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Leben als Mensch und nicht als Waschbär

Steffen Scholz aus Spohla begründet, warum er den Hoyerswerdaer Autokorso gegen die Corona-Restriktionen für ein sinnvolles Zeichen hält.

Steffen Scholz
Steffen Scholz © Foto: privat

Hoyerswerda. Am vergangenen Freitag fand in Hoyerswerda, wie an vielen Orten in ganz Deutschland, wieder ein Autokorso statt – gegen die Restriktionen, die mit Corona verbunden sind. Bisher noch nicht daran teilgenommen (wegen unabweisbarer anderer Verpflichtungen) hatte Steffen Scholz aus dem Wittichenauer Ortsteil Spohla. Bei den nächsten Korsos will er aber mitfahren.

Herr Scholz – was bewegt einen denn, an solch einer Aktion teilzunehmen? Ist es denn nicht so, dass in der Provinz ja viel gemacht werden kann, aber das der Politik, ganz gleich ob in Dresden oder Berlin, am Allerwertesten vorbeigeht?

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Ich sehe das anders. Zwar sind nach den ersten Autokorsos noch keine grundlegenden Kurskorrekturen der Politik in Sachen Corona erfolgt; vielleicht ist diese Stimme „von der Straße“ auch noch nicht laut genug. Aber Veränderungen beginnen ja nicht sofort im Großen, sondern im Kleinen. Es sind immer zu Anfang Wenige, die etwas anstoßen und dadurch immer mehr Menschen motivieren, sich auch bemerkbar zu machen. Es ist wie mit dem Bildungsweg: Am Anfang steht ja auch nicht der Doktorgrad, sondern erst einmal das Grundlegende. Und das heißt hier: Sich nicht in die gewähnte Aussichtslosigkeit ergeben, sondern etwas tun. Sich zeigen. Ein Zeichen setzen. Andere ermutigen, ihre Passivität zu überwinden.

Wird nicht offiziell der Passivität das Wort geredet? Ein Videoclip der Bundesregierung zeigt Menschen, die in der Zeit „nach Corona“ genüsslich resümieren, dass sie damals, also jetzt, getan hätten, was von ihnen erwartet worden sei, nämlich: „Absolut gar nichts. Waren faul wie die Waschbären. Tage- und nächtelang blieben wir auf unserem Arsch zu Hause und kämpften gegen die Ausbreitung des Coronavirus ... Unsere Couch war die Front, und unsere Geduld war die Waffe ... So wurden wir zu Helden.“

Ich finde das traurig. Was, bitte, soll gut daran sein, das eigene Leben auszusetzen, auszusitzen? Statt nachzudenken, wie man wieder Sport treiben, Freizeit, Freiheit und Gesellschaft haben kann, sich selbst zu ergeben und zu sagen: „Ich brauch’ ja gar nichts zu tun; die Politik wird’s schon richten ...“ Da haben wohl auch die dauernden Wiederholungen in den Verlautbarungen ihren unseligen Anteil, mit denen man sogar weitere Verschärfungen als „vorsichtige Lockerungen“ verkaufen kann.

Falsch und richtig sind aber beim Umgang mit Corona, scheint’s, jetzt Kategorien, die schwer einzugrenzen sind.

In der Tat, was das „Technische“ anbelangt. Aber jeder hat eine Art Intuition; ein Gefühl, was angemessen oder eher fragwürdig ist. Corona ist ja nicht erst gestern ausgebrochen, sondern hatte schon „Jahrestag“ – mit unterschiedlichen Phasen von Ansteigen und Abschwellen der Zahlen. Da sollte man erwarten dürfen, dass eine erkennbare Linie verfolgt wird statt nur Aktionismus und Vertröstungen, „noch ein bisschen“ durchzuhalten, dann werde es schon besser – und dann wird es das mit erwartbarer Zuverlässigkeit doch nicht.

Ist es „nur“ Protest gen Politik, wie er sich in den Autokorsos artikuliert?

