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Mit Spaten und Wassergassen gegen das Feuer

Vor 45 Jahren wütete der Großwaldbrand im Raum Graustein-Spremberg-Weißwasser. Ein Blick in das Feuerwehr-Archiv.

Klaus Panoscha (85), Leiter der Freiwilligen Feuerwehr Spremberg von 1972 bis 1998, mit Dokumenten.
Klaus Panoscha (85), Leiter der Freiwilligen Feuerwehr Spremberg von 1972 bis 1998, mit Dokumenten. © Foto: Jost Schmidtchen

Von Jost Schmidtchen

Am 8. Mai 1976, einem Sonnabend, brach in den frühen Nachmittagsstunden im Raum Schleife-Graustein ein Großwaldbrand aus. Es gab damals viele Waldbrände, so dass sich nur die markanten in die Gedächtnisse eingeprägt haben. Der von Graustein gehört dazu. TAGEBLATT erhielt Einblick in die originalen Unterlagen, die im Archiv der Freiwilligen Feuerwehr Spremberg aufbewahrt werden. Was dort drin steht, erfuhr vor 45 Jahren niemand. Nur soviel war bekannt: Es war ein hochsommerlicher, wolkenloser Tag mit blauem Himmel, 27 °C, Waldbrandwarnstufe IV. Totale Trockenheit rundum. Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr (FFw) Spremberg kontrollieren das Kreisgebiet. Auch Tanklöschfahrzeuge (TLF) sind unterwegs, um die Bahndämme des Volkseigenen Betriebes Braunkohlenwerk (VEB BKW) Welzow und der Deutschen Reichsbahn zu überwachen. Hier Auszüge aus dem Brandbericht:

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Am Müllplatz ging es los

„Gegen 13.20 Uhr wurde über Funk dem Ausrückedienst mitgeteilt, dass im Raum Schleife ein Brand ausgebrochen ist. Die Meldung kam von den Feuerwachtürmen. Einsatzauftrag: Müll- und Schuttplatz Schleife an der Straße von Graustein nach Schleife. Drei TLF wurden sofort über Funk zum Einsatzort befohlen. Die Rauchentwicklung vergrößerte sich rapide. Über Funk wurden unverzüglich weitere Kräfte der FFw angefordert. Zudem wurden die Kameraden der FFw Graustein alarmiert, die mit Fahrrädern und Spaten (mehr Ausrüstung hatten sie nicht, d. A.) sofort zur Brandstelle aufbrachen. Die Flammen hatten da bereits die Wipfel erfasst und der Brand sich über eine bewachsene Hochspannungsschneise ausgedehnt“.

Nun wurden die Räte der Kreise Spremberg und Weißwasser einbezogen und Katastrophenalarm ausgelöst. „Es wurden weitere Kräfte der Feuerwehr zugeführt, TLF von übergeordneten Dienststellen angefordert, Wasserwagen und Güllefahrzeuge aus den umliegenden LPG’n (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften; DDR-übliche Landwirtschaftsbetriebe). Die Genossen der Roten Armee (der in diesem Raum stationierten Sowjetarmee), gemeinsam mit Tankerbesatzungen der FFw Spremberg, schützten Graustein vor den Flammen. Der Ort war von dicken schwarzen Rauchschwaden eingehüllt. Mit vollen Scheinwerfern fuhren die Löschfahrzeuge zu neuen Gefahrenstellen. Die Welle der Feuersbrunst war groß, durch 200 Meter weiten Funkenflug entstanden neue Brandherde. Der Wipfelbrand gefährdete zunehmend das Umspannwerk Graustein“.

Industrie und Verkehr gefährdet

Auch die Löschwasserentnahme wurde ... komplizierter. Die von den Löschwasserentnahmestellen ausgelegten Schlauchleitungen wurden immer länger, unaufhörlich pumpten die TS’ (Tragkraftspritzen), Wassergassen wurden geschlagen. So konnten die TLF neu versorgt werden.

Gefährdet waren angrenzende regionale Industrieanlagen gleichermaßen wie die Reichsbahnstrecke Cottbus-Görlitz. Tags darauf breitete sich der Brand über die F 156 (B 156) aus. Gefährdet waren damit das Agrotechnische Zentrum, der Holzreisigplatz des Staatlichen Forstwirtschaftsbetriebes, Baracken und weitere Häuser.

„Aufopferungsvoll kämpften Angehörige der Roten Armee, Genossen der Volksarmee (NVA der DDR), Kameraden der FFw aus Städten und Gemeinden, Einwohner aus den Kreisen Spremberg und Weißwasser sowie aus Betrieben gegen das Feuer, gegen stürmischen Wind, starke schwarze Rauchschwaden und 20 Meter hoch brennende Wipfel“. Erst nach Tagen kam der Großbrand unter Kontrolle.

