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Große Risse und Monster-Sperrung

Die B 97 bei Spreetal wird gesperrt und wieder freigegeben. Der Umleitungsverkehr ist nur ein Vorgeschmack.

Risse in der Bundesstraße 97 in der Tieflage bei Spreetal Ende August. Nach dem Einbringen von Vertikaldrainage neben der Straße sackte die Fahrbahn unterschiedlich stark ab, bis zu vier Zentimeter Unterschied, Risse bis zu 8-10 cm breit auf einer Läng
Risse in der Bundesstraße 97 in der Tieflage bei Spreetal Ende August. Nach dem Einbringen von Vertikaldrainage neben der Straße sackte die Fahrbahn unterschiedlich stark ab, bis zu vier Zentimeter Unterschied, Risse bis zu 8-10 cm breit auf einer Läng © Archivfoto: Uwe Schulz

B97. Bilder wie aus den großen Erdbebengebieten dieser Welt: Die dicke Asphaltfahrbahn auf einem gut achtzig Meter langen Teilstück auseinandergerissen. Viele Meter lang, mehrere Zentimeter breit und wer weiß wie tief. Dazu plötzlich Höhenunterschiede von mehreren Zentimetern. Das mitten in der Lausitz, die kein Erdbebengebiet ist. Und die Straße ist die Bundesstraße 97 zwischen Spremberg und Hoyerswerda im Bereich der Gemeinde Spreetal. Es ist eine der Verkehrshauptschlagadern zwischen Sachsen und Brandenburg.

Es ist Ende August 2020. Im Auftrag des Bergbausanierers LMBV wurden hier in den Schulferien beidseits der Straße Vertikaldrainagen maschinell in den Boden gedrückt. Teilweise bis zu 15 Meter tief. Planmäßige Arbeiten, extra in die Ferienzeit gelegt. Mitte August war noch alles in Ordnung. Die Aussage stand: Ab 31. August kann die Straße wieder freigegeben und genutzt werden. Wenige Tage nach dieser Ankündigung waren dann in der Fahrbahn Risse zu erkennen, und sie erreichten nur Stunden später ihr endgültiges Ausmaß. Der Untergrund unter der Straße hatte sich unterschiedlich stark gesenkt. Also weitere Untersuchungen und schließlich die Feststellung, dass der Boden erst mal zur Ruhe gekommen ist, dass das tatsächlich reparabel ist. Aber nicht auf die Schnelle. Am 5. November rollte der Verkehr dann wieder auf der hergestellten Trasse mit den gleichen Vorsichtsmaßnahmen wie zuvor. Und es war auch so schon klar, dass die Bergbausanierer hier noch mal ranmüssen. Doch das Ereignis rückte die B 97 stark in den Fokus. Und nicht nur den vergleichsweise kurzen Bereich mit der Geschwindigkeitsbegrenzung, sondern der gesamte knapp vier Kilometer lange Abschnitt von der Brücke Spreetal Richtung Hoyerswerda bis zum Abzweig Burg. Auch der an der B 97 ansetzende erste Kilometer der S 130 ist betroffen. Erste Prognosen wurden erstellt: Die Sanierung soll rund zehn Jahre dauern und wohl auch erst in etwa zehn Jahren fällig sein. Wer das hört, greift sich eigentlich an den Kopf. Wieso dauert ein Stück Straße so lange? Nun – es geht nicht um eine kleine Senke und fünf Kilometer Straße. Es geht um einen ganzen Abschnitt eines verfüllten Tagebaurestlochs, das vor über 100 Jahren aufgeschlossen worden war.

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Das Flächenausmaß kann sicher jedermann vor Augen führen, der sich auf der Internetseite der LMBV die Sperrbereiche in der Lausitz anschaut. Die B 97 und die S 130 sind die einzigen beiden Verkehrsadern, die durch den gigantischen Sperrbereich südlich von Schwarze Pumpe hindurchführen. Wer auf ihnen unterwegs ist, sieht links und rechts die Sperrschilder.

75 Jahre Kohleförderung

Der Tagebau Brigitta wurde 1915 aufgeschlossen. Die Elektrowerke AG hatte parallel dazu begonnen, in Trattendorf ein Kraftwerk zu errichten. Dessen Bedarf an Brennstoffen und die der Tuchindustrie im Raum Spremberg wurden aus der Grube Brigitta gestillt. Sie belieferte auch die ebenfalls neu errichtete Brikettfabrik Spreetal. Der Tagebau arbeitete sich westlich von Burgneudorf nach Süden vor und kam nach dem Krieg, dann als Tagebau Spreetal, in Regie der Braunkohlenverwaltung Welzow geführt, vor Burg zu seinem ersten Ende. Es folgte ein großer Schwenk. Ab 1953 arbeitete sich der Tagebau Spreetal dann nach Westen vor. Dafür musste unter anderem die alte Fernverkehrsstraße 97 zwischen Hoyerswerda und Schwarze Pumpe weichen. Sie wurde östlich verlegt und mehrere Kilometer weit über die zugeschüttete und dem Stand der Zeit entsprechend verdichtete Grube Brigitta geführt.

