortsschule keinen Altbestand. Durch die Kreisergänzungsbibliothek bekommt er monatlich neues Lesefutter für seine Nutzer. 30 sind es insgesamt, die jeweils Donnerstagnachmittag in die Bücherei neben der Außenstelle des Stadtamtes kommen.

Dass die Zahl der Bibliotheksnutzer rückläufig ist, ärgert einen intensiven Buchleser, wie es Selle ist. Aber die heutige Medienvielfalt scheint immer mehr „das gute Buch“ zu verdrängen, glaubt er. Umso mehr freut es ihn, dass sich die Stadt Herrnhut noch vier Bibliotheken leistet. Neben seiner in Großhennersdorf kommen noch die in Berthelsdorf und Rennersdorf dazu. Beide sind ebenfalls an einem Dienstag- beziehungsweise Donnerstagnachmittag in der Woche geöffnet. Sowie die Zentralbibliothek im Herrnhuter Gildenhaus, die dienstags bis donnerstags von 13 bis 17 Uhr öffnet.

Die Liebe zum Buch führte Günther Selle schließlich zum Beruf des Buchbinders, den er nach dem Krieg lernte und bis 1953 ausübte. Dann ging er als ungelernter Arbeiter ins Robur-Werk nach Zittau. Dort schaffte er es als Mechaniker bis zum Meisterabschluss und war für die Kooperationspartner des Zittauer Betriebes zuständig. In diesen Jahren war er Stammkunde in der Zittauer Volksbücherei. „Es kostete ja nichts!“. Obwohl das nicht der Grund war, zumal sich Günther Selle jeden Monat ein, zwei Bücher selbst kaufte und auch las.

Mit seiner Bibliothek hat der Großhennersdorfer schon einiges erlebt. „Seitdem ich sie führe, sind wir fünfmal im Ort umgezogen“, berichtet er. Nun hofft er, in der Alten Schule angekommen zu sein und sie noch eine gute Zeit lang führen zu können. Denn das Auto- und das Radfahren hat er aus gesundheitlichen Gründen aufgegeben. Nun bringt und holt ihn seine Tochter oder eine Stadtangestellte mit dem Auto. Darüber ist Günther Selle sehr froh. Denn ohne seine Bibo würde ihm auch mit 88 etwas fehlen.