Hoyerswerda
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Hier reiten die Frauen

Die Tradition des Osterreitens ist in Lübbenau noch jung. Eine Pfarrerin beschritt dabei gänzlich neue Wege.

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Während in der Oberlausitz ausschließlich Männer zu den Osterreitern gehören, waren in Lübbenau Frauen hoch zu Pferde unterwegs.
Während in der Oberlausitz ausschließlich Männer zu den Osterreitern gehören, waren in Lübbenau Frauen hoch zu Pferde unterwegs. © Foto: privat

Von Marvin Pögelt

Lübbenau. Das Osterreiten hat eine lange Tradition in der sorbischen Oberlausitz. Bei den Prozessionen wird die Botschaft der Auferstehung Jesu Christi verkündet – und zwar nur von Männern. Dass auch Frauen und Mädchen die Tradition zu Ostern pflegen können, zeigten die Sorben in der Niederlausitz am vergangenen Ostersonntag.

Ulrike Garve (38) ist Pfarrerin im Pfarrsprengel Lübbenau und Umland im Spreewald. Ihr Bezirk umfasst vier evangelische Kirchgemeinden. Es ist eine ruhige Gegend, über die Jahrzehnte geprägt vom Kohleabbau, heute vor allem bekannt durch den Tourismus. Es ist auch die Region der Sorben oder Wenden, wie sie sich in der Niederlausitz nennen.

Wie in einigen sorbischen Gemeinden in Sachsen wird jedes Jahr zu Ostern auch knapp 50 Kilometer weiter nördlich in Lübbenau das Osterreiten zelebriert. Das Besondere jedoch: Mitreiten darf jeder und jede ab 14 Jahren – ganz unabhängig von Geschlecht und Konfession.

Pfarrerin Garve kennt den Nordosten Sachsens gut, denn ursprünglich kommt sie aus Niesky. In Berlin und Prag studierte sie Theologie, 2017 ging sie dann nach Lübbenau. Im Gespräch erzählt sie, wie die brandenburgische Gemeinde 1997 das Osterreiten einführte. Damals noch initiiert vom ehemaligen Pfarrer Michael Oelmann, aber von Anfang an schon als offenes Angebot für alle Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht oder ihrer Konfession.

Dass das Osterreiten in der Oberlausitz, in welcher Prozessionen seit Mitte des 16. Jahrhunderts belegt sind, „historisch anders gewachsen“ ist, ist der Geistlichen bewusst. Auch weiß sie um die Unterschiede zur katholischen Kirche, schon allein durch ihr eigenes Amt: „Aus katholischer Sicht bin ich eine Frau in einem Männerberuf.“ Dennoch oder gerade deshalb findet sie es richtig, dass auch Frauen und Mädchen die Möglichkeiten haben sollten, an der Prozession zum Osterreiten teilzunehmen. Das ließe sich nicht nur weltlich mit der Gleichberechtigung, sondern auch kirchlich erklären. Schließlich werde beim Osterreiten die Auferstehung Jesu Christi verkündigt. „In jedem Evangelium wird berichtet, dass zuerst den Frauen der Auferstandene erschienen ist und dass sie die Botschaft der Auferstehung den Männern weitergeben sollen“, führt die Theologin aus, warum sie nicht versteht, dass in der Oberlausitz nur Männer reiten dürfen.

Für sie folgt aus dieser Logik jedoch nicht, dass nur Frauen reiten sollten, denn „der Auftrag Jesu Leben, seinen Tod und seine Auferstehung zu verkünden, gilt uns allen – egal, welches Geschlecht wir haben“. So begründet sie auch die Möglichkeit für Nicht-Christen am Osterreiten in Lübbenau teilzunehmen. Solange sie die Werte und Einstellungen des Glaubens teilen, „sollten sie ihn auch verkünden können. Und wenn man das vom Pferderücken aus tut, warum nicht?“

Das empfinden auch viele ihrer knapp 2.200 Gemeindemitglieder so. In Lübbenau und Umgebung habe es eher Diskussionen darüber gegeben, dass das Osterreiten überhaupt stattfindet, sehen es doch manche als eine rein katholische Tradition. „Aber dass es hier Menschen gibt, die sagen ,Da dürfen nur Männer mitreiten‘ habe ich noch nicht gehört“, sagt Ulrike Garve.

Tradition sei ein wichtiger Aspekt. Diese spiele in der katholischen Kirche eine viel größere Rolle als in der evangelischen, ist sich die Pfarrerin bewusst. Sie weiß, dass es „ein unglaublicher Schatz ist, wenn sich eine Gemeinschaft auf etwas Gemeinsames berufen kann, ohne dass man alles individualisieren und neu erfinden muss“. „Das ist einerseits eine ganz große Stärke, die Heimat schafft. Auf der anderen Seite kann es aber auch als unglaublich lähmend empfunden werden.“ So entstünden Konflikte zwischen denen, die sich wohl fühlen und denen, die etwas verändern wollen. Jeder, der dann von außen dazu kommt, „hat es schwer, eine neue Perspektive einzubringen, weil das immer als ein Rütteln am eigenen Fundament empfunden wird.“

Der Dachverband der Sorben, die Domowina, äußert auf Anfrage, dass das Thema des Osterreitens innerhalb der Gremien der Vereinigung nicht diskutiert werde. Daher könne es „seitens der Domowina dazu keine Stellungnahme geben“. Auch lägen keine Informationen dazu vor, wie einzelne Kirchgemeinden in der sorbischen Oberlausitz mit dem Thema umgehen. Am vergangenen Ostersonntag sind jedenfalls auch in Lübbenau 28 Osterreiter auf ihre herausgeputzten Pferde gestiegen und haben die Werte einer langen Tradition verkündet. In diesem Jahr waren es erstmals nur Frauen und Mädchen.