1972 erreichte der Tagebau Spreetal den vier Jahre zuvor stillgelegten Tagebau Bluno, arbeitete sich durch das Teilfeld Bluno und das Teilfeld Klein Partwitz bis 1981 weiter. Es folgten das Zusatzfeld Spreetal und in den letzten fünf Jahren der DDR noch der Abbau des Tagebaus Spreetal-Nordost, was heute den Nordbereich des Spreetaler Sees bildet. Nach 75 Jahren endete bei Spreetal die Kohleförderung.

Und die Bergbausanierung ging weiter. Vieles von dem man glaubte, dass es für immer halten würde, hat nicht gehalten. Etliches davon weiß man aber erst seit 2010, als im niederschlagsreichen Jahr mit einer maximalen Wassersättigung der Böden Grundbrüche und Setzungsfließen eintraten, Zehntausende Hektar Bergbaufolgefläche gesperrt werden mussten, die bis dahin eigentlich schon als sicher galten. Sechs Jahre vor diesen Sperrungen war die Trasse der B 97 zwischen dem Abzweig Burg und dem Abzweig Burgneudorf schon mal neu gebaut worden. Die alte verlief so tief, dass aufsteigendes Grundwasser für Probleme gesorgt hätte. Also hatte man eine neue Trasse verdichtet und darauf die Bundesstraße aufgebaut, dann die alte Fahrbahn abgerissen. Ein kleines Teilstück bei Spreetal war mit dem Wissen der damaligen Zeit nicht als erneuerungswürdig eingestuft worden. Das war dann nach den geotechnischen Neubewertungen nach 2010 anders. Seitdem gilt die Senke als potenziell setzungsfließgefährdet. Platt formuliert: Der darüber rollende Verkehr ist weniger das Problem. Falls aber ausgerechnet hier beispielsweise zwei schwere Lkw miteinander kollidieren oder ins Gelände abdriften, könnte das ein Initial sein, das ein mit Wasser gesättigtes und wie geschrieben nur geschüttetes Erdreich in Bewegung versetzen kann. Daher die Geschwindigkeitsbegrenzung, die zudem jeden Kraftfahrer befähigen soll, rechtzeitig sein Fahrzeug zum Stillstand zu bringen, falls sich genau vor ihm doch die Fahrbahn in Bewegung setzt.

Die Sanierung wird also ein großes Unterfangen. Betroffen sein wird auch die Fernwärmetrasse, über die Hoyerswerda von Schwarze Pumpe seit sechzig Jahren mit Wärme versorgt wird. Hoyerswerda muss sich eh Gedanken um eine neue Versorgung machen, weil ja spätestens 2038 wegen des Kohleausstiegs mit dem Kraftwerk Schluss ist.

Neubautrasse ohne Chance?

Und im Fall der Straßensanierung wird es mit dem Umleitungsverkehr noch dramatischer, als es in diesem Jahr war. Denn der Verkehr verteilte sich. Einerseits fuhren viele tatsächlich die ausgewiesene Umleitung westlich über die S 234 und B 156. Andere fuhren auf der B 97 bis an die Sperrung und nahmen dann den Weg über die Staatsstraße 130 und weiter über die Kreisstraße 9215, eigentlich nur noch eine marode Rumpelpiste ohne belastbaren Unterbau, durch Burgneudorf und Spreewitz.

In dem Zusammenhang kam die Idee auf, nicht unbedingt wieder die alte Trasse der F 97 zu reaktivieren, aber am neuen Kreisverkehr B 96/B 97 eine neue Straße Richtung Norden anzudocken und über die alte Bandtrasse weiterzuführen. Nach der Querung des Überleiters 1 könnte man sie an die alte F 97 bei Terra Nova anbinden. Man könnte also die neue Bundesstraße erst bauen, ohne die alte sperren zu müssen. Die Neubaustrecke wäre länger als der Bereich, der auf der jetzigen B 97 zu sanieren ist. Gleichwohl wäre der Bereich, der bei der Neubauvariante über Kippengelände führt und ebenfalls grundlegend saniert werden müsste, kürzer. Doch die Führung durch das Areal des Naturschutzgroßprojektes Lausitzer Seenland und die Erfahrungen mit der Planung neuer Trassen haben gezeigt, dass die Idee nur schwer umsetzbar sein dürfte, man hier zudem nicht über zehn Jahre Vorlauf spricht, sondern mindestens über die doppelte Zeitspanne.

© Archivfoto: Uwe Schulz

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