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Fortbestehen können wir nur im Miteinander

Die Ökumenische FriedensDekade 2021 hat begonnen. Ihr Leitmotiv lautet „Reichweite Frieden“.

Von Andreas Kirschke
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Jörg Michel ist Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Hoyerswerda-Neustadt. Vor dem Martin-Luther-King-Haus zeigt er ein Plakat mit dem Leitmotiv der diesjährigen FriedensDekade.
Jörg Michel ist Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Hoyerswerda-Neustadt. Vor dem Martin-Luther-King-Haus zeigt er ein Plakat mit dem Leitmotiv der diesjährigen FriedensDekade. © Foto: Andreas Kirschke

Hoyerswerda. Friedenstauben umfliegen die Erde. In ihren Schnäbeln tragen sie Ölzweige. Miteinander verbunden tragen sie ihre Botschaft vom Frieden in alle Länder des Planeten. „Reichweite Frieden“ ist das Leitmotiv der 42. Ökumenischen FriedensDekade vom 7. bis 17. November. Über Inhalte, Botschaften und die Kraft der FriedensDekade direkt vor Ort sprach TAGEBLATT mit Pfarrer Jörg Michel von der Evangelischen Kirchengemeinde Hoyerswerda-Neustadt.

Herr Pfarrer, worauf zielt das Leitmotiv „Reichweite Frieden“?

Es verdeutlicht: Wir sind alle miteinander vernetzt. Wir sind aufeinander angewiesen. Fortbestehen können wir nur im Miteinander. Sehr berührend ist für mich eine Bildmeditation zum Plakatmotiv „Reich-weite Frieden“. Pfarrerin Sabine Müller-Langsdorf hat sie geschrieben. Sie ist Referentin für Friedensarbeit im Zentrum Ökumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck in Frankfurt/Main.

Worüber hat sie geschrieben?

Sie nimmt Bezug auf die Bibel. In der Geschichte um die Arche Noah geht es am Ende um eine Taube. Noah will durch sie erkunden, ob bald Land in Sicht ist. Mehrfach fliegt die Taube los. Beim zweiten Mal kehrt sie mit einem Ölzweig im Schnabel zurück. Beim dritten Mal bleibt sie an Land ... „Reichweite Frieden“, so schreibt die Pfarrerin, braucht den genauen Blick, das sensible Hinschauen in die Katastrophen-Landschaften. Es ist das Leben-Suchen darin. Alle Menschen guten Willens machen sich auf. Sie feiern immer wieder gemeinsam Versöhnung. Das ist die Botschaft der FriedensDekade 2021.

Wie aktuell ist die Botschaft in Hoyerswerda?

Sehr aktuell. Hinter uns liegt ein bewegendes Gedenk-Wochenende in Erinnerung an die fremdenfeindliche Gewalt 1991. Dieses Wochenende mahnt uns zu Frieden, Weltoffenheit und Toleranz. Der jetzt von der Initiative Zivilcourage initiierte Spenden-Aufruf für die früheren mosambikanischen Vertragsarbeiter knüpft daran an. Mit Beschämen habe ich festgestellt, wie wenig ich doch selbst bislang über Mosambik wusste – über die prekäre Lebenssituation der früheren Vertragsarbeiter, über die prekäre politische Lage im Land, über die vielen Konflikte im Land. Aktuell ist das Thema Frieden suchen und Frieden stiften zugleich immer wieder in der Lokalpolitik vor Ort. Beim Thema der Ortsumfahrung Kühnicht zum Beispiel zeigt sich für mich ein echtes Bemühen um eine tragfähige Lösung, alle Meinungen werden gehört, die Bürger werden einbezogen, mitgenommen. Das ist doch elementar.

Welche Inhalte prägen die FriedensDekade 2021 vor Ort?

Täglich vom 7. bis 17. November gibt es im Martin-Luther-King-Haus Friedensgebete. Sie geben Raum und Rahmen für das ganz persönliche Gebet für den Frieden. Es geht um Themen wie „Friedensprozess“, „Friedensklage“, „Jesu Friede“, „Shalom“ und „Reichweite des Himmels“. Jeder kann sich damit auseinandersetzen.