Brandursache „nicht ermittelt“

Was aber war nun die Brandursache gewesen? – Die wurde vor 45 Jahren vertuscht. Im Protokoll, siehe oben, stand lapidar „nicht ermittelt“. Obwohl man schon damals im Führungsstab sehr genau wusste, was wirklich vorgefallen war. Aber das durfte niemand wissen. Heute ist alles bekannt. Das enthüllte Rudolf Winterfeldt, Ingenieur für Brandschutz, und im Zeitraum Januar 1975 bis Dezember 1981 Leiter der Abteilung Feuerwehr im Volkspolizei Kreisamt Weißwasser, in einer 2008 erstellten Dokumentation zum Waldbrandgeschehen dieser Jahre. In seinem damals verfassten und unter Verschluss gekommenen Lagebericht steht nüchtern: „Von den Soldaten der nahegelegenen Garnison der Sowjetarmee wurde gegen 13 Uhr glühende Asche auf der Müllkippe entsorgt. Das war die Brandursache für diesen Waldbrand“. Der Schaden belief sich laut Winterfeldt auf 811.765 Mark der DDR (die Schäden auf dem Gelände der Roten Armee und NVA nicht eingerechnet). Insgesamt waren zur Brandbekämpfung eingesetzt: 45 TLF/LF und 1.800 zivile Arbeitskräfte. Die Brandfläche umfasste 717,29 Hektar (wiederum nicht mitgerechnet: Flächen der Sowjetarmee und der NVA). Verbrannt sind in dieser zusammenhängenden Waldfläche 550 Hektar Baumholz, 175 Hektar Stangenholz und 175 Hektar Schonung (Militärwald wiederum nicht mit einberechnet).

Eine schwarze Feuerwehr

Klaus Panoscha erinnert sich: „Ich war damals Wehrleiter der Freiwilligen Feuerwehr Spremberg und selbstverständlich vor Ort. Trotz explodierender Munition aus dem Zweiten Weltkrieg gab es keine personellen Schäden. Die gefährlichste Situation entstand durch die anrückende Feuerfront für einen «W 50 TLF 16» (Lastkraftwagen, 5,3 t Nutzlast, 6,56-l-Vierzylinder-Viertakt-Reihen-Dieselmotor mit ca. 110 bis 125 PS, gebaut 1965-1990 in Ludwigsfelde) mit Schlauchtransportanhänger (STA). Ich war selbst in der Gefahrensituation dabei. Wir konnten den STA gerade noch abhängen, dann fiel er den Flammen zum Opfer. Mit dem W 50 rasten wir durch eine 250 Meter lange brennende Schneise. Der W 50 geriet in Brand, wurde außerhalb von Kameraden mit C-Rohren abgelöscht. Die Hitze war so groß, dass die Feuerwehrmänner ihre Stahlhelme ständig mit Wasser kühlen mussten. Mit dem nunmehr vollkommen schwarzen statt feuerwehrroten Löschfahrzeug wurde bis zur Restablöschung des Großbrandes der Einsatz gefahren“.

Dieser Einsatz endete erst in der Folgewoche – um den 14. Mai herum. Genaue Angaben dazu schwanken. Mülldeponien unmittelbar an gefährdeten Waldbeständen wurden daraufhin sofort verboten, ist dem verschlüsselten Dokument „vpka smg 51 owz 12.05.76 1800 si“ der „bdvp cottbus stab/information“ zu entnehmen. Zu einer Dankeschön-Veranstaltung für alle an der Bekämpfung des Großbrandes Beteiligten lud der Rat des Kreises Spremberg am 19. Mai 1976 in die HO- (Handelsorganisations-) Gaststätte „Georgenberg“ ein.

Es war an einem 14. Mai

Unter der Leitung von Oberförster Hans Kappert erfolgte die Wiederaufforstung. In diese bezog er Schüler Spremberger Schulen ein. Die Kinder waren von dieser Aufgabe begeistert. Das Projekt ging unter dem Namen „Kinderwald“ in die Forstgeschichte ein. Doch dem jungen Baumbestand war keine Zukunft beschieden. Am 14. Mai 1988 brannte er bei einem erneuten Großbrand vollständig ab. Da ließ sich die Brandursache nicht wieder vertuschen. Trotz Waldbrandwarnstufe IV und totaler Trockenheit hatte die Kampfgruppe (paramilitärische Miliz von Arbeitern, die als Reserve-/Hilfstruppe der regulären Armee ausgebildet wurde) eines Spremberger Großbetriebes dort eine Übung abgehalten – und wohl auch geschossen ... Die Wut über diese Unverantwortlichkeit zog sich bis in weite Bevölkerungskreise. Selbst Klaus Panoscha war mehr als betroffen: „Da habe ich Oberförster Hans Kappert zum ersten Mal weinen gesehen.“

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