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Erinnern, zuhören und aktiv nach vorn gehen

Gedenken an die pogromartigen Ausschreitungen 1991 in Hoyerswerda - mit neuer Qualität.

Das Bild zeigt die Podiumsdiskussion mit Moderator Cornelius Pollmer (Journalist Süddeutsche Zeitung, Mitte) mit Anne Wehkamp (Leiterin Stadtdienst Integration Solingen), Torsten Ruban-Zeh (OB Hoyerswerda), Stephanie Nelles (Integrationsbeauftragte Rosto
Das Bild zeigt die Podiumsdiskussion mit Moderator Cornelius Pollmer (Journalist Süddeutsche Zeitung, Mitte) mit Anne Wehkamp (Leiterin Stadtdienst Integration Solingen), Torsten Ruban-Zeh (OB Hoyerswerda), Stephanie Nelles (Integrationsbeauftragte Rosto © Foto: Gernot Menzel

Hoyerswerda. Ausstellungen, Buch- und Filmpremieren, ein „critical walk“, Podiumsdiskussionen mit Impulsvorträgen und die offizielle Gedenkveranstaltung der Stadt – es ist ein vielschichtiges Wochenende zum Gedenken an die pogromartigen Ausschreitungen in Hoyerswerda vor 30 Jahren und zugleich der Beginn der interkulturellen Wochen im Landkreis Bautzen. Es stehen viele Macher und Organisatoren dahinter, die Stadt Hoyerswerda ist nur ein Teil davon. In einer Doppel-Podiumsdiskussion am Freitagabend zeigt sich neue Qualität der Auseinandersetzung mit dem Geschehen von 1991. Zum einen sind da David Macou und Ernesto Rafael Milice (beide gebürtig in Mosambik und ehemalige Gastarbeiter) und Emmanuel Adu-Agyeman, einst aus Ghana gekommen, als Asyl-Bewerber 1991 in Hoyerswerda. Sie alle haben in den vergangenen dreißig Jahren verschiedene Wege eingeschlagen, Schicksale erlebt. Das Leben hat es unterschiedlich gut mit ihnen gemeint.

Macou kam als einer der ersten 1979 nach Hoyerswerda, lernte sechs Monate deutsch, absolvierte dann eine Schweißerausbildung, wurde Gruppenleiter. Er erzählt an diesem Wochenende von schönen Erlebnissen auf Arbeit, aber auch latentem Alltagsrassismus. Den hat es von Anfang an gegeben: „Die Kolleginnen und Kollegen wussten auch nicht um die Umstände der Vertragsarbeiter. Viele dachten, die seien privilegiert gewesen. Es gab keinen tatsächlichen Kontakt.“ Die ersten Ausschreitungen und Angriffe erlebte er schon am 1. Mai 1990 am Wohnheim in der Clara-Zetkin-Straße, dann 1991. Als er zurückkehrte nach Mosambik, war er dort nicht willkommen. Er sollte nie Arbeit finden und hielt sich seitdem mit Schweißerarbeiten über Wasser.

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Emmanuel Adu-Agyeman lebt heute in Darmstadt, arbeitet in Frankfurt. Auf Einladung von Ex-Oberbürgermeister Horst-Dieter Brähmig war er schon zwei Mal in Hoyerswerda: „Deutschland finde ich gut, ich mag meine Arbeit“. Die Erlebnisse in Hoyerswerda, die Angriffe, letztlich der Abtransport in den Bussen, hat er aber nicht vergessen.

Ernesto Rafael Milice war Betreuer im Heim der Vertragsarbeiter. Er lebte seit 1983 in der Stadt und entschied sich nach der Wende in Deutschland zu bleiben. Das bedeutete seitdem „Kämpfen, kämpfen, kämpfen“. Er betonte gleich zu Beginn der Diskussionsrunde: „Ich möchte mich bei allen bedanken, die das organisiert habe. Ich bin sehr glücklich und möchte sagen: Ihr habt das gut gemacht.“ Was den Pogrom 1991 anbelangt sagt er: „Ich hoffe und bete zu Gott, dass eine solche Situation nicht wieder kommt. Ich lebe 42 Jahre in Deutschland. Ich habe meinen Beitrag wie Sie zum Wohl des deutschen Volkes getan. Ich habe nur die falsche Hautfarbe. Aber ich fühle mich als Einwohner dieses Landes.“ Gleichzeitig fragt er sich, warum Deutschland so nett mit jenen Ausländern umgeht, die ins Land kommen, die Sprache nicht lernen und auch keine Berufsausbildung machen oder arbeiten. „Warum seit ihr mit denen so zimperlich? Das schadet uns.“

Mit der jetzigen Situation im Land und auch mit der in Hoyerswerda zeigen sie sich an diesem Abend zufrieden. Sie hatten zuvor die Podiumsdiskussion der Vertreter der Städte von Hoyerswerda, Mölln, Rostock und Solingen verfolgt, deren Vertreter sich wiederum anhörten, was die Opfer von einst zu sagen hatten. Manches wurde in der Pause oder im Nachhinein individuell vertieft.