Geplant ist ebenfalls ein Vortrag zum Thema „Aktuelles aus dem Kirchenkreis“ mit Superintendent Dr. Thomas Koppehl ...

Gastgeber dieses Gesprächsabends ist unser Kreis interessierter Männer und Frauen in der Kirchengemeinde. Thomas Koppehl, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Schlesische Oberlausitz, geht auf aktuelle Fragen der anstehenden Strukturveränderungen in unserem Kirchenkreis ein. Die Botschaft ist: Gerade Kirchengemeinden können Ursprung und Vorreiter in der täglichen Friedensarbeit sein.

Was verbindet gerade die Kirchengemeinde Hoyerswerda-Neustadt mit der FriedensDekade?

Seit je her, seit der Gründung 1966, sind wir eine sehr lebendige, stark kommunizierende Gemeinde. Wir sind eine Gemeinde, die den Kontakt, den Austausch, das Miteinander mit der Umgebung sucht. Das gehört zur Genese – zur Identität und zum Selbstverständnis – der Gemeinde. Dafür steht auch Martin Luther King als der Namensgeber unseres Gemeindehauses.

Was verbindet Sie ganz persönlich mit der FriedensDekade?

Ich bin in Lübben geboren und in Görlitz aufgewachsen. Als Jugendliche trugen wir in den 1980er-Jahren oft Aufnäher mit der Aufschrift „Schwerter zu Pflugscharen“ (Micha 4, 3). Der Staat reagierte darauf hochaggressiv. Er hatte ja damals das Thema Frieden für sich gepachtet. Wir sollten die Aufnäher entfernen. Mir wurde gedroht, dass ich sonst meine Lehre als Elektriker abbrechen müsse ...

Gab es einschneidende Erlebnisse?

Ja. Ich kam eines Tages aus einem Urlaub mit Freunden in der Hohen Tatra zurück. An der Grenze auf dem Zittauer Bahnhof wurde ich plötzlich festgenommen und später stundenlang auf dem Kreisamt der Volkspolizei verhört. Es kamen Unterstellungen, Vorwürfe, Drohungen. Das Symbol „Schwerter zu Flugscharen“, so hieß es, sei ein faschistisches Symbol. Das war völlig absurd. Ich konnte das entkräften. In Wirklichkeit war es ein sowjetisches Friedens-Symbol. Ein Geschenk der Sowjetunion an die UNO. 1994, kurze Zeit nach der politischen Wende, konnte ich das Symbol selbst in New York vor Ort sehen. Zwar musste ich damals in der DDR das Symbol entfernen lassen von der Jacke. Doch kurze Zeit später kam ein neues Symbol „Schwerter zu Pflugscharen“ darauf. Die Jacke gibt es übrigens heute noch.

Was erhoffen Sie sich von der diesjährigen FriedensDekade?

Ich erhoffe mir, dass die Teilnehmer viel Ermutigung und Kraft durch die FriedensDekade erfahren. Frieden muss immer wieder errungen werden. Frieden braucht stetes Bemühen. Frieden kann nur durch Gerechtigkeit Bestand haben. Im Martin-Luther-King-Haus hängt ein Zitat: „Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern, können nur zusammen das Leben bestehn.“ Das ist die tiefere Botschaft der diesjährigen FriedensDekade.

Friedensgebete – Beginn jeweils um 19 Uhr am Altar

Dienstag (9. Nov.): „Friedensklage“; im Anschluss Gesprächsabend mit Superintendent Dr. Thomas Koppehl: „Aktuelles aus dem Kirchenkreis“
Mittwoch (10. Nov.): „Gärtnerinnen“
Donnerstag (11. Nov.): „Jesu Friede“
Freitag (12. Nov.): „Wegzehrung“
Sonnabend (13. Nov.): „Shalom“
Sonntag (14. Nov.): „Gelassenheit“; 9.30 Uhr: Bittgottesdienst für Frieden
Montag (15. Nov.): „Sanftmut“
Dienstag (16. Nov.): „Neuorientierung“
Mittwoch (17. Nov./Buß- und Bettag): „Reichweite des Himmels“