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Hochsicherheitsinsel für die Flussseeschwalben

In zwei Oberlausitzer Teichen werden die Vögel besonders geschützt – Mink und Waschbär würden sonst ihre Nester ausräubern.

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© Wolfgang Wittchen

Von Irmela Hennig

Die Schutzbleche sind unter Strom gesetzt. Es gibt einen Drahtzaun und gewölbte Dachziegel, unter die sich die Jungvögel verkriechen können. Die künstliche Brutvogelinsel auf dem Tauerwiesenteich bei Mücka hat etwas von einem Hochsicherheitstrakt.

Wären da nicht Waschbär und Mink. Um die abzuhalten, wurde die Insel mit Blechen verkleidet, sodass die Räuber sich nicht hochziehen können. Eine ähnliche Insel auf dem Tauerwiesenteich wurde sogar unter Strom gesetzt. Unter den gewölbten Dachziegeln auf
Wären da nicht Waschbär und Mink. Um die abzuhalten, wurde die Insel mit Blechen verkleidet, sodass die Räuber sich nicht hochziehen können. Eine ähnliche Insel auf dem Tauerwiesenteich wurde sogar unter Strom gesetzt. Unter den gewölbten Dachziegeln auf © Wolfgang Wittchen

Mitarbeiter des Biosphärenreservats Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft haben sie schon vor einigen Jahren aufgebaut. Ein Teichwirtschaftsbetrieb hat Pontons zur Verfügung gestellt. Die wurden mit Drahtseilen an Betonklötzen auf dem Grund befestigt. Und kaum war die Insel da, kamen sie, die Flussseeschwalben. Die Zugvögel hatten zuvor versucht, an Tagebaurestlöchern Nester zu bauen und Junge großzuziehen. So richtig erfolgreich waren sie nicht.

Doch die Insel hat sich quasi herumgesprochen unter den Vögeln. Bis zu 160 Brutpaare gab es, weiß Mario Trampenau, Ranger im Biosphärenreservat. „Und dann wurden es plötzlich immer weniger“, erzählt der Reservatswächter. Der Waschbär hatte die Insel als Vorratskammer entdeckt und räuberte die Nester leer. Waschbären sind gute Schwimmer. Dass die Insel mitten im Teich liegt, macht ihnen nichts aus. Also musste ein Schutz her. Bleche wurden schräg rund um die Insel angebracht, sodass Waschbären und auch Minks sich nicht von unten aus dem Wasser hochhangeln können. „Eine Weile hat das funktioniert, dann hatten sie das Hindernis irgendwie überwunden“, erzählt Maik Rogel. Auch er ist Reservatsranger und gelernter Teichwirt.

Eine neue Lösung musste her. Mit Hilfe von Solarenergie wurden die Bleche unter Strom gesetzt. Unwillkommene Räuber erhielten einen leichten Schlag, wenn sie versuchten, die Insel zu entern. Auch damit waren die Flussseeschwalben und ihr Nachwuchs sicher. Zumindest eine Weile. „Aber plötzlich wurden keine Jungen mehr groß“, berichtet Maik Rogel. Warum das? Waschbären konnten es nicht sein. Eine Wildkamera brachte des Rätsels Lösung: Ein Uhu holte nachts die kleinen Vögel aus den Nestern. Über seine Rückkehr hatten sich die Mitarbeiter des Biosphärenreservats eigentlich gefreut. Der Größte unter den Eulenvögeln ist bedroht. Dass er nun zwischen Bautzen und Niesky wieder heimisch ist, sei gut und gewollt. Dass er den Schwalben-Nachwuchs auffrisst, sei trotzdem nicht schön. „Aber dagegen sind wir machtlos“, meinen die Ranger.

25 Paare halten durch

Naja, so ein Artenschützer gibt allerdings nicht wirklich auf. Also setzten die Mitarbeiter gewölbte Dachziegel auf die Insel – als Schutz für die Brut. Die kleinen, flauschigen Vögel können dort unterschlüpfen. Es hilft ein bisschen. Um die 25 Paare brüten noch auf dem Tauerwiesenteich. Ab und zu beobachtet von Vogelfans, die aus ganz Europa in die Oberlausitz kommen, um genau hier seltene Tiere und die vielen Vögel zu sehen.

