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„Man braucht Kraft, Biss und Freude“

Hoyerswerdas Oberbürgermeister Stefan Skora (CDU) scheidet mit Datum vom heutigen Sonnabend aus dem Amt.

Oberbürgermeister Stefan Skora im historischen Ratssaal des Rathauses am Markt. Dieser wird in der Regel nur für besondere Anlässe genutzt.
Oberbürgermeister Stefan Skora im historischen Ratssaal des Rathauses am Markt. Dieser wird in der Regel nur für besondere Anlässe genutzt. © Foto: Mirko Kolodziej

Herr Skora, ist der Kinnbart Ausdruck des Bemühens um einen neuen Look für einen neuen Lebensabschnitt?

Naja, ich muss mich ja langsam daran gewöhnen, dass der Kleidungsstil sich etwas ändert. Und auch der Bart hat damit zu tun. Ich sag es mal ehrlich: Der Druck, bei öffentlichen Veranstaltungen repräsentieren zu müssen, ist eben nicht mehr da.

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Und das heißt, Sie müssen sich künftig auch nicht mehr rasieren?

Man sollte schon gepflegt sein. Aber es hat sich zum Beispiel auch der Dresscode geändert. Anfänglich bin ich zum Beispiel täglich im Anzug zur Arbeit gegangen. Manchmal wusste man nicht, ob es kurzfristig noch Termine gibt, bei denen man repräsentieren muss. Mittlerweile sind Anzug und Schlips nicht mehr überall Pflicht. Da geht jetzt auch ein offenes Hemd. Und ich habe zuletzt ja auch beim Kollegen Dantz aus Kamenz ein bisschen gekupfert, was das Tragen von Fliegen angeht.

Kleidung ist ein Punkt, an dem man sieht, was 14 Jahre so ausmachen?

Auf jeden Fall. In der Anfangszeit habe ich Wert darauf gelegt. Ich bin nach wie vor ein wenig eitel, nicht nur, was Anzüge betrifft, sondern auch Schuhe. Aber es ist eben jetzt anders. Und ich rechne da nicht nur die 14 Jahre als OB, sondern auch die fünf Jahre als Beigeordneter. Es sind in Summe also 19 Jahre. Und manche Kollegen erinnern mich daran, dass sie mich noch aus dem Landratsamt Hoyerswerda kennen. Da sind es dann also 30 Jahre.

Was macht denn der gute Draht nach Dresden aus Ihrem Wahlkampf 2006?

Der wurde ja immer sehr kontrovers diskutiert. Viele haben ihn so ausgelegt, dass alles, was man sich in Hoyerswerda wünscht, auch 1:1 umgesetzt wird. So habe ich es nie gemeint. Ich bin davon ausgegangen, dass es persönliche Kontakte nicht nur zum Ministerpräsidenten und den Ministern, sondern auch zur Arbeitsebene geben muss. Und da finde ich, dass die vielen Fördermittel, die wir bekommen haben, nicht ausreichend gewürdigt werden. Das betrifft nicht nur mich, sondern auch die gute Vernetzung vom Kollegen Wolf im Baubereich oder auch die der städtischen Unternehmen, gerade im Stadtumbau. Das sind zig Millionen, die geflossen sind. Ich sage aber auch ehrlich: Ich hätte mir von den hiesigen Landtagsabgeordneten über die Jahre noch mehr Unterstützung gewünscht.

Von welchen auch immer?

Von welchen auch immer, aber insbesondere von denen aus meiner Partei. Die haben manches anders gesehen. Ich glaube, wenn zum Beispiel der Landtagsabgeordnete Aloysius Mikwauschk aus Räckelwitz für unseren Wahlkreis zuständig gewesen wäre, wäre es an mancher Stelle vielleicht anders geworden und der Draht noch heißer. Ich weiß es nicht. Aber ich habe mich wenig unterstützt gefühlt. Das hat ja auch zu gewissen Entfremdungen beigetragen.

Auch zu Verletzungen?

Ja, auch. Ich habe das schon in einem Interview gesagt, nachdem ich gefragt wurde, ob ich gerne mal jemanden in den Hintern getreten hätte: Solche Menschen gibt es. Die werden das aber ebenso in meine Richtung sagen. Das sind auch Verletzungen, die leider nicht mehr operabel sind und also bleiben werden.

Ein Kollateralschaden des Amtes?

Ja, damit muss man leben. Aber wenn man damit nicht umgehen kann, ist man für dieses Amt auch nicht geeignet. Das muss man wegstecken. Es gibt Entwicklungen, mit denen man bei Amtsantritt nicht gerechnet hat. Manchmal verletzt man auch unwissentlich Freunde, Familienangehörige oder andere Partner. Oder man verletzt sie, weil man einfach eine Entscheidung treffen muss. Da tritt man meist jemandem auf die Füße. Das können auch manchmal Menschen sein, die einem sehr nahe stehen. Das ist aber andersherum genauso.

Hätten Sie vor 14 Jahren gern etwas gewusst, was sie erst heute wissen?

Eigentlich nicht. Die Entscheidung, die vor 14 Jahren auch mit der Familie getroffen wurde, nämlich mit den Partnern, die mich damals unterstützt haben, anzutreten, hatte ja eine Vorgeschichte. Ich war ja schon seit 2001 – abgesehen von meinen Erfahrungen vorher – Stellvertreter von Herrn Brähmig und Beigeordneter mit Verantwortung für drei Dezernate. Da kommt man zu dem Punkt, an dem man sagt: Eigentlich könntest Du auch Chef sein. Was ich unterschätzt habe, ist das, was Gundermann mit „einsame Spitze“ umschreibt.

Das heißt?

