merken
PLUS Hoyerswerda

Die unendliche Geschichte

Frank Schulze aus Nardt ist begnadeter Sammler und Trabi-Kübel-Besitzer.

Frank Schulze an seinem Mintgrünen – der Zwickauer startete nach 20 Jahren Garagendasein klaglos.
Frank Schulze an seinem Mintgrünen – der Zwickauer startete nach 20 Jahren Garagendasein klaglos. © Foto: Uwe Jordan

Hoyerswerda/Nardt. Wir schreiben das Jahr 1965. Familie Schulze aus der John-Schehr-Straße in Hoyerswerda holt sich einen pastellblauen Trabi ab, der Bestellvorgang damals stets verbunden mit dem IFA-Haus Hoyerswerda in der Kirchstraße. 23 PS hatte der – einen rechteckigen Tacho im hellen Armaturenbrett. Der Scheibenwaschanlage mit einer Druckpumpe, graue Sicherheitsgurte, orangene Rücklichtkappen, Alu-Radkappen, grauer Tastensatz. Feuerlöscher vorn rechts im Fußraum, 24-Liter Tank. 

Junior Frank war damals sechs Jahre alt und erinnert sich gut an seine erste Fahrt als Beifahrer neben seinem Vater: Etwa dort, wo heute das Toyota-Autohaus am Ortsausgang von Hoyerswerda B 96 Richtung Nardt steht, zog Papa das Ding richtig auf, irgendwann hatte der 80 drauf. Natürlich ohne den Sicherheitsgurt angelegt zu haben – das war damals nicht üblich – es war ein prägendes Erlebnis.

Anzeige
Pflegestudium: Bachelor & Berufsabschluss
Pflegestudium: Bachelor & Berufsabschluss

Studium und Pflegepraxis vereinen? Bewerben Sie sich bis zum 1. April 2021 an der ehs Dresden für den Bachelor-Studiengang Pflege!

Der Bruder als Schalt-Helfer

Viele Jahre gingen ins Land – auch Reparaturen, die Vater Schulze immer selbst ausführte und bei denen Sohnematz Frank als Handlanger diente und lernte. 1970 – die erste große Reisewelle nach dem Putsch in der damaligen ČSSR; Schulzens fuhren mit ihrem pastellblauen Trabi nach Ungarn an den Plattensee. 1971 ging es mit dem Trabi nach Bulgarien. Da Frank in der Zwischenzeit einen eineinhalb-jährigen Bruder hatte – der natürlich die knapp 5.000-km-Reise mitmachte – wurde ihm sehr oft die Copiloten-Rolle übertragen. Soll heißen: Muttern saß hinten rechts, während das Brüderchen hinten links liegend schlief. Aber manchmal – wenn der Kleene wach war, saß Muttern vorn rechts und Brüderchen stand direkt an Mutters Füßen. Er konnte bereits über das Armaturenbrett schauen und bewunderte die vorbeifliegende Welt. Später durfte er sogar an der Stockschaltung den 4. Gang rein oder auch raus legen. Und Frank konnte mit elf Trabi fahren.

1980 – der zwischenzeitlich 21-jährige Frank hatte einen üblen Motorrad-Unfall und musste zwangsläufig auf vier Räder umsteigen. Schulze Seniors hatten seit 1975 (nach 9 ½-jähriger Wartezeit) einen chicen 353er Wartburg mit Knüppelschaltung und Stahlschiebedach kaufen können. Bei Frank reichte es nur für einen Trabi, Baujahr 1966, fast identisch mit Vaters ehemaligem pastellblauen 65er. Auch hier der rechteckige Tacho, aber eingerahmt im schwarzen Armaturenbrett. Frank war in der Zwischenzeit Autoschlosser geworden und wusste sehr wohl über Modifizierungen an der „Pappe“ (wie der Trabi auf Grund seiner Duroplast-Karosserie geheißen ward) Bescheid. Es gab seit ein paar Jahren 26-PS-Zylinder, deutlich verbesserte Duplex-Bremsen, runde Tachos mit Tageszählwerk, Krümmerheizung, schwarze Sicherheitsgurte, Liegesitze, schönere Innenverkleidungen, leiseres Gebläse, Scheibenwischer-Intervallschalter. Das nannte sich „höhere Gebrauchswerteigenschaften“. Außerdem hatte der 66er eine halbautomatische Hycomat-Kupplung. Der Hycomat aber flog bei Frank alsbald raus: Kuppeln, Schalten, Zwischengas – DAS war Fahren!

Todesurteil für viele Ost-Wagen

Nachdem der 66er Trabi mit hohem Aufwand auf das Level von 1984 umgebaut war, ergab sich plötzlich die Großchance auf einen 77er Lada 2101 in Bahamagelb. Der stammte aus Groß Särchen – der geforderte Preis war geradeso O.K. – der Trabi ging mit ein wenig Wehmut, aber „gut“ an einen anderen Besitzer weg.

