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Honeckers zweite Stimme

Wolfgang Ghantus dolmetschte für die DDR-Führung. Er ist bis heute gut im Geschäft.

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Von Karin Großmann

Heute lernt Wolfgang Ghantus das englische Wort für Ausnüchterungszelle. Nicht, dass er es brauchen würde. Das Wort ist ihm beim Rasieren zugelaufen. Im Bad hört er morgens die BBC. „Ein guter Sender“, sagt Ghantus, „und man bleibt an der lebendigen Sprache dran.“ Jeden Tag merkt er sich ein neues Wort oder eine Redewendung. Da wächst mit der Zeit eine imposante Vokabelliste. Manche Begriffe setzen schon Moos an. Der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe wurde lange nicht mehr gebraucht. Der englische Terminus für Rettungsschirm ist jetzt wichtiger. Er steht in keinem Wörterbuch. Eine wörtliche Übersetzung wäre nur die zweitbeste Variante.

Wolfgang Ghantus kann die englische Sprache in Vorwendedeutsch und Nachwendedeutsch übertragen. Er arbeitete für Erich Honecker und Angela Merkel, für Werner Lamberz und Lothar de Maizière. Dazwischen, sagt Ghantus, war er keinen Tag arbeitslos. Er gehört zu den dienstältesten Englisch-Dolmetschern des Landes. Seit über sechzig Jahren ist er im Geschäft. Die Haartolle über der hohen Stirn ist grau geworden und auch das akkurat gestutzte Schnauzbärtchen, das er sich irgendwann mal von einem britischen Journalisten abgeguckt hat. Eine randlose Brille kam hinzu. Geblieben ist, was der Dolmetscher die wichtigste Voraussetzung für seinen Beruf nennt: unbegrenzte Neugier. Und Zurückhaltung. Er ist der Mann, der unauffällig im Hintergrund steht oder dezent hinter staatsmännischen Sessellehnen hervorschaut. In Zeiten extensiver Hofberichterstattung muss er auf zahllosen Zeitungsfotos zu sehen gewesen sein – wirklich gesehen hat man ihn nicht. Immer ging es um die anderen.

Jetzt geht es um ihn. Der 81-Jährige hat seine Erlebnisse aufgeschrieben. In seinem Arbeitszimmer stapeln sich Exemplare des Buches: „Ein Diener vieler Herren“. Truffaldino, der Diener im Bühnenstück von Goldoni, hatte mit zwei Herren Ärger genug. Ghantus spricht nicht von Ärger. Er deutet ihn manchmal an: „Axen ist mir ständig dazwischengefahren, weil er paar Brocken Englisch konnte.“ Hermann Axen war zuständig für auswärtige Angelegenheiten im Zentralkomitee der SED. Das klingt nach Mittelalter und ist doch Teil eines Lebens, das einen Mann wie Wolfgang Ghantus weit herumtrieb. Er war „Reisekader“, als es das Wort noch nicht gab. Fragt man ihn nach den neuen Herren von heute, sucht er einen Augenblick nach dem richtigen Wort. Dann winkt er ab. Seine Sympathie liegt woanders. „Brandt, Schmidt, Adenauer, das waren, mal unabhängig von der Richtung, große Persönlichkeiten. Aber jetzt die Jungschen… ick wees nich.“

Ghantus wohnt mit seiner Frau, einer „Edelsächsin“ aus Dresden, wie er sagt, in Berlin. Es ist eine ruhige Siedlung im Nordwesten der Stadt mit schmalen Straßen, struppigen Kiefern und einer Bäckerei an der Ecke. Eine Holztreppe führt in die Wohnung hinauf, ein langer Flur in das Arbeitszimmer. Es sieht aus wie in einer Buchhandlung mit angeschlossenem Völkerkundemuseum. Vor den Wörterbüchern, Nachschlagewerken und Biografien stehen afrikanische Frauenfigürchen und hölzerne Elefanten im Regal. Eine riesige rosige Muschel leuchtet scheinbar von selbst. Geschnitzte Masken, ein Tamburin, Grafiken hängen an der Wand. Andenken an Dienstreisen. Ghantus holt einen Stapel von Pässen aus dem obersten Fach seines Schreibsekretärs. Der erste blaue Pass war ausgestellt für einen „deutschen Staatsangehörigen“, obwohl es die DDR schon gab. Nummer 000999. Viele Leute waren nicht unterwegs.

Für Wolfgang Ghantus sprach seine Herkunft. Der Vater, ein Libanese, Seemann von Beruf, hatte auf Seiten der Résistance gekämpft, im französischen Widerstand. Ghantus nennt es seinen „antifaschistischen Familienbonus“. Er wuchs in Berlin-Charlottenburg auf und lebte nach dem Krieg bei den Großeltern in Sachsen-Anhalt. Mit dem „Familienbonus“ wurde er 1950 als Dolmetscher zum ersten Deutschlandtreffen der FDJ delegiert. Exakt zwei englische Ehrengäste, erzählt er, waren nach Berlin angereist. Dort lernte er einen der künftigen Herren kennen: Erich Honecker. Die Begegnung prägte sich aus gutem Grund ein. „Honecker bot mir aus einem mit Westzigaretten gefüllten Etui eine ,Camel‘ an ...“ Wie oft er später für den SED-Chef arbeitete, das, sagt Wolfgang Ghantus, hat er nicht gezählt. Zweimal begleitete er ihn nach Äthiopien. Beide Länder kooperierten ab 1976 heftig. Die DDR bildete nicht nur äthiopische Pädagogen und Ärzte aus, gab nicht nur Kredite über fast 200 Millionen US-Dollar, sie schickte auch Spezialtechnik. „Im Klartext“, sagt Ghantus, „waren das Waffen.“ Er erzählt, wie Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski über sein Netzwerk in den Großbäckereien Westeuropas haltbares Brot für die äthiopischen Soldaten backen ließ. Im Gegenzug bekam die DDR vor allem Kaffee. Auch Baumwollunterhemden.