Man steht nicht nur an der Spitze. Da kommt auch das Wort einsam dazu. Du hast niemanden mehr. Als Stellvertreter hat man eine Rückzugslinie: Ach, der OB soll mal entscheiden! Das fällt dann weg. Es gucken Dich alle an und sagen: Na, nun mache mal! Und mitunter ist man selbst hin und her gerissen. Wobei: Manches muss man nicht gleich bearbeiten und stellt dann fest, dass der Sachverhalt sich verändert und die Sache sich erledigt hat. Man muss aber aufpassen, dieses Spiel nicht zu weit zu treiben.

Was war in den 14 Jahren Ihr größter persönlicher Erfolg?

Da fallen mir als Erstes die auch persönlichen Auseinandersetzungen zur Braugasse ein. Das war ein hochgradig emotionales Thema. Den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen und die Verhärtungen aufzubrechen, war auch mit mein Verdienst. Mittlerweile ist das Haus ja eine Selbstverständlichkeit. Aber auch die Rekommunalisierung der Versorgungsbetriebe und die Umgestaltung der Städtischen Wirtschaftsbetriebe haben viele persönliche Gespräche erfordert, unter anderem mit den privaten Miteigentümern der VBH. Die haben wir in Leipzig, in Dresden, in Cottbus und sonstwo geführt. Das waren teilweise Vieraugen- oder Sechsaugen-Gespräche. Ich bin sehr froh, dass die SWH-Gruppe so dasteht, wie sie dasteht. Das betrifft die Veränderungen bei der Zoo, Kultur und Bildung gGmbH aber ganz genauso.

Wie läuft die Übergabe mit Ihrem Nachfolger Torsten Ruban-Zeh?

Gut. In der letzten Stadtratssitzung vor ein paar Tagen stand das Rednerpult, an dem ich meine Ausführungen gemacht habe, genau vor ihm. Immer, wenn ich nach oben geschaut habe, habe ich ihn angeschaut. Und es ging um Themen wie den Strukturwandel oder die Entwicklung des Bauhofs, bei denen er den Staffelstab übernimmt. Wir haben uns aber auch davor schon mehrfach getroffen, Dinge besprochen und er war auch mit in Schwarze Pumpe bei der Lausitzrunde. Aber ein Einarbeiten á la eine Woche mitlaufen ist natürlich nicht möglich. Er ist ab 1. November OB und hat dann die Verantwortung. Wir haben dafür gesorgt, dass er technisch erreichbar ist. Denn wenn Sonntag etwas ist, dann muss er entscheiden. Und dazu muss man ihn erreichen.

Haben die Wähler weise entschieden?

Die Bürgerschaft trifft immer weise Entscheidungen.

Ich dachte, bei einer Wahl geht es um Mehrheits- aber nicht unbedingt immer um richtige Entscheidungen.

Wie immer man das beurteilt: Ich habe Entscheidungen von Bürgerinnen und Bürgern, die zur Wahl gehen, nie irgendwie kommentiert. Mit den Entscheidungen des Souveräns muss man umgehen.

Torsten Ruban-Zeh hat Ihre Telefonnummer?

Ja, schon länger – ich seine und er meine. Ich habe ihm angeboten, bei Bedarf zur Verfügung zu stehen. Aber das muss er entscheiden. Ich werde ihm jedenfalls nicht auf dem Schoß sitzen. Wenn ich künftig ins Rathaus gehe, dann als Bürger, wenn ich etwas zu erledigen habe, was ich online nicht erledigen kann. Ansonsten nehme ich mich natürlich zurück.

Das hat Herr Brähmig, soweit mir bekannt ist, bis auf einen konkreten Fall auch bei Ihnen so gehalten?

Ja, hat er. Aber es gibt andere, die in den Ruhestand gehen und danach sehr aktiv bleiben. Ich selbst werde mich aktiv politisch nicht mehr engagieren.

Mit 60 ist man heute fast noch ein junger Mann. Ist das nicht etwas zu zeitig für einen Ruhestand?

Naja, es ist beamtenrechtlich ein Ruhestand, und ich sehe es nicht als zu zeitig an.

Es gibt Dinge nachzuholen, für die wegen des Jobs zu wenig Zeit war?

Ja, zum Beispiel das Familiäre. Da unser Enkel erst ein Jahr alt ist und unsere Tochter nicht in Hoyerswerda lebt, ist das eine Herausforderung. Dann gibt es Dinge, die ich vernachlässigt habe. Ich habe einige ehrenamtliche Funktionen relativ auf Null gefahren, weil ich es zeitlich nicht mehr hinbekommen habe. Und diese würde ich nun gern wieder intensivieren.

Die Kolpingfamilie?

Auf jeden Fall. Auch überregional, was die Diözese und den Regionalverband Ost betrifft. Mir wurde signalisiert, dass sie sich freuen würden, wenn ich mich wieder stärker engagiere. Dann gibt es den Lions-Club, die Weinheimer Initiative oder den Vorstand des Fördervereins der Energiefabrik. Mitglied bin ich auch im Zooverein und im Trägerverein der Krabat-Mühle.

Sie sehen sehr nach zwei lachenden Augen aus. Kein bisschen Wehmut?

Doch, kommt schon auf. Die letzte Lausitzrunde, der letzte Aufsichtsrat, die letzte Stadtratssitzung – da gehen 14 beziehungsweise 19 Jahre zu Ende. Aber für bestimmte Prozesse braucht man Kraft, Biss und Freude. Und man merkt die Jahre einfach, das schlaucht. Obendrein kommt man an den Punkt, an dem sich Vieles wiederholt. Und da fragt man sich: Hm, willst Du das jetzt noch machen? Kannst Du das noch? Mutest Du Dir das zu? Und mir ist mehrