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Ein lebendiger Fundus

Peter Biernath hat die Hoyerswerdaer Neustadt mit geplant. Den Ausblick vom Hochhaus liebt er noch heute.

Peter Biernath in seinem zweiten Zuhause – dem Domizil des Kulturbunds in der Langen Straße 1.
Peter Biernath in seinem zweiten Zuhause – dem Domizil des Kulturbunds in der Langen Straße 1. © Foto: Angela Donath

Von Angela Donath

Hoyerswerda. Die erste Reaktion von Peter Biernath war: „Ach, muss das sein? Wieso denn jetzt ein Beitrag über mich?“. Es ging um die Anfrage zu einem Gespräch für unsere Reihe „Was macht eigentlich?“ Peter Biernath weicht erst einmal aus. So ist er, er will nicht im Vordergrund stehen, will kein Aufheben um seine Person, er will einfach arbeiten. Doch wir haben Glück. Er hat eine Frage an uns, wir können helfen und kommen, wie eigentlich immer, in ein freundliches Gespräch mit dem klugen, akribisch arbeitenden, fleißigen Mann.

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Schließlich zücken wir beide den Stift für einen Kalendereintrag. Diesen Termin zu finden, ist auch nicht einfach. „Montag geht nicht, da habe ich schon ein Journalistengespräch, Dienstag vielleicht? Obwohl, der Tag des offenen Denkmals ist auch noch nicht ganz fertig. Ich müsste noch ...“ Der Mann, der gerade die passende Lücke im Kalender sucht, ist Jahrgang 1936.

1958 kam Peter Biernath als junger Architekt nach Hoyerswerda. Er gestaltete den Aufbau mit, er war und er ist stolz auf vieles, was damals in den Köpfen und auf den Reißbrettern der jungen Architekten entstand. Er prägte das Gesicht der Hoyerswerdaer Neustadt, der zweiten sozialistischen Wohnstadt. Er musste sich wirtschaftlichen Zwängen beugen, die vor 1989 ökonomische Erfordernisse und nachher marktwirtschaftliche Notwendigkeiten genannt wurden. Peter Biernath kennt alle Bauten, Baudenkmäler und Kunstschätze in der Alt- und Neustadt, er weiß um ihre Einzigartigkeit und um ihre Geschichte. Er will diese für die nachfolgenden Generationen bewahren und schützen. Studenten, Doktoranden, Soziologen, Filmemacher oder Journalisten nutzten und nutzen für ihre Arbeiten den „lebendigen Fundus Peter Biernath“. Unser Gespräch führen wir in seinem zweiten Zuhause, im Domizil des Kulturbundes Hoyerswerda in der Langen Straße 1. „Falls wir was nachschauen müssen“, sagt Biernath. Müssen wir diesmal nicht, es geht weniger um jüngere Stadtgeschichte, es geht um den Menschen Peter Biernath.

Geboren ist er in Hamburg. Bereits 1939 waren die Stadt und der Hafen schweren Luftangriffen ausgesetzt. Wer konnte, verließ die Stadt. Kindheit und Schulzeit verlebte Peter Biernath in Görlitz. „Ich habe die Volksschule besucht und dann eine Maurerlehre gemacht. Ich wollte anschließend eine Fachschule besuchen, aber das ging erst ab 18 Jahren. Dafür war ich noch zu jung. Also lernte ich noch Zimmermann.“

Nach dieser zweiten Lehre hatte Peter Biernath das richtige Alter erreicht und bereits jede Menge praktische Kenntnisse erworben. Die Hürden für das Architekturstudium in Gotha waren genommen. „Ja, ich glaube, mit meinen beiden Berufsabschlüssen hatte ich gute Ausgangsbedingungen. Außerdem hatte ich schon bei meinem Vater praktische Kenntnisse für das Bauzeichnen erworben. All das war wohl gut für mich und für mein Architekturstudium.“

Nach Abschluss wurden alle jungen Absolventen an Betriebe in der DDR vermittelt, das war damals so. Man musste ein wenig findig sein, wenn man eigene Pläne verfolgen wollte. Peter Biernath war das. In der Gothaer Zeit hatte er sich mit einigen Kommilitonen besonders gut verstanden. „Ehe wir einzeln in Betriebe vermittelt werden, gehen wir doch alle nach Schwarze Pumpe! Dort werden jede Menge Leute gebraucht, sicher auch Architekten.“ Sie fragten dort und wurden genommen. „Schwarze Pumpe“, sagt Peter Biernath, „war der Begriff für alles, was in den 1950er Jahren für den Kraftwerksriesen in der Lausitz neu entstand. Es ging nicht nur um das Kraftwerk und um Kohle, es ging um alles, was darum und dazu gehörte. Es ging um Stadtplanung und Wohnungsbau. Biernaths erste berufliche Station führte ihn 1958 als Betriebsassistent zum VEB Industriebau Cottbus. Bereits ein Jahr später gehörte er zum Aufbaustab für die sozialistischen Wohnstadt Hoyerswerda.

