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Freiraum-Konzept auf dem Prüfstand

Zwölf Jahre nach einem Stadtratsbeschluss hat die KulturFabrik Wissenschaftler für eine Überarbeitung gewonnen.

Dieses Bild aus dem Konzept fußt auf der Idee eines „äußeren Rundweges inmitten von Kleingarteninseln“.
Dieses Bild aus dem Konzept fußt auf der Idee eines „äußeren Rundweges inmitten von Kleingarteninseln“. © Grafik: TU Dresden / Institut für Landschaftsarchi

Hoyerswerda. Für Anne Oberritter passt zwischen zwei wissenschaftliche Projekte zum selben Thema in Hoyerswerda ein ganzer Lebensabschnitt im Ausland. Von 2010 bis 2017 war sie am Institut für Architektur und Landschaft der Technischen Universität Graz beschäftigt. Bevor sie in die Steiermark ging, arbeitete sie 2007 in Hoyerswerda an einer Studie mit, die das Institut für Landschaftsarchitektur der TU Dresden im Auftrag der Stadtverwaltung erstellte.

Das Papier „Neue Freiräume Hoyerswerda – Städtebauliches Leitkonzept zum durch Rückbau entstandenen unbebauten Stadtraum“ passierte im Mai 2008 den Stadtrat. Es gab 22 Zustimmungen, eine Ablehnung und drei Enthaltungen. Die Bestätigung durch die Räte war das Letzte, was Anne Oberritter von der Sache hörte; bis vor ein paar Monaten – die Ingenieurin für Landschaftsarchitektur war inzwischen zurück in Dresden – die KulturFabrik anrief. Und so stand sie vorige Woche am Freitag mit Professorin Anna Viader und gut einem Dutzend Studentinnen auf der Aussichtsterrasse des Elfgeschossers Stadtpromenade 11, um auf Hoyerswerda zu blicken. Die Frauen (ein männlicher Student war darunter) hatten zuvor zu Fuß eine vierstündige Stadtführung mit Architektin Dorit Baumeister absolviert. Es war der Auftakt für das Vorhaben, das Konzept nach mehr als einem Jahrzehnt weiterzuspinnen.

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...und lassen Sie sich elektrisieren.

„Wir sind ja dabei, so nach und nach die Auszeit-Projekte abzuarbeiten“, erläutert KuFa-Geschäftsführer Uwe Proksch. Im Sommer 2012 stand im Würfelhaus Otto-Nagel-Straße 52 im WK X vor dessen Abriss das „Nachdenken über H.“ im Mittelpunkt. Man befasste sich damals auch mit den Vorschlägen aus dem Freiraumkonzept, etwa dem „Schaffen eines abwechslungsreichen Landschaftsraumes im Übergang zwischen Stadt und Landschaft als stadtnaher Erholungsraum“ oder dem „Entwickeln der Umstrukturierungsgebiete am Stadtrand als Bindeglied zur freien Landschaft“.

Uwe Proksch ist zum Beispiel von der Idee angetan, einen Rundweg ums Stadtgebiet anzulegen, an dem unterschiedliche Gestaltungselemente zu finden sind – von der Bienenwiese über Kunst in Form von Plastiken bis hin zu einem Kinderspielplatz. Allerdings haben sich im letzten Jahrzehnt teils die Gegebenheiten verändert. Hier und da stehen auf Abrissflächen neue Einfamilienhäuser. Andernorts ist Wald angepflanzt worden. Und mitunter hat sich die Natur Flächen von ganz alleine zurückgeholt.

Kurzerhand beantragte die KuFa nach Absprache mit dem Rathaus einen Zuschuss aus dem Mitmachfonds des Landes Sachsen für die Noch-Kohle-Regionen und bekam für die anfallenden Sachkosten 15.000 zur Verfügung gestellt. „Die TU Dresden war bereit, es zum Lehrinhalt zu machen“, freut sich Dorit Baumeister.

Wohnen am Grünen Saum

Es gibt unterschiedliche Auffassungen dazu, wie gut oder wie schlecht die 2008 beschlossenen Ideen umgesetzt worden sind. „Bei allen entsprechenden städtischen Planungen wird auf das Freiraumkonzept zurückgegriffen, beziehungsweise wird es in die Betrachtungen mit einbezogen. Es ist auch im Städtebaulichen Entwicklungskonzept (Seko) «Stadtumbaugebiet Hoyerswerda» in der Maßnahmeliste enthalten“, sagt Rathaussprecher Bernd Wiemer. Und in der Tat: Beim Durchblättern der immerhin auch fast 40-seitigen Kurzfassung fallen Punkte auf, die vertraut klingen. So ist auf Seite 21 vom „Wohnen am Grünen Saum“ die Rede: Potenziale dafür gebe es insbesondere im Bereich Hufelandstraße / Ernst-Heim-Straße (wo derzeit das Wohngebiet Paul-Ehrlich-Straße entsteht) oder im Übergang zur Ortslage Kühnicht (wo ein Einfamilienhaus nach dem anderen errichtet wird). Eine „Aufwertung der Grünverbindungen in den Wohnkomplexen“ hat es immerhin schon einmal in die langfristige Finanzplanung der Stadt geschafft.

Zweiter Termin im Dezember

Andere Vorschläge sind eben das bisher geblieben – Vorschläge. „Der Impuls, das jetzt als neue Herausforderung zu sehen, ist größer als die Enttäuschung“, formuliert Anne Oberritter. Die Leute vom Institut für Landschaftsarchitektur sind neugierig zu erfahren, was von damals in die Gegenwart übernommen werden könnte und wo es vielleicht neue Ansätze gibt – unter anderem bezüglich möglicher Förderung. Auch in der Wissenschaft haben sich Debatten verändert. War 2007/08 die Diskussion über schrumpfende Städte unter Fachleuten sozusagen en vogue, ist das Wachstum mittlerweile wieder in den Fokus gerückt. Denn viele Großstädte platzen aus allen Nähten. Die Studentinnen und Studenten können am Beispiel Hoyerswerda also auch noch lernen, dass daneben noch andere Probleme existieren.

Nach ihrem zweitägigen Auftaktbesuch vorige Woche wollen sie schon im Dezember wiederkommen. Dass das auch unter den aktuellen Bedingungen ganz gut geht, hat der jüngste Besuch gezeigt. Eine Mobiltelefon-App erlaubte es nicht nur, dass die jungen Leute während Dorit Baumeisters Erläuterungen reichlich Abstand halten und dennoch akustisch alles gut verstehen konnten. Es war auch noch möglich, drei in Dresden in Quarantäne sitzende Kommilitonen zuzuschalten. So ganz selbstverständlich ist das nicht, sagt Professorin Anna Viader. Viele Vor-Ort-Studien-Projekte seien wegen der Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 abgesagt worden. Von ihren Schützlingen hingegen wollen drei eine Masterarbeit über Hoyerswerda schreiben, einer eine Bachelorarbeit.

Das Bild entstand 2015 vor einem Abriss im WK IX. Vorn sieht man ein Waldstück, das bereits auf einer Abrissfläche angelegt worden war.
Das Bild entstand 2015 vor einem Abriss im WK IX. Vorn sieht man ein Waldstück, das bereits auf einer Abrissfläche angelegt worden war. © Archivfoto: Gernot Menzel

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