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Die Hoffnung stirbt zuletzt

Für Konzertveranstalter Joseph Thomann ist die Lausitzhalle Hoyerswerda eine feste Größe – mit großen Zweifeln freilich.

Die Lausitzhalle kann auch dank Joseph Thomann regelmäßig besondere Künstler begrüßen.
Die Lausitzhalle kann auch dank Joseph Thomann regelmäßig besondere Künstler begrüßen. © Archivfoto: Uwe Jordan

Von Jost Schmidtchen

Wann gibt es wieder Volksmusik und deutschen Schlager in der Hoyerswerdaer Lausitzhalle? Darüber sprachen wir mit Konzertveranstalter Joseph Thomann aus Bamberg. Rosig sieht er die Zukunft vorerst nicht.

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Ein Haus einzurichten oder den Umzug in eine neue Wohnung zu organisieren, treibt so manchem Zeitgenossen die Schweißperlen auf die Stirn.

Herr Thomann, es werden jetzt 35 Jahre, dass Sie die ersten Künstler aus dem Westen in die Lausitzhalle (vormals Haus der Berg- und Energiearbeiter) vermittelten. Welche Erinnerungen haben Sie daran noch und wie sind Sie geschäftlich denn überhaupt in die DDR vorgedrungen?

Das Thomann Management gibt es seit 50 Jahren. Derzeit beschäftigen wir sieben sozialversicherungspflichtige Mitarbeiter und drei Freiberufler. Nicole Denke und ich sind die einzigen „Überlebenden“ aus der Gründerzeit und wir sind ebenso lange der Volksmusik und dem deutschen Schlager treu geblieben. Bereits vor der Wende wurden wir von der Arbeitsagentur aus München angerufen, um Künstler für das DDR-Fernsehen zu engagieren. Besonderes Interesse bestand an der Popgruppe „The Winners“. Diese Gruppe wurde von uns auch nach Ostberlin engagiert. Wir wurden mit einem Bus durch ein Loch in der Mauer gefahren. Einige Soldaten und Polizisten hatten strenge Kontrolle über uns im Bus. Ansonsten lief alles perfekt über die Bühne. Das war schon ein Erlebnis für mich.

Sie brachten auch DDR-Künstler in den Westen. Wie ist das abgelaufen?

Ich hatte die Gruppe „Karat“ vor Grenzöffnung für Konzerte in der damaligen Bundesrepublik gebucht. Die Konzerte waren ein Supererfolg, ausverkaufte Hallen und viele Neugierige standen davor und wollten sehen, wie die Rocker aus der DDR überhaupt aussehen, so ist es mir zumindest vorgekommen. Ich war also schon einer der ersten, der Kontakt zur damaligen DDR und zu den DDR-Künstlern pflegte.

Nach der Wende 1989/90 war Ihre Agentur weiter in Hoyerswerda und in den neuen Bundesländern tätig. Vieles wurde einfacher. Wie hat sich das für Sie bis heute wirtschaftlich entwickelt?

Am Anfang war das finanzielle Risiko schon gewaltig. Sofern die Gagen nicht eingespielt wurden, musste ich finanzielle Verluste hinnehmen, ebenso hingen auch lange Zeit nicht gedeckte Schecks bei mir an der Bürowand. Ich denke, dass das kaufmännische Wirtschaften, Kalkulieren und Denken im Osten erst gelernt werden musste. Aber die Lausitzhalle in Hoyerswerda hat sehr gut funktioniert. Viele Jahre waren die Konzerte samt Orchestergraben ausverkauft. Das Publikum in Hoyerswerda war immer super sympathisch, richtige Schlagerliebhaber. Die Leidenschaft zahlte sich aus, die Besucher waren nach den Konzerten dankbar. Da kamen sie persönlich. Viele kenne ich. Gern habe ich ihre Künstlerwünsche entgegengenommen und auch umgesetzt. Hoyerswerda ist mir sehr ans Herz gewachsen. Super-Halle und Super-Publikum, auch die Künstler waren begeistert. Auch von der „Sächsischen Zeitung“. Das persönliche Medieninteresse gefällt den Künstlern. Die Begeisterung des Publikums ist mein erster Anspruch.

Wir wissen hier in Hoyerswerda um Ihre persönliche Präsenz im kulturellen Leben in der Lausitzhalle. Wie viele Künstler aus Volksmusik, volkstümlichem Schlager und deutschem Schlager auftraten, ist wohl ebenso nicht mehr zu ermitteln. 35 Jahre sind eine lange Zeit. An welche der ganz großen Künstler aus den vergangenen Jahrzehnten, die in Hoyerswerda zu Gast waren, erinnern Sie sich noch besonders?