Dann kam die Wende – überall wurden Ost-Autos regelrecht weggemacht – Trabis, Škodas, Moskwitschs, aber auch Wartburgs wurden in Wäldern und an Feldern wild entsorgt. Sehr oft natürlich auch in Autoverwertungen wie in Schwarze Pumpe oder auch in Lauta. Ladas hingegen wurden nicht entsorgt: die nahmen die Sowjetsoldaten bei ihrer Heimreise sehr gern mit. Bei Franks damaligem Arbeitgeber, dem Bergbauunternehmen Laubag, zeichnete sich eine Modernisierung des Fuhrparks ab. Rumänische Geländewagen Muscel M461 / M473, hunderte MZ-Dienst-Motorräder und mehrere Trabi Kübel wurden ausgemustert, oft auch verschrottet.

Ein Unfall als Glücksfall

Frank Schulze, der in der Zwischenzeit einen VW Vento fuhr, blutete das Herz. So ein Kübel – ein Cabrio also – als Zweitwagen: das wäre was ... Er schaute sich um. Kübel mit Blech- oder Holzaufbauten, zum Teil schwer verschlissen, wurden von der Laubag für zwei-, dreihundert DMark angeboten. Aber die waren alle vergrapscht: „untenrum“ verrostet, vergammelt, verschlissen – äußerst schlechte Substanz, nichts Kaufwürdiges. Plötzlich bekam er einen Tipp: Im damaligen Tagebau Scheibe sollte ein Trabi-Kübel mit einer nagelneuen Karosse laufen. Warum? Darum: Er hatte Anfang der 90er einen Unfall gehabt und war schwer getroffen. Im Auslaufmodell Tagebau Scheibe stand nicht mehr die nötige Kohle für Fuhrpark-Neu-Zukäufe zur Verfügung. Andererseits stand seit 1989 eine Kübel-Karosse im Magazin in Spreetal, über (Wende-)Nacht zum „Überplanbestand“ geworden. Irgendwer entschied, dass der Scheiber Trabi-Kübel mit dieser neuen Karosse aufgepeppt wird. 1996 stand der nunmehrige Garagenwagen zum Verkauf. Aufgrund des hohen Buchwertes – immerhin war die Karosse bei der Währungsunion umbewertet worden und es waren auch Lohnkosten in DM in den Trabi geflossen – war der Kaufpreis sportlich hoch. Die Karosse war super gut – praktisch neu, „nur“ der Motor klapperte, der Freilauf vom 4. Gang funktionierte nicht mehr richtig – beim Bremsen zog der Wagen böse nach rechts ... Dennoch kaufte Frank den Kübel, weil alle Probleme lösbar waren. Zwischenzeitlich entsorgten viele ehemalige Trabi-Fahrer ihre vormals eifersüchtig gehorteten kleinen Ersatzteil-Schätze, Frank bekam Radlager, Unterbrecherkontakte, Bremsenteile, sogar eine Frontscheibe geschenkt, weil er eben diesen Kübel in der Garage stehen hatte. 1997 der große Tag; der Kübel war, auch mit Unterstützung der Eltern, neu aufgebaut. Mintfarben lackiert, mit neuem Verdeck, neu aufgepolsterten Sitzen, einem anderen Getriebe, Antriebe mit Gleichlaufgelenkwellen und einem selbst überholten Motor mit fabrikneuer Kurbelwelle – das machte nicht nur optisch, sondern auch technisch was her. Auch was die Innenausstattung angeht, wurde er optisch auf das 89er-Niveau gehoben. Umbau auf 12 V-Anlage inklusive elektronische Zündung. Und er bekam sogar eine Melodiehupe „La Cucaracha“, erworben im Globus-Markt am Kamenzer Bogen, für 69,50 DM eingebaut. Im Mai 1997 wurde er wieder zugelassen und bereicherte das Straßenbild von Hoyerswerda und Umgebung. Aber rasch überwogen die Bedenken: Man konnte mit dem Trabi nicht auf der Autobahn von Ost nach West fahren, ohne in Lebensgefahr zu schweben. Man fuhr reichlich 90 – aber das moderne deutsche Volk knallte mit 130 oder schneller an einem vorüber. Das waren schon unangenehme Gefühle. Es kam, wie es kommen musste: der Trabi wurde 1999 abgemeldet. Im Prinzip war er unverkäuflich, weil sein „Buchwert“ auf Grund von Komplettlackierung, Polsterung ... relativ hoch geworden war.

Eine amerikanische Tragödie

2017 – nach zwei Amerika-Reisen, mittlerweile mit einer neuen Liebe (meint: neue Frau!), liebäugelte Frank mit einem Ami-Schlitten. Immer wieder mal taten sich Angebote auf: teils sehr gute Autos, aber eben auch sehr gut teuer. Andererseits scheinbar gute Autos zu realistischen Preisen. Der große Tag kam, als Frank Schulze mit seiner Frau Richtung Mannheim düste, um einen Chevrolet BelAir zu kaufen. Mann, sah der gut aus! Metallic-orange mit beige abgesetzt, alle Chromteile neu, die Polsterungen auch neu – er roch sogar gut. Aber als Franks Frau Bärbel die Beifahrertür zuplumpste, fiel neben dem Chromspiegel ein großes Farbstück heraus, unter welchem sich rostrotes, narbiges Blech auftat. So traten beide die Heimreise an – natürlich ohne den chicen Chevy, der nicht mal unter dem Armaturenbrett eine Art Verkaufslackierung hatte ...