Das wäre mir persönlich zu kurz gegriffen. Die Korsos sind, so verstehe ich sie jedenfalls, auch Appell an jeden einzelnen, zu überlegen, was sie oder er tun kann – um denjenigen, die es noch härter getroffen hat, zu helfen, mit Corona fertig zu werden. Nur ein Beispiel: Wenn man es irgend kann und es gewünscht wird, sollte man Eltern beim Homeschooling unterstützen – direkt oder auf digitalen Wegen. Dazu gehört: Raus aus der Lethargie! Raus aus der Passivität! Mehr Menschlichkeit leben! Zur Zeit wird immer so viel vom „Wir“ gesprochen“; aber meist reduziert sich das dann doch auf das „Ich“, also auf meine Probleme, meine Sorgen. Und die der anderen, der Mitmenschen, werden nicht in Betracht gezogen. Das muss sich ändern, wenn wir als Gesellschaft bestehen wollen.

Wie könnte das aussehen?

Wir müssen wieder lernen, zuzuhören. Den anderen ernst nehmen. Ihm zugestehen, dass das, was ihn bewegt, nicht minder wichtig ist als das, was mich umtreibt. Ich zum Beispiel habe ein ungutes Gefühl in der Höhe, würde aber darum keinem abraten, auf Berge zu klettern. Andere haben Angst vor dem Virus. Und: Ist nicht die Angst vor einer Spaltung der Gesellschaft, vor der dauerhaften Einbuße von bürgerlichen Grundrechten, genau so bedenkens-, also diskussions-wert im Sinne von Einfach-auch-mal-Stehenlassen; Gelassenheit und Akzeptanz? Wenn die Argumente des anderen gar nicht gehört, sondern sofort abgewertet und verworfen werden, ist der soziale Konsens in Gefahr. Den kann man „nach Corona“ nicht wiederherstellen; jedenfalls nicht sofort. Wie lange das dauern und ob es überhaupt möglich sein wird – das kann wohl keiner beantworten, und es wird immer unmöglicher, je länger das Gegeneinander-Reden und -Handeln dauert.

Was erfüllt Sie jetzt mit besonderer Besorgnis? Was würden Sie, wenn Sie es könnten, sofort verändern?

Lassen Sie es mich etwas anders beantworten: Was wir jetzt bei und mit unseren Kindern versäumen, ist verheerend. Das meint noch nicht einmal das „Homeschooling“, das den regulären Unterricht nicht ersetzen kann. Das meint zum einen den zunehmenden Verlust an sozialen Kontakten, den wir ihnen zumuten. Das meint aber vor allem das Bild, das wir selber abgeben. Wohin, worauf sollen und können Kinder denn schauen, wenn nicht auf ihre Eltern, auf die Erwachsenen überhaupt? Von wem sollen sie denn lernen, nicht nur Wissen als Kenntnisse, sondern Wissen, wie eine Gesellschaft funktioniert? Wie Zusammenhalt gelebt wird? Wie man für sich selbst und andere tätig wird, anstatt nur „faul wie die Waschbären“ zu warten, dass es irgendwie und durch irgendwen besser wird? Welches Vorbild bieten wir ihnen? Das des passiven „Konsumenten“ – oder das eines Menschen, der sein Schicksal selbst in die Hand nimmt, sich dabei auch irren kann – aber eben etwas tut? Der lebt und nicht andere sein Leben ver-leben lässt?

Und dabei sollen, dabei können die freitäglichen Autokorsos helfen?

Ich hoffe es. Sie sind jedenfalls ein Versuch, zu zeigen, dass man nicht alles einfach geschehen lässt, sondern eingreifen soll und eingreifen kann. Dass man für sich und für andere eintritt; ganz egal, wie gering die Erfolgsaussichten auch im Moment des Entscheidens scheinen. Aber man kann, man muss etwas tun, wenn man nicht einverstanden ist, mit dem, was vor sich geht; was von anderen in Szenen gesetzt wird. Das sind wir uns selbst schuldig. Und, nochmals: Unseren Kindern!

Gespräch: Uwe Jordan

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