Ghantus erzählt, als würde er einen Film abspulen. Zu sehen ist eine Reihe von sechs weinroten Staatskarossen. Sie rollen vorbei an Zuckerrohrfeldern, Bambushütten und braun dahinströmendem Wasser. In einem der Fahrzeuge auf der Rückbank: Erich Honecker und Mengistu Haile Mariam, Oberhaupt von Äthiopien. Vor ihnen: Wolfgang Ghantus. „Die haben geredet und geredet, und ich hab Hunderte Kilometer lang nach hinten guckend gedolmetscht.“

Auf seinem Schreibtisch in Berlin liegt eine Dose mit Salmiakpastillen. Andere Wundermittel? „Nur ausreichend Schlaf und ein gutes Frühstück.“ Auf Reisen hatte der Dolmetscher sein Appartement direkt neben Honecker, falls jemand dem DDR-Vertreter einen guten Morgen wünschen wollte. Mit Sprachen hatte der es wohl nicht so. Ghantus zögert einen Moment. „Ich plaudere kein Staatsgeheimnis aus, wenn ich sage: Es war schwer, für Honecker zu dolmetschen. Er sprach steif und monoton, ohne Punkt und Komma, er hatte ja keine Rhetorik. Auch privat blieb er förmlich.“

Einmal sagt Ghantus: Die Chemie muss stimmen. Mit Honecker stimmte sie nicht. Ebenso wenig mit Günter Mittag, dem DDR-Wirtschaftshüter. Lieber, erzählt der Dolmetscher, saß er nach einem Einsatz mit Chefplaner Gerhard Schürer nachts an der Hotelbar. „Der konnte Witze erzählen! Aber manchmal hat er sich auch bei mir ausgeweint, wenn eine kritische Analyse von ihm vom Tisch gewischt wurde.“ Am liebsten arbeitete Ghantus für Werner Lamberz, den viele in der DDR als Honeckers „Kronprinzen“ sahen und als politischen Hoffnungsträger. Lamberz kam bei einem Hubschrauberabsturz in Libyen ums Leben. Nur durch Zufall saß Ghantus nicht in der Maschine. Vier Särge begleitete er nach Berlin-Schönefeld zurück.

Mit einiger Skepsis verfolgt er heute die Nachrichten aus der arabischen Welt, aus Libyen und Ägypten. Ghantus kennt die Länder. Er kannte alle, die im ostdeutschen Oberbüro was zu sagen hatten. Auch wenn sie nichts zu sagen hatten, dolmetschte er. „Das gesprochene Wort ist ein Rohstoff, und aus minderwertigem Stoff kann man keine hochwertige Ware zaubern“, sagt er mit einem spöttischen Blick über den Brillenrand.

Der Englischspezialist arbeitete freiberuflich. Intertext vermittelte die Aufträge, der Fremdsprachendienst der DDR. Häufig kam der Anruf aus der Befehlszentrale der Regierung. Als die Regierung abtrat, ließ sie offenbar den Karteikasten mit Telefonnummern zurück. Ghantus spielte weiter den Diener. Fotos zeigen ihn zwischen Lothar de Maizière und George Bush im Weißen Haus in Washington. Der Dolmetscher begleitete den letzten Ministerpräsidenten der DDR nach London. Besonders in Erinnerung ist ihm das Sechsaugengespräch am Kamin mit Margaret Thatcher. Selten, sagt er, ist ihm jemand begegnet, der so klar und eindeutig formuliert. Das Problem: „Die Eiserne Lady begann am Morgen und endete gegen Mittag und holte nie Luft.“ Nur eine konnte diese Herausforderung noch toppen: Regine Hildebrandt .

Eine andere Herausforderung ist die Arbeit fürs Fernsehen. Ghantus übersetzte zum Beispiel den Reporter, der aus London von der Beisetzung von Lady Diana berichtete. Er übersetzte „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe ...“. Ghantus erzählt es mit einem Lächeln der Zufriedenheit. Sein Kollege vom anderen Sender sagte bloß: Jetzt kommt das Vaterunser.

Mehrmals die Woche sitzt der 81-Jährige über einem Saal in München, Frankfurt oder Berlin in der Glaskabine. Da geht es um Bierhefe oder Stromversorgung, kranke Papageien oder neue Medikamente gegen Hepatitis. Ghantus dolmetscht simultan bei Konferenzen. Im Bruchteil von Sekunden muss ihm das richtige Wort einfallen. Hier ist Schweigen nicht Gold. Es ist eine Todsünde. „Man braucht Nervenstärke, einen kühlen Kopf und ein überdurchschnittliches Speichervermögen.“ Gerade arbeitet Ghantus am Computer an einem Text zu juristischen Fragen bei Immobilien. Eine lange Reihe von Fachwörterbüchern steht auf dem Schreibtisch. In der Ecke die Standuhr schlägt die nächste Viertelstunde. Sie schlägt wie Big Ben in London, Herrin über die Zeit.