Kiebitze zum Beispiel, deren Junge im Mai gerade geschlüpft sind. Schwarzkehlchen, die ihren Nachwuchs da schon fütterten. Reiher, die auf ihren Horsten brüten. Und die Feldlerchen, die auch Nachwuchs haben. „Hoffentlich entdeckt sie der Waschbär nicht“, meint Dirk Weis, diplomierter Forstingenieur und zuständig für Arten- und Biotopschutz im Biosphärenreservat. Die Vierbeiner sind wie der Mink ein echtes Problem für Oberlausitzer Vogelarten. Beide zählen zu den sogenannten Neozoen. Sie sind Tiere, die hier eigentlich gar nicht hergehören. Waschbären wurden unter anderem 1934 am hessischen Edersee ausgesetzt. Sie sollten „die heimische Fauna bereichern“, so hieß es damals. Doch sie haben ihr eher zugesetzt. Die kleinen Raubtiere, die ursprünglich in Nordamerika heimisch sind, kommen mit dem mitteleuropäischen Klima wunderbar klar. Und finden hier gerade auch durch die vielen Brutvögel ein Schlemmerparadies. Während nordamerikanische Vogelarten mit dem Waschbär schon irgendwie zurechtkommen, sind ihm europäische Vögel hilflos ausgeliefert. So wie dem Mink, auch amerikanischer Nerz genannt. Der wurde unter anderem von „Tierschützern“ aus Pelzfarmen freigelassen.

Beide – Waschbär und Nerz – setzen den hier heimischen Arten zu. Man könnte ihrer schon Herr werden, durch sehr intensive Bejagung. Dass dies funktioniert, hat ein Projekt gezeigt, das in Mecklenburg-Vorpommern mit Hilfe von Studenten gelaufen ist. „Aber sobald die Jagd nicht mehr stattfindet, rücken andere Waschbären nach“, erzählt Dirk Weis. Es müsste also immer jemand am Ball bleiben, nahezu ununterbrochen Fallen aufstellen. Die auch kontrollieren. Denn es könnte ja ein geschützter Fischotter hineingeraten. „So etwas läuft nur, wenn durch den Staat jemand dafür bezahlt oder angestellt wird, der das konsequent macht“, glaubt Ranger Maik Rogel. Doch da sei nichts in Sicht.

Die Flussseeschwalben indes sind sicher, zumindest vor Waschbär und Mink. Und auf den Guttauer Teichen, wo es seit 2013/2014 ebenfalls eine Brutinsel gibt, hat sie auch der Uhu noch nicht entdeckt. Hier brüten Lachmöwen und Schwalben in einer Kolonie. Gerade wird viel geflogen und geflattert, nach Futter geheischt und an Nestern gebaut. Naturfreunde können dem Schauspiel wunderbar zuschauen von einem Turm aus, der vor einiger Zeit am Ufer aufgestellt worden ist. Ein reichlich fünf Kilometer langer Naturlehrpfad führt um die kleinen Gewässer herum. Auf den Teichen schwimmen Enten und Schwäne. Mit Glück können Spaziergänger einen Eisvogel entdecken oder einen Seeadler kreisen sehen. 160 Brutvogelarten gibt es im Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft. Manche, wie die Seeadler, haben hier inzwischen eine stabile Population und machen sich gut. Bei anderen sieht es nicht so rosig aus. Kolben- und Löffelenten sind selten geworden, meinen die Ranger. Der Rothalstaucher ist verschwunden und bei den Störchen geht es mal besser, mal schlechter. Schuld sind nicht nur Einwanderer wie Mink und Waschbär. „Am Ufer ist Schwarzwild unterwegs. Denen sind Eier von Bodenbrütern natürlich willkommen“, weiß Maik Rogel. Und der Mensch hat mit intensiver landwirtschaftlicher Nutzung und Monokultur auch seinen Anteil am Vogelverschwinden.

Nilgänse machen Horste streitig

Doch Neozoen sind ein echtes Problem. Nilgänse beispielsweise, sie machen Fischadlern und Störchen die Horste streitig. Ursprünglich stammt der Vogel aus Afrika. Einige Exemplare sind von Züchtern oder Zoos im Ruhrgebiet ausgebüxt, haben sich ausgebreitet. Nun fühlen sie sich auch in der Oberlausitz wohl.

Zurück an den Guttauer Teichen. Reichlich fünf Kilometer von der Insel entfernt nistet auch ein Uhu. Noch hat er die Flussseeschwalben und Lachmöwen auf dem Wasser nicht entdeckt. Die genießen die Nahrungsfülle unter ihrer Insel. Die Zuchtkarpfen der Teichwirte stehen für sie nicht auf dem Speiseplan. Sie bevorzugen die kleinen Wildfische, wie Plötze und Rotfeder. Die gibt es in der Teichlandschaft immer. Kies- und Schotterbänke an Flüssen und Bächen wären der natürliche Brutplatz der Schwalben. Doch die verschwinden vielerorts. Also braucht der Zugvogel, der in den Tropen und in gemäßigten Breiten auf der Südhalbkugel überwintert, Alternativen. Er ist auch auf Menschen angewiesen, die solche Ausweichmöglichkeiten schaffen – und den Waschbär in Schach halten.