Auf diese Anfangszeiten schaut er dankbar zurück. „Wir hatten so viele Ideen und wir konnten sie damals auch umsetzen. Den Komplexgedanken beispielsweise: Schule, Kita, Spielplatz, großzügig gestaltete Einkaufsmöglichkeiten und eine Gaststätte – alles integriert. Sehr gelungen und bis heute am besten erhalten ist der Gedanke im Wohnkomplex I. Dort findet sich Peter Biernaths Handschrift wieder.

„In den Anfangsjahren, vor allem im Aufbaustab, begegnete ich Persönlichkeiten, die mich beruflich sehr geprägt haben.“ Die Namen Ferdinand Rupp, Horst Stupka und Richard Paulick werden achtungsvoll genannt. Bei Paulick lächelt Biernath ein bisschen. „Na ja, so oft haben wir Jungen ihn nicht zu sehen bekommen. Aber einmal, ich arbeitete gerade am Entwurf einer Fassade für ein Bankgebäude im Stadtzentrum, blieb Paulick stehen und schaute interessiert.“ Das Gebäude ist, so wie das gesamte Stadtzentrum, bekanntlich nie gebaut worden.

„Dennoch – wir bekamen hier Arbeitsaufgaben, die anderswo unvorstellbar waren, junge Architekten aus anderen Teilen der DDR schauten oft neidvoll zu uns.“ Der Aufbaustab wurde Anfang der 1960er-Jahre aufgelöst. Gebaut wurde unermüdlich weiter, Hoyerswerda wuchs und wuchs.

Peter Biernaths beruflicher Weg führte nun über das Bauamt beim Rat des Kreises zum VEB Hochbauprojektierung Cottbus, Außenstelle Hoyerswerda. 1964 wurde er vom Rat des Kreises zum ehrenamtlichen Denkmalpfleger berufen – und fand zu seiner Berufung. Ein Fernstudium an der Hochschule für künstlerische Formgestaltung auf der Burg Giebichenstein folgte, 1977 wurde er für ein Jahr nach Hanoi delegiert. Auch dort wurden Wohnungen gebraucht – sein Wissen und seine Fähigkeiten auch.

Das Interesse für die Denkmalspflege ließ ihn nie mehr los. Die Bemühungen der Stadt Hoyerswerda um die Erhaltung und Wiederbelebung der Langen Straße in den 1980er-Jahren faszinierten ihn. Heute befindet sich in einem der Häuschen, die die Stadt damals erwarb, um junges Handwerk anzusiedeln, der Kulturbund. Hier finden sich unzählige Fotos und Zeitdokumente vom Aufbau – und auch Zeugnisse vom Rückbau der Neustadt.

Mit mancher Entscheidung kann sich Peter Biernath bis heute nicht anfreunden. „Uns im Kulturbund wird oft nachgesagt, wir wären ewig Gestrige. Aber das sind wir nicht. Wir halten es für unsere Pflicht, das Werden und Wachsen der Stadt genauso zu dokumentieren wie die Schrumpfung und den Rückbau. Genauso wie stadtbildprägende Gebäude, als Beispiel nennt er das Y-Hochhaus, sind Pläne, Zeichnungen, Entwürfe und Ideen heute einfach nicht mehr da. Sie kamen auf den Müll. Heute müssen nicht selten Aufmaße neu gemacht werden.“ Wertschätzung von Lebensleistung sieht anders aus.

Nach der Wende fand Peter Biernath Arbeit und Anerkennung in einem Architekturbüro in Senftenberg. Eine schwere Erkrankung zwang ihn kurze Zeit später zur Invalidität, später in den vorzeitigen Ruhestand. Er hätte sich ausruhen können, ja sollen! Das aber ist seine Sache nicht. Peter Biernath, das sind: Publikationen, Ausstellungen, Dokumentationen und vor allem Gegenüberstellungen vom einstigem und vom heutigen Hoyerswerda für Bücher und Kalender. Und es ist der Tag des offenen Denkmals, den er gemeinsam mit den Kulturbundenthusiasten gerade wieder vorbereitet. Am 13. September öffnet das Haus „Lange Straße 1“ dafür weit seine Türen. Helfen würde ihm in seiner Arbeit ein echter Ansprechpartner für Kultur im Rathaus. Die Zuständigkeiten ändern sich und man weiß oft nicht, an wen man sich mit seinen Anliegen wenden muss. Das sagt er nicht deutlich, das hört man während des Gesprächs heraus.

Fragt man Peter Biernath nach seinem persönlichen Lieblingsort in Hoyerswerda, antwortet er: „Meine Frau würde zwar jetzt widersprechen, denn es ist sehr warm dort im Sommer, aber für mich ist es meine Wohnung, ganz oben im Hochhaus.“

Die Antwort ist überraschend, Biernaths sind gefühlt irgendwie immer unterwegs. Man trifft sie bei Ausstellungen, in Konzerten, bei Foren – und auch gern ganz zufällig bei Ausflügen, beispielsweise ins Schlesische. Auf Nachfrage ist die Antwort jedoch schnell erklärt: „Wissen Sie, am schönsten sind die Sonnenaufgänge. Die – und der Weitblick von da oben sind ganz wunderbar.“

Alles klar! Sonnenaufgänge finden gesetzmäßig am frühen Morgen statt. Da ist Peter Biernath zu Hause und kann sie genießen. Dann aber hat er zu tun.

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