Ich denke da zunächst einmal an die, die nicht mehr unter uns weilen – wie Andrea Jürgens, Bernd Clüver, Chris Roberts und andere. Das ist das Leben, doch auch in der Künstlerwelt geht es weiter. Blasmusikkonzerte mit Holger Mück und den Egerländern oder die Auftritte der Original Hoch- und Deutschmeister aus Wien waren stets Glanzlichter. Produktionen wie „Immer wieder Sonntags“, „Die große Schlager Hitparade“ oder die Solokonzerte mit Monika Martin gingen nie ohne Standing ovations und vielen Zugaben zu Ende. In den letzten Jahren ist mir aber auch aufgefallen, dass die Lausitzhalle nicht mehr ausverkauft ist, wohl der Demografie geschuldet. Und eins muss ich leider auch sagen: Das Thema Volksmusik geht zu Ende.

Konzertveranstalter Joseph Thomann – oftmals in Hoyerswerda präsent.
Konzertveranstalter Joseph Thomann – oftmals in Hoyerswerda präsent. © Foto: Jost Schmidtchen

Wenn Sie persönlich in die Lausitzhalle kamen und hoffentlich auch bald wiederkommen werden, dann mussten Sie immer viele Hände schütteln. Die Besucher kannten Sie. Ihre persönliche Popularität im Publikum war groß. Als deutschlandweiter Veranstalter hat man da so seine Erfahrungen. Haben Sie das überall so erlebt oder hat das Publikum in der Lausitzhalle diesbezüglich besondere Maßstäbe gesetzt?

Nein, das gibt es nicht überall. Ganz ehrlich, Hoyerswerda war in den neuen Bundesländern mein Anfang, also mein erstes Konzert überhaupt und wir sind seitdem ohne Pause jährlich wiedergekommen. Die Leute sind der Hammer, immer so richtig gut drauf und dankbar.

Mit Corona haben wir leider alle unsere unguten Erfahrungen. Die Bundespolitik und die Länder stellen aktuell die Weichen, damit alles im erträglichen Rahmen bleibt. Man darf das als sehr verantwortungsbewusst sehen. Aber: Kunst, Kultur und Theater sind an den Rand gedrängt. Wie bewerten Sie das?

Diesbezüglich bin ich enttäuscht von der Politik. Ich bin ja selbst bei den Freien Wählern im Kreis- und Gemeinderat in Bamberg tätig. Unsere Agentur erhielt am 8. März 2020 „Berufsverbot“. Wir mussten bis heute über 300 Konzerte absagen oder verlegen, teils schon zweimal. Der finanzielle Schaden beläuft sich bis jetzt auf über 500.000 Euro. Überbrückungshilfe erhielten wir 29.000 Euro, also „ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Betroffen sind nicht nur wir als Konzertveranstalter, auch die Technikfirmen und Künstler. Ganz schlimm ist die Tatsache, dass wir weiterhin null Planungssicherheit haben.

Wie reagieren darauf die Besucher?

Schwierig ... Angewiesene Auflagen sind nicht umsetzbar. Masken und 1,50 Meter Abstand und Hygiene – da passen in die Lausitzhalle in Hoyerswerda 150 Leute rein. Wer soll da ein Konzert veranstalten mit der Chance, Geld zu verdienen? Um es auf den Punkt zu bringen: Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Dazu kommt die Unzufriedenheit bei den Kartenkäufern. Die wollen Geld von uns zurück und beschimpfen uns am Telefon. Doch das Geld liegt bei den Vorverkaufsstellen. Viele Vorverkaufsstellen sind schon geschlossen und haben Insolvenz angemeldet. Und ich sage: Die ganz große Insolvenzwelle steht erst noch bevor. Wir sind die ersten gewesen, die es erwischt hat, und wir haben diese Situation bislang am längsten aushalten müssen. Ich bin überzeugt, dass auch dann, wenn alle Konzerte wieder ohne Auflagen erlaubt sind, die Hallen weniger gut besucht sein werden.

Welche Rolle kommt in dieser konzert- und veranstaltungsarmen Zeit den privaten TV-Sendern „Deutsches Musikfernsehen“ und „Melodie-tv“ zu? Die sind derzeit doch die einzigen Mittler zwischen den Künstlern und dem Publikum, was deutschsprachige Volks- und Schlagermusik betrifft.

Die Einschaltquoten bei den TV Sendern sind gut und die Abkäufe nach CDs ebenso. Nur über diese Kanäle können die Konzertbesucher mit der Musik und ihren Künstlern in Verbindung bleiben. Aber live ist live, das ist schon ein besseres und näheres Gefühl zu den Künstlern.

Wohin geht Ihr Blick in die Zukunft? Freuen Sie sich darauf, eines Tages wieder dem treuen Lausitzhallenpublikum die Hände schütteln zu können?

Das wäre mein größter Wunsch, wenn wieder alles so wird, wie es einmal war. Aber ich zweifle daran. Ich wünschte mir so sehr diese „alte Zeit“ zurück. Wir können nur hoffen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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