Die Podiumsrunde mit Anne Wehkamp (Leiterin Stadtdienst Integration Solingen), Stephanie Nelles (Integrationsbeauftragte Rostock), Jan Wiegels (Bürgermeister Mölln) und Torsten Ruban-Zeh (OB Hoyerswerda) zeigt, dass nicht nur die vier Kommunen, die meist in einem Atemzug mit den Anschlägen auf Ausländer und pogromartige Angriffe genannt werden, künftig stärker zusammenarbeiten wollen, sondern auch noch andere, in denen sich ähnliches ereignete. Schließlich geht es in all diesen Kommunen um die Frage, wie mit der Vergangenheit umgehen, was für die Zukunft tun? Man ist sich einig, dass man aufarbeiten muss, Gedenken kein Ende finden darf, auch wenn es dazu in jeder der Städte immer wieder Bestrebungen geht. Und es geht auch ums Verstehen. In Rostock fragte man sich, warum man seinerzeit die Übergriffe in Lichtenhagen nicht verhindern konnte, hatte doch Hoyerswerda nur Monate zuvor praktisch die Blaupause geliefert. In Solingen weiß man noch, dass man dachte, dass die Ausländerfeindlichkeit ein Thema des Ostens sei. Und dann der Brandanschlag 1993 in der eigenen Stadt: „Das war für uns so etwas Unfassbares“, sagt Anne Wehkamp. Ähnlich schildert es Jan Wiegels für Mölln. Unabhängig voneinander habe sich dann aber in der Folge in allen Kommunen vieles bewegt. Bürgerinitiativen sind entstanden, Rostock berief einen Ausländerbeauftragten. Und alle vier sehen sich auch in der Rückschau gut gerüstet gewesen für den Flüchtlingsansturm 2015.

Keiner der vier kommunalen Vertreter will ausschließen, dass es nicht wieder irgendwo, irgendwann Angriffe auf Ausländer geben kann. Stephanie Nelles weiß aber auch: „Verantwortung darf man nicht abschieben, sondern muss man annehmen.“ Allerdings gehen auch alle vier von einer mittlerweile veränderten Zivilgesellschaft aus. Torsten Ruban-Zeh sagt: „Wenn wir es nicht schaffen miteinander zu leben, sondern nur nebeneinander tapsen wir immer wieder in solche Situationen hinein.“

Anne Wehkamp: „Uns muss klar sein, dass es Fehlentwicklungen immer und überall gibt. Deshalb brauchen wir den Dialog, den Austausch. Wir brauchen die Zivilgesellschaft.“ So sieht es auch der Hoyerswerdaer OB, der es als Aufgabe sieht, dass die Verwaltung nicht länger neben einem zivilgesellschaftlichen Netzwerk herlebt.

Sachsens Ausländerbeauftragter Geert Mackenroth wollte dann noch ganz genau wissen, was in den Kommunen präventiv gemacht werde. Und auch hier gibt es Konsens: Es geht um Bildung und um das Abstellen von Benachteiligungen und andererseits darum, ein gutes Gespür dafür zu haben, was in der eigenen Stadt sich entwickelt, um vorbeugen zu können.

Torsten Ruban-Zeh freut sich jedenfalls auf die Zusammenarbeit mit Rostock, Mölln und Solingen. Ein T-Shirt aus Solingen mag der Slogan dafür sein: „Lasst uns Freunde sein“.

Emmanuel Adu-Agyeman war am Wochenende zu Gast in Hoyerswerda, 30 Jahre, nachdem er hier dramatische Szenen erlebt hat.
Emmanuel Adu-Agyeman war am Wochenende zu Gast in Hoyerswerda, 30 Jahre, nachdem er hier dramatische Szenen erlebt hat. © Foto: Gernot Menzel
David Macou erzählt am Wochenende von schönen Erlebnissen auf Arbeit, aber auch latentem Alltagsrassismus.
David Macou erzählt am Wochenende von schönen Erlebnissen auf Arbeit, aber auch latentem Alltagsrassismus. © undefined

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