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Hier lebte Deutschlands erste Pilotin

Das Geburtshaus von Melli Beese in Laubegast hat neue Besitzer. Sie laden auch Besucher ein.

© Sven Ellger

Von Nora Domschke

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Na gut, die rostige Wasserpumpe macht jetzt nicht den besten Eindruck. Und auch das Haus in dem verwilderten Garten gegenüber der Laubegaster Werft hat seine besten Zeiten hinter sich. Oder doch nicht? Wenn es nach Silvia Tröster geht, liegen die rosigen Zeiten des Anwesens an der Österreicher Straße wohl in der Zukunft. Die gebürtige Schweizerin ist stolze Mitbesitzerin des Melli-Beese-Hauses. Gemeinsam mit ihrem Lebenspartner und zwei Freunden hat sich die Historikerin, die im Sommer ihren 60. Geburtstag feiert, einen Traum erfüllt und das Geburtshaus von Deutschlands erster Pilotin gekauft.

Heute ist im Haus vieles verändert, Küche ... © Sven Ellger
und Wohnzimmer sollen wieder hergerichtet werden. Auch für viele Gäste. © Sven Ellger

Traumhaft ist das vor allem auch für jene Menschen, die – wie Silvia Tröster – ihr Herz an die Architektur vergangener Zeiten verloren haben. Denn mit den neuen Besitzern steht fest: Das Haus wird erhalten und saniert. Und, was Silvia Tröster besonders wichtig ist, nicht zugebaut. „Wir wissen, dass es etliche Immobilienfirmen gab, die Interesse hatten“, erzählt sie. Wohl vor allem deshalb, weil das Areal vor dem Haus als Bauland nutzbar wäre. „Ich mag mir gar nicht vorstellen, dass in dem schönen Obstgarten Einfamilienhäuser gebaut worden wären“, sagt Silvia Tröster, die als Chefin des Kulturreisebüros Stadtführungen anbietet. Ihre Liebe zu Dresden, seiner Geschichte und den alten Gebäuden entdeckte sie 1976, als sie die Elbestadt zum ersten Mal besuchte. Zwei Jahre nach der politischen Wende verließ Silvia Tröster ihre Heimat Schweiz und zog nach Dresden, seit 1995 wohnt sie in Laubegast.

Als Historikerin befasst sie sich mit der Geschichte der Stadt und ihren Berühmtheiten. „Dabei bin ich auch auf Melli Beese gestoßen.“ Hedwig Amelie Beese, 1886 in Laubegast geboren, erhielt 1911 als erste Frau in Deutschland einen Pilotenschein. Dass sie nun das Erbe dieser starken Frau vor dem Verfall rettet, macht Silvia Tröster sichtlich glücklich. Dieses Glück will sie mit den Dresdner teilen. „Wir wollen hier nicht residieren“, betont sie. „Das Haus soll als warmer, schöner Ort genutzt werden.“ Erst kürzlich hat sie den Galerieraum, wie die Laubegasterin ihn nennt, zum vierten Mal für eine Veranstaltung geöffnet. Silvia Tröster greift an diesen Abenden selbst zum Buch, liest etwa Briefe vor, die Else Lasker-Schüler und Franz Marc austauschten. An den Wänden im Galerieraum hängen Bilder lokaler Künstler. Einer der Maler lebt mittlerweile sogar selbst in der oberen Etage. Viel Werbung muss Silvia Tröster für ihre Veranstaltungen nicht machen, ein Aushang am Gartentor genügt, um den Veranstaltungsraum mit mehr als 40 Gästen zu füllen.

Das liegt vielleicht auch daran, weil neben dem Interesse an Kunst und Literatur auch die Neugier groß ist, wie das Haus eigentlich im Inneren aussieht. Gebaut im Schweizer Stil – was für ein Zufall, könnte man meinen – ist es mit den filigran gearbeiteten Holzelementen ein architektonisches Kleinod in Laubegast.

Ob Melli Beeses Vater, ein Architekt, das Haus selbst gebaut hat, ist bislang nicht eindeutig geklärt, sagt Silvia Tröster. „Wir haben herausgefunden, dass er 1894 seine Fabrik im Bereich des Gartens erweitern wollte. Dafür bekam er aber keine Genehmigung.“ In den vergangenen 50 Jahren gehörte das Haus einer Familie Kästner. Weil sich die vier Erben nicht einigen konnten, ob das Haus verkauft werden soll oder nicht, verfiel es zunehmend. „2011 hatten wir zum ersten Mal Kontakt mit Kästners“, erzählt Silvia Tröster. Fünf Jahre lang kämpfte sie um ihren Traum, bis sie 2016 mit ihren Mitstreitern endlich den Kaufvertrag unterschreiben konnte.

Über Geld will Silvia Tröster nicht sprechen. Aber über ihre Pläne, 2021 mit ihrem Lebenspartner selbst ins Haus einzuziehen. „Bis dahin ist noch viel zu tun.“ Beim Anblick der Räume wird dann auch schnell klar: Hier werden wohl noch etliche Euro nötig sein, um sie wieder herzurichten. Im hinteren Teil – übrigens ein Anbau aus späterer Zeit – befindet sich die Küche, hinter der Veranda liegt das Galerie- und Wohnzimmer. In den Zimmern zeigt sich, wie schwer es offenbar zu DDR-Zeiten war, so ein altes Haus bewohnbar zu halten. Eben mit allem, was es gab. Vieles ist verändert, im Wohnzimmer wurde eine Zwischendecke eingebaut, der Boden mit Spanplatten abgedeckt. Einiges davon wird verschwinden, anderes, wie etwa die blau-weißen Küchenfliesen, bleibt erhalten.

Wer einmal selbst einen Blick ins Haus werfen möchte, sollte die Augen offen halten. Der nächste Aushang für einen Literaturabend hängt bestimmt bald am Tor.