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Von Wärmflaschen und Duftrosen

Sigrun Jeck hat über viele Jahre die Arbeit des Museums im Schloss geprägt. Ihr Leben hat sich maßgeblich verändert.

Heute geht Sigrun Jeck neuen Hobbys nach. Sie genießt die kleinen Dinge mehr.
Heute geht Sigrun Jeck neuen Hobbys nach. Sie genießt die kleinen Dinge mehr. © Foto: Angela Donath

Von Angela Donath

Hoyerswerda. Mein Geburtsjahr? Na gut, ich habe, so denke ich immer, ein Geburtsdatum für Blondinen: 4.5.66.“ OK, das merkt sich wirklich gut und der Blondinenwitz (auf eigene Kosten) macht klar, dass Sigrun Jeck Humor hat – und Freude am Leben. Und das, obwohl sie nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens stand.

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Aufgewachsen ist sie in einem kleinen Dorf bei Bad Liebenwerda, die Schule besuchte sie bis zum Abitur in Elsterwerda. „Ich wollte so gerne Meeresbiologin werden. Die Unterwasserwelt erforschen, wie Jacques Cousteau mit seiner Calypso – das war mein Traum.“ Diese Sehnsucht hatte ihr möglicherweise der Vater, er war Biolehrer, in die Wiege gelegt. Allein: Ihre Bewerbung an der Uni in Rostock wurde aus Kapazitätsgründen abgelehnt. „Werden Sie doch Verfahrenstechnologin, die werden gebraucht“, lautete die Studienempfehlung nun. Wie naheliegend! Sie möchte Meere erforschen und soll sich durch Produktionsabläufe wühlen. Die Antwort lautete konsequenterweise „Nein“. Gott sei Dank hatte sie von ihrer Mutter, sie war Deutschlehrerin und Kunsterzieherin, eine zweite Leidenschaft vererbt bekommen: Die Liebe zur Kunst und zur Geschichte.

Sigrun Jeck wurde Diplom-Museologin. Der erste Job als Museumsassistentin in Bad Liebenwerda, Hochzeit, die Geburt der ersten Tochter und der Umzug nach Hoyerswerda folgten. Die Abschlussarbeit ihres Studiums wurde schon durch Helga Müller, damals Leiterin des Museums Hoyerswerda, betreut. Der Anfang schien gemacht. Doch eine Planstelle im Museum Hoyerswerda war nicht in Aussicht.

Sigrun Jeck war jetzt in der Stadtverwaltung gelandet und durfte sich zuallererst um die „Abrechnung von Bürgerinitiativen in den Wohngebieten“ kümmern. „Das war, naja, ganz schön desillusionierend. Ich wollte das ganz genau tabellarisch belegen, es genügte aber, die Abrechnungen der Vorjahre mit einem neuen Datum zu versehen.“ Doch bald kam der Herbst, der alles veränderte. Nein, arbeitslos wurde sie nicht. In der neu aufzubauenden Stadtverwaltung kam sie ins Dezernat von Martin Schmidt. Man kümmerte sich hier um Schulen, Jugendarbeit, Kitas, Kultur, Soziales, Sport und – überhaupt um ganz vieles. „Von Martin Schmidt habe ich viel gelernt“, sagt sie. „Vor allem hat er mir die Augen für ein anderes Kunstverständnis geöffnet.“ Später, als Mitarbeiterin im Büro von Renate Schwarze, empfindet sie das auch. „Sie hat mich gefördert und durchgesetzt, dass ich berufsbegleitend auch vertiefte Verwaltungskenntnisse erwerben konnte.“ Die Personalverantwortlichen damals waren wohl immer der Meinung, dass die aus der Kultur so etwas nicht brauchen. Von Frau Schwarze lernte sie außerdem, sich besser durchzusetzen und mitzumischen. Ihr legendärer Spruch: „Wer meckert, kommt in den Vorstand!“, bringt Sigrun Jeck noch heute zum Schmunzeln.

Geschichte erlebbar machen

Ihre eigentliche berufliche Erfüllung begann im Jahr 2004. Der langjährige Museumsleiter Karl-Heinz Hempel war in den Ruhestand gegangen. Sie bewarb sich um die Museumsleitung – und bekam die Stelle. Mit dem Wechsel zog ein anderes Leben ins Museum ein. Nicht mehr allein Forschen, Sammeln und Bewahren standen im Mittelpunkt – Sigrun Jeck wollte Geschichte unmittelbar und mit allen Sinnen erlebbar machen und so die Menschen für das Schloss, das Museum und die Stadtgeschichte begeistern. Mit den Schlossfesten, die es nun im Mai eines jeden Jahres gab, gelang das auch. „Wir haben Wäsche wie zu Omas Zeiten gewaschen, die sorbische Sagenwelt lebendig werden lassen, sogar Ursula Katharina von Teschen hielt Hof. Unser Museumsteam mit den vielen ehrenamtlichen Helfern hat gekocht, gebacken, getanzt und musiziert wie früher und die Besucher zum Mitmachen angeregt. Das war eine schöne Zeit.“ In dieser Zeit erfuhren auch die Ausstellungen eine neue Qualität. Besonders gern erinnert sie sich an eine wunderbare Präsentation von weitgehend unbekannten Exponaten aus Meißner Porzellan. Die zog viele Leute nach Hoyerswerda. Und das Museum öffnete sich nach außen: Gemeinsam mit den Mitgliedern der Gesellschaft für Heimatkunde war das Team zunehmend auch bei Volksfesten wie den Fabrikfestspielen in Knappenrode anzutreffen. Eine weitere Veränderung folgte 2006. Die Stadt war in einer schwierigen finanziellen Lage. Stundenreduzierungen für die Mitarbeiter waren an der Tagesordnung und Ausgründungen von allem, was nicht reine Verwaltung war, folgten. Betroffen waren Kultur, Sport, Zoo, Museum, Volkshochschule, Musikschule, Bibliothek, Tourismus und damals sogar die Wirtschaftsförderung. Das Museum unterstand nun dem neu gegründeten Eigenbetrieb Kultur und Bildung, dem Vorgänger der heutigen „Zoo, Kultur und Bildung Hoy-erswerda gGmbH“. Wieder hieß es, sich neuen Bedingungen anzupassen, es entstanden vertiefte Partnerschaften mit den anderen Kulturträgern und die Zusammenarbeit mit den Schulen erlangte stärkere Bedeutung.

