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Der Strippenzieher von Hoyerswerda

Wilfried Richter, einer der ersten Bewohner der Neustadt, feiert seinen 85. Geburtstag.

Wilfried Richter hat Hoyerswerdas Neustadt nicht nur wachsen sehen, sondern er war aktiv an diesem Wachstum beteiligt.
Wilfried Richter hat Hoyerswerdas Neustadt nicht nur wachsen sehen, sondern er war aktiv an diesem Wachstum beteiligt. © Foto: Mirko Kolodziej

Hoyerswerda. Von Provisorien heißt es bekanntlich, sie würden mitunter sehr lange halten. Als Wilfried Richter im Jahr 1956 nach Hoyerswerda kam, war er zwanzig Jahre jung und der Annahme, er würde hier seine Arbeit erledigen und danach heimkehren, nach Ehrenfriedersdorf im Erzgebirge. Doch erst nahm die Arbeit kein Ende und dann lebte er sich irgendwie doch in der Lausitz ein. Heute feiert Wilfried Richter hier seinen 85. Geburtstag.

Man kann wohl mit Fug und Recht sagen, dass er ein Urbewohner der Neustadt ist. Denn bevor im WK I ab 1957 die ersten Wohnhäuser gebaut werden konnten, brauchte es ja Strom. Die Werk- und Wohnstatt der Leute, die sich darum kümmerten, war ein Gebäude am Jahnstadion. Der Sportplatz existierte schon seit 1928, umgeben von Feldern. „Als wir anrückten, haben die Kühnichter Bauern noch das letzte Korn gehauen“, erinnert sich Richter.

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Versorgung in der Blauen Tür

Zu jener Zeit, als Hoyerswerda so rasant zu wachsen begann, war er Angestellter bei Elektro-Seifert in Ehrenfriedersdorf. Die Firma sollte an der Schwarzen Elster beim Aufbau helfen. „Als es losging mit Schwarze Pumpe“, erzählt Richter. Zunächst waren am Bahnhofsvorplatz und an der Taube die Baustrom-Versorgung sicherzustellen und Wohnungs-Installationen zu erledigen. Man wohnte im Tausend-Mann-Lager; und das wenig komfortabel. „Man lag im Bett und hat manchmal die Sterne gesehen. Die Barackendächer waren immer wieder löcherig. Und zu Essen gab es in der Blauen Tür.“ Gemeint ist eine Kneipe im Bereich Steinstraße / Heinestraße. Die Situation habe sich dann mit Eröffnung der Großküche im Tausend-Mann-Lager gebessert.

Doch schon bald zogen sechs Monteure dahin, wo die Neustadt entstehen sollte. Die Kühnichter Bauern verborgten ihre Pferde zum Zwecke des Kabelziehens. Richter und seine Kollegen hatten wieder für Baustrom zu sorgen, für Transformatorenhäuschen und für die Straßenbeleuchtung. Für Strom in den Wohnungen waren indes Andere zuständig. Wie geplant wuchs die Stadt und von WK zu WK war auch Richter als Strippenzieher mit von der Partie. Seinen Elektromeister machte er zum Beispiel mit einem Trafohäuschen im WK V, wo Ende der 1960er sowie Anfang der 1970er gebaut wurde. Schon zuvor sorgten Richter und seine Kollegen auch dafür, dass die Monteure der Fernwärmetrasse zwischen der Stadt und Schwarze Pumpe Strom zum Bauen hatten. Er lernte eine Frau aus Knappenrode kennen, die beiden heirateten 1968, lebten erst im WK VIII, danach im WK IX. Längst war Wilfried Richter Mitarbeiter der PGH Energie geworden – später auch Ausbilder. Zu seinen Lehrlingen gehörte zum Beispiel der heutige Elsterheide-Bürgermeister Dietmar Koark.

Notvorstand beim FC Lausitz

„Es ist irre, was so alles passiert ist“, meint der Jubilar, wenn er auf sein bisheriges Leben zurückschaut. So war er an der Verkabelung für die Oberleitungsbusse beteiligt, die ab 1989 für gerade einmal fünf Jahre strombetrieben in Hoyerswerda unterwegs waren. Und er musste, nachdem die Übernahme durch einen Westdeutschen in einer Insolvenz endete, die PGH auflösen. „Das macht man nicht gern“, sagt er.

Freilich kamen ihm die Erfahrungen zugute, als er 2010 im Notvorstand für den in finanzielle Schieflage geratenen FC Lausitz mitarbeitete. Richter leitete später die örtliche Niederlassung des Anlagenbauers AAB und war dann Mitarbeiter im hiesigen Elektro-Planungsbüro Koch. 1994 war er während der Sanierung des Marktes am Aufbau von dessen neuer Beleuchtung, an der Illumination der Postmeilensäule sowie dem Anschluss der Senkelektranten für die Markthändler beteiligt. Manchmal, sagt Wilfried Richter, vermisse er das Erzgebirge schon. Erst über die Jahre sei ihm bewusst geworden, aus welch schöner Gegend er stammt. „Aber ich habe hier zu viel investiert“, erklärt er, warum er geblieben ist. Das bezieht sich nicht nur auf die Finnhütte in Knappensee-Nähe, sondern auch auf Freunde und Bekannte oder das Ehrenamt bei der Kriegsgräberfürsorge. Der Fußball spielt immer noch eine große Rolle. Und Kenner wissen von seinem Oldtimer. Seinen roten Lada hat Richter seit 1983.

Mit der Installation für ein Transformatorenhäuschen im WK V wurde Wilfried Richter, im Bild links, offiziell zum Elektromeister.
Mit der Installation für ein Transformatorenhäuschen im WK V wurde Wilfried Richter, im Bild links, offiziell zum Elektromeister. © Foto: privat

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