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Hoyerswerda

Wider das Vergessen

Gedanken zum morgigen Buß- und Bettag

Jörg Michel
ist Pfarrer der Ev. Kirchengemeinde Hoyerswerda-Neustadt.
Jörg Michel ist Pfarrer der Ev. Kirchengemeinde Hoyerswerda-Neustadt. © Foto: Andreas Kirschke

Von Jörg Michel

Hoyerswerda. Buß- und Bettag – wieder solch ein Feiertag, dessen Bedeutung sich nicht auf den ersten Blick erschließt. Deshalb wurde vermutlich gerade er für die Finanzierung der Pflegeversicherung 1995 in Deutschland geopfert. Nur Sachsen ging einen anderen Weg. Die beiden Bezeichnungen rufen in uns Menschen eher unangenehme Gefühle hervor: Buße – da fällt uns heute das Bußgeld im Straßenverkehr ein. Beten – für Atheisten sowieso nicht nachvollziehbar. Und für Christen die Erinnerung, dass Gott das Gespräch mit uns Menschen sucht – nicht nur am Sonntag im Gottesdienst. Ich muss bestätigen: Ja, dieser Feiertag will uns einen Spiegel vorhalten, will uns erinnern an das, was wir nicht im Griff haben. Ein bekanntes Projekt in unserer Stadt beschreibt ebenfalls eine Intention dieses Feiertages: Wider das Vergessen – so heißt ein Bildungsanliegen, das für Jugendliche die Ereignisse des Dritten Reiches vergegenwärtigen will: Was Menschen einander angetan haben, wie Hass und Rassismus ein Volk vergiften kann, wie die Hybris eines ‚Tausendjährigen Reiches‘ in Schutt und Asche endet. Dies sollten die nachfolgenden Generationen nicht vergessen, sondern Lehren daraus ziehen. Die Buß- und Bettage, die vor 100 Jahren viel zahlreicher vorkamen mit einem jeweiligen regionalen Anlass, wollten ebenfalls erinnern an Naturkatastrophen, Kriegsereignisse, Hungersnöte und – sieh an – auch an Pandemien! Pest und Cholera radierten ganze Landstriche aus. Die Überlebenden wollten sich mit einem Gedenktag die Erinnerung daran bewahren: Wider das Vergessen. Die Erinnerung an die eigene, zerbrechliche Geschöpflichkeit. Die Erinnerung an die nötige Solidarität in einer Gemeinschaft. Plötzlich wird dieser Feiertag mit seinem Anliegen aktuell: Wir haben das Corona-Virus nicht im Griff. Wir müssen weltweit zusammenarbeiten, um eine Lösung zu finden. Der gewohnte Rhythmus einer modernen, aber eben auch sehr krisenanfälligen Gesellschaft kommt durcheinander. Bei den Menschen werden Urängste geweckt, die wir vor einem Jahr nicht für möglich gehalten hätten. Und die der Antrieb für ganz unterschiedliche Reaktionen sind: Die einen verweigern die Realität nach dem Motto ‚die Erde ist eine Scheibe‘ und kämpfen gegen die Beschränkung ihrer persönlichen Freiheit. Andere versuchen solidarisch zu leben mit ihren Risiko-Mitmenschen und arrangieren sich mit der Situation. Ich denke, sehr aktuell ist solch ein Feiertag, der uns Menschen manche falschen Verhaltensweisen vor Augen führt und uns erinnert an ein menschliches Miteinander – nicht nur in unserer Stadt und in unserem Dorf, sondern darüber hinaus.

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