Der November 2009 brachte Sigrun Jeck jedoch eine sehr persönliche Zäsur: Bis dahin unentdeckt, litt sie an einer Krankheit, die sie zum Innehalten – zum Anhalten – zwang. Diese Krankheit ist nicht zu heilen und nur bedingt operabel. Anfangs hat sie gedacht: „Das muss doch jemand können!“ Die Ärzte am Uni-Klinikum in Dresden setzten alles daran, dass sie wieder gesund werden und arbeiten kann. Doch die Diagnose blieb bis heute unverändert.

Diagnose und Schluss?

„Wenn dich so eine Wahrheit mit Mitte 40 einholt, dann ändert das alles! Ich wollte doch noch den Amazonas sehen, im Roten Meer tauchen! Ich wollte die Kinder aufwachsen sehen und Enkel! Ich wollte so vieles – und weiter: Und nun? Schluss! Rente! Ich fühlte mich betrogen vom Leben“. So war das. „In der ersten Zeit habe ich mich regelrecht verkrochen“, erzählt sie weiter. „Ich war auch eine Zeit lang richtig weit weg. Mit der Diagnose, dass es jeden Tag vorbei sein kann, lebst du anders und überdenkst alles neu. Die Krankheit kann sich vererben, eine unserer Töchter hat die Anlagen ebenfalls in sich. Das alles galt es zu verarbeiten. Doch irgendwann weißt du, was du unbedingt willst und auch genau, was du nicht willst.“ Das gilt für alle Lebensbereiche und lässt neue Prioritäten und Ziele setzen, auch im Privatleben.

Bei einer Erstbegegnung mit Sigrun Jeck käme niemand darauf, dass sie ein derartiges Schicksal zu tragen hat. Es wird geredet wie früher und viel gelacht. „Ja, ich bin wieder da“, sagt sie dann. Beigetragen haben dazu ihre zwei erwachsenen Töchter und die Enkel. „Mit 41 wurde ich zum ersten Mal Oma, jetzt sind schon fünf Enkel da“, sagt sie und freut sich. Ein neuer Partner steht ihr zur Seite und gute Freunde auch.

Neue Hobbys

Dieses „Ich bin jetzt wieder da“ schwingt noch nach, als sie hinzufügt: „Ich habe in meinem Garten den Buchsbaum rausreißen lassen müssen. Der Zünsler hatte ganze Arbeit geleistet. Wir haben einen neuen Garten angelegt. Die schwere Arbeit machen die Männer. Jetzt wachsen bei uns lauter Rosen, englische Rosen, Duftrosen! Eine Rose, die nicht duftet, ist keine Rose“, behauptet sie energisch. „Und wer einen Garten anlegt, will bleiben“, schließt sie den Gedanken.

Süchtig ist sie nach Trödelmärkten. „Ich sammle vor allem historische Wärmflaschen, so um die 200 kannst du bei mir bewundern. Für den Rotary-Club arbeite ich gerade an einem Vortrag zur Geschichte dieses Alltagsgegenstandes“, berichtet sie schmunzelnd.

Ihre Liebe zu Ägypten und zum Roten Meer, die trägt sie in sich. Sie wird auch wieder nach Ägypten fliegen, in touristisch unberührte Gegenden, wenn es allen gut geht und wenn es überhaupt wieder geht. Bei den Rotarys wird sie weiter dabei sein und „einen Töpferkurs möchte ich mir auch wieder suchen, getöpfert habe ich immer sehr gerne.“

In etwa dieser Fassung sollte der Beitrag über Sigrun Jeck Ende August erscheinen. Er lag der Redaktion bereits fertig vor, als uns ihr dramatischer Anruf Ende August erreichte. „Bitte jetzt nicht drucken, meine Tochter musste in die Uni-Klinik nach Dresden geflogen werden. Eine Schicht der Hauptschlagader hat sich gelöst, in der 36. Schwangerschaftswoche! Ich kann jetzt nicht aus einer Zeitung lächeln.“ Da war sie wieder, die heimtückische Krankheit, diesmal mit aller Brutalität für Tochter Juliane und die damals noch ungeborene Enkeltochter.

Das ist jetzt ein paar Wochen her. Die Ärzte konnten helfen, das ist nicht immer so. Jetzt erholen sich Mama und Kind bei Oma Sigrun und warten auf die Reha. Sigrun Jeck hilft der jungen Familie, wo es nur geht und sie ist stolz auf den Zusammenhalt in der gesamten Familie.

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