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Der Tag, als die Erde wegfloss

Dr. Alexander Harter war vor zehn Jahren Augenzeuge des Grundbruchs am Bergener See

Alexander Harter schaut gern auf das betroffene Gelände – Flora und Fauna wegen.
Alexander Harter schaut gern auf das betroffene Gelände – Flora und Fauna wegen. © Foto: Mirko Kolodziej

Bergen. Wohl sein Lebtag lang nicht vergessen wird Dr. Alexander Harter diesen 12. Oktober 2010. Es war ein Dienstag, als sich die Landschaft am Bergener See großflächig dadurch veränderte, dass sich gewaltige Erdmassen in Bewegung setzten. Alexander Harter, der Geschäftsführer des Naturschutzgroßprojektes (NGP) Lausitzer Seenland, war einer der Ersten vor Ort. 

Schäfermeister Thomas Muche, der Tiere auf dem Land des von Harter verantworteten Areals weiden ließ, rief gegen zehn Uhr an: „Sie müssen schnell mal rauskommen!“ Was Muche berichtete, ließ Harter sofort an einen Grundbruch denken. Experten nennen es so, wenn sich lockerer Kippenboden durch die Anreicherung mit Wasser quasi verflüssigt und die darüber liegende Oberfläche einbricht. In den Tagen vorher hatte es Dauerregen gegeben.

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Strenge Verhaltensregeln

Alexander Harter war das Phänomen an sich bekannt. Als er zehn Minuten nach dem Anruf am Bergener Aussichtspunkt eintraf, verschlug es ihm dennoch den Atem: „Die Dimension hat mich überrascht.“ Sand- und Wassermassen hatten sich zu Schlamm vermischt, kleine Gehölzgruppen trieben auf festeren Inselchen vorbei – und es rief jemand um Hilfe. Lkw hatten auf der bis dahin als sicher geltenden Innenkippe des einstigen Tagebaus Spreetal zwecks Zwischenlagerung Erdmassen abgekippt. Einer dieser Lkw war nun zu großen Teilen versunken. Der Fahrer hatte sich aufs Dach seiner Kabine gerettet. Harter rief die 112 an. „Die fragten nach Toten und ob der Katastrophenschutz benachrichtigt werden soll.“ Schließlich kam ein Hubschrauber, der im dritten Anlauf den verunglückten Lkw-Fahrer aus seiner misslichen Lage befreien konnte. Der Laster aber ist bis heute nicht geborgen.

„Sozusagen richtig untergegangen sind um die dreieinhalb Hektar“, sagt Harter über das Gebiet des Naturschutzgroßprojektes. Doch nicht nur dieser tatsächliche Verlust führte dazu, dass von einem Tag auf den anderen in Sachen Naturschutz nichts mehr so war wie vorher. Für fünf Jahre waren riesige Flächen im Umfeld des direkten Unglücksortes komplett gesperrt. Nun sind sie zwar zum Großteil wieder nutzbar. Dafür gelten allerdings strenge Verhaltensregeln. Eines der Probleme: Unter den Naturschutzzielen ist das Offenhalten der Landschaft für Tierarten, die sich auf so einen Lebensraum spezialisiert haben. Und wo man nichts oder nur wenig tun kann, wachsen relativ schnell Büsche oder sogar Bäume in die Höhe. Andere Areale sind dagegen zur Bepflanzung vorgesehen. Wer irgendwo Flächen versiegelt, soll Ausgleich schaffen können. Auch diese Möglichkeiten schränkten sich ein und brachten das Konzept, mit der ökologischen Aufwertung der NGP-Flächen Einnahmen zu erzielen, ins Wanken. Ende 2011 mussten die Gesellschafter der Lausitzer Seenland gGmbH zwei Mitarbeiter entlassen. „Ich staune manchmal, dass wir das überhaupt überlebt haben“, sagt Harter über die ersten Jahre. Zunächst knirschte es auch mit der Bergbausanierung, die nach dem Auftreten des auch für sie unerwarteten Groß-Ereignisses neue Sanierungslösungen entwickeln musste. Inzwischen klappt die Zusammenarbeit wieder sehr gut. So gab es Aufträge der LMBV zur ökologischen Begleitung von Maßnahmen. „So kann man es miteinander aushalten“, sagt Harter.

Faszinierende neue Landschaft

Doch er verfügt nun über jede Menge Land, für das er langfristig nur sehr schlecht planen kann. Die für einen mehr oder weniger regulären Geschäftsbetrieb erforderliche Entlassung des Kippengeländes aus der Bergaufsicht ist in weite Ferne gerückt. Und da heutzutage die Waldpflege wegen der mehrjährigen Trockenheit und wegen des Borkenkäferbefalls extrem viele Ressourcen bindet, müssen nun neue Strategien her, ein neues Geschäftsmodell: „Dabei sind wir gerade. Wir können so wie bisher einfach nicht weitermachen.“

Andererseits ist Harter fasziniert von der Landschaft, die beim Grundbruch selbst entstanden ist. Die Geophysik hat ganze Arbeit geleistet: „Besser kann es kein Planer machen.“ Es gibt im unmittelbaren Ereignis-Bereich Offenflächen, Schilf, kleine Baumgruppen, Tümpel, Quellaustritte und regelrechte Fließe. Hier findet man etwa das seltene Wollgras oder Torfmoos. Und das Gebiet ist Lebensraum für Vögel wie Brachpieper oder Steinschmätzer, die offene Flächen bevorzugen. „Es ist eine bizarre, sehr bemerkenswerte Landschaft entstanden“, sagt der Chef des Naturschutzgroßprojektes Lausitzer Seenland.

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