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Zeitgeschichte in der Weisheit der Dichter

Lesung im Hoyerswerdaer Bürgerzentrum Braugasse 1 mit den Schriftstellern Cornelius Pollmer und Lukas Rietzschel.

Cornelius Pollmer (links) und Lukas Rietzschel bei ihrer Lesung im Hoyerswerdaer
Bürgerzentrum Braugasse 1 am Freitag, dem 30. Oktober 2020.
Cornelius Pollmer (links) und Lukas Rietzschel bei ihrer Lesung im Hoyerswerdaer Bürgerzentrum Braugasse 1 am Freitag, dem 30. Oktober 2020. © Foto: Christine Neudeck

Von Christine Neudeck

Hoyerswerda. Außergewöhnlich ist es, zwei Schriftsteller in einer gemeinsamen Lesung zu erleben, zumal beide sehr eigenständig geprägt sind. Außergewöhnlich auch, dass beide noch sehr jung sind und die Welt im Osten Deutschlands nach der Wende aus unterschiedlichen Blickrichtungen betrachten, erstaunlich tiefgründig und „weise“. 

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Sie nennen ihren Abend, zu dem die Volkshochschule Hoyerswerda, die sächsischen Landeszentrale für politische Bildung und die KulturFabrik Hoyerswerda für Freitag um 19 Uhr ins Bürgerzentrum Braugasse 1 eingeladen hatten: „Leben in der ostdeutschen Provinz“.

Lukas Rietzschel (26) freischaffend, betrachtet Zeitgeschichte mit philosophischem Gespür für die menschliche Seele. Cornelius Pollmer (36), Journalist bei der Süddeutschen Zeitung, beleuchtet mit einem sensiblen Blick die Zusammenhänge hinter dem Geschehen. Beide trafen sich, als Cornelius Pollmer für seine Zeitung ein Interview mit Lukas Rietzschel führte, bei dem der Autor von den Fragen seines Gesprächspartners überrascht wurde, keine Standardfragen über Leben und Arbeitsstil, sondern Fragen zur Literatur, zur Auslotung von Empfindungen, zu Liebe und Hass, was sollte man schreiben, was nicht?

Auch für Nicht-Bücherleser

Da haben sich zwei Dichter getroffen, gehen gemeinsam auf Lesereise, wobei sie mit ihrer Art der gegenseitigen Moderation auch die Zuhörer ansprechen, die keine erklärten Bücherleser sind, wie aus dem Publikum zu hören war.

Lukas Rietzschel liest aus seinem Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen.“ Mittelpunkt ist eine Familie in der Oberlausitz nach der Wende: ringsum verlassene Fabrikanlagen und Arbeitslosigkeit, aber beide haben Arbeit, ein Haus, zwei Söhne: Philipp und Tobias. Die Eltern haben mit sich und mit dem Haus zu tun, Lehrer nehmen die Verlorenheit der Jugendlichen nicht wahr, diese schwanken in den Konflikten der Nachwendejahre, hören die Erwachsenen, versuchen zu verstehen und zu hinterfragen, wenn es heißt: „Den Sorben geht es gut, Flüchtlingen und Ausländern ebenso, uns geht es schlecht, Hitler ist ein starkes Vorbild, Juden sind Feinde.“

Zugehörigkeit als Wunschtraum

Vater versucht, einen vermutlich ehemaligen Stasi-Offizier, der von Hass und Alkoholproblemen zerstört wird, zu unterstützen, erkennt aber die Probleme nicht bei seinen Kindern. Die Mutter schimpft als Krankenschwester über die Flüchtlinge, die sie nur widerwillig behandelt. Da wird die Zugehörigkeit zu rechten Gruppen für Philipp und Tobias zum Wunschtraum für Stärke und Lebenstüchtigkeit.

Mit erstaunlicher Reife gestaltet Lukas Rietzschel die Gespräche der Jugendlichen, die auf der mühsamen Suche nach einem Platz im Leben sind, in der Schule noch immer mit Bastelarbeiten „unterrichtet“ werden – vieles endet im Desaster. Da muss man doch „der Welt mit der Faust ins Gesicht schlagen“.

Anders sehenswert als Fontane

Cornelius Pollmer hatte eigentlich vor, auf den Spuren von Fontane zu reisen, doch bald wird ihm klar: Fontane ist der Reiseschriftsteller, der die Sehenswürdigkeiten im Land Brandenburg suchte und beschrieb, er ist nicht zu kopieren. Sein Buch „Heut ist irgendwie ein komischer Tag – Meine Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ folgt nicht der Historie, sondern er schreibt über Menschen und ihren Lebensweg heute. Als Journalist berichtet er meist über Ereignisse, die vom Alltag abweichen. Ihm wurde auf den Spuren Fontanes klar, dass er nicht nach „Sehenswürdigkeiten“ suchte, sondern nach Menschen in ihrem Alltag, die ihm so viel Spannendes erzählen, „sehenswürdig“ ist. Etwa die Geschichte von Gabi und Reinhard im Spreewald, bei denen er sein Zelt im Garten aufschlagen darf, mit denen er abends auf der Terrasse plaudert und von denen er erfährt, dass sie nach Wende und Verlust der Arbeit ein Haushaltwarengeschäft eröffneten, das gut lief, zunehmend aber durch Billigware und Internethandel in die Insolvenz gedrängt wurde, von der nun das Haus bedroht ist. Aber wird schon, „Hauptsache, wir haben uns“. Auch weitere kleine Essays aus seinem Buch „Randland“ zeigen sein Talent, ganz „normale“ Biografien authentisch für die Zeit literarisch zu gestalten.

Die Zuhörer würden es begrüßen, kämen beide irgendwann mit neuen Büchern wieder nach Hoyerswerda.

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