2019 – Frank Schulze darf in den Ruhestand gehen. Im März ging es urlaubmäßig nach Japan. In der Reisegruppe war auch ein Dresdner Ehepaar. Sächsisch und Sächsisch geht fast immer, und beim Reden stellte sich heraus, das diese Familie es im Jahr 1987 mit einem 601er Trabi bis nach Georgien und zurück geschafft hatte. Über 7.000 km! Frank Schulze hatte 1984 mit seinem 66er Trabi nach zwei normalen Bulgarien-Reisen in den Vorjahren ebenfalls die damalige UdSSR bereist, allerdings nur im Transit über ČSSR, Polen, die Ukraine, die Moldawische SSR, durch Rumänien zum Endziel Bulgarien. Und natürlich kam auch das Gespräch auf den nun seit über 20 Jahren ¸’rumstehenden, eingemotteten, mintfarbenen Kübel. In Japan wurde der Beschluss zur Reanimation des Kübels gefasst.

Klagloser Start nach 20 Jahren

2020 – Vorabsprachen mit einem Prüfer, der Zulassungsstelle ... Dann ging es los. Eine neue Batterie wurde gekauft. Im Tank fehlten sieben Liter Benzin, die offensichtlich in den 20 Jahren verdunstet waren. Benzinhahn auf, Schlüssel rein, fünf Sekunden Pause, Startversuch – nix. Zehn Sekunden Pause, Choke gezogen, neuer Start – und nach drei Sekunden Nuddeln lief der Motor. Auf beiden Zylindern, wie es sich gehört. Wahnsinn. Nach über 20 Jahren Standzeit! Nach dem Vollgutachten, ohne Mängel (und ohne „La-Cucaracha“-Tröte) – gab es ein Wunschkennzeichen. Die erste größere Ausfahrt ging nach Dresden. Die sächsischen Freunde aus Japan durften mit dem Kübel eine ordentliche Runde durch und rund um Dresden fahren.

2020 wurde der Trabi dann knapp 1.000 Kilometer bewegt. So ein Kübel ist ein Hingucker, und egal, ob in Ost oder West: Fast jeder weiß, was ein Trabi ist, nicht zuletzt durch den Film „Go Trabi Go“.

Natürlich muss man beim Kübel bedenken, dass bei geschlossenem Verdeck, aber entfernten Seitenteilen das Verdeck sich wie ein Bremsfallschirm aufbläst. Da geht nicht viel über 80 km/h, und der Sprit-Verbrauch klettert rasch gegen die Zehn-Liter-pro-100-Kilometer-Marke. Aber wenn die Seitenteile eingehangen sind, kommt ein ganz anderes Feeling auf: der Trabi beginnt zu rennen. Im Oktober gab es die vorläufig letzte Ausfahrt; ab Dresden auf der A 4 gen Görlitz. Kurz vor dem Abzweig Hermsdorf, auf dem langen Gefälle, gab es zum ersten Mal 2020 Vollgas, Pedal praktisch bis ans Bodenblech durchgetreten. Bei 115 km/h (bergab) nahm Frank doch das Gas weg. Seine Frau war ganz leise geworden. Es war schon etwas furchterregend, mit den schmalen „Diagonalis“ und dem wedelig/rammelnden Verdeck 115 zu fahren. Da erkennt man schon, dass ein modernes Auto, nennen wir es einfach nur pauschal „Westauto“, eine völlig andere Liga darstellt.

Zum Genießen statt zum Rasen

Ein Trabi ist nicht (mehr) zum Rasen da, sondern eher zum Genießen. Was besonders beeindruckend ist: „Egal, ob Kinder, Jugendliche oder auch Rentner: sehr viele Menschen schauen nicht nur, wenn wir an ihnen vorbei fahren, sondern sie winken auch.“ Das wäre mit einem Ami-Schlitten wie dem Chevy BelAir wohl nicht passiert.P.S.: Der 1980 exmittierte Hycomat ist noch da. Wär’ glatt eine Herausforderung, 2021 dem Trabi eine ami-schlitten-ähnliche halbautomatische Kupplung zu verpassen.

Frank Schulze in Hoyerswerda an seinem ersten Trabi von 1966, umgebaut auf 1984er Niveau.
Frank Schulze in Hoyerswerda an seinem ersten Trabi von 1966, umgebaut auf 1984er Niveau. © Foto: Sammlung Frank Schulze
Der Trabi-Kübel „blank“, sprich: die nackte, gerade frisch mintgrün lackierte Karosserie.
Der Trabi-Kübel „blank“, sprich: die nackte, gerade frisch mintgrün lackierte Karosserie. © Foto: Frank Schulze

Mehr zum Thema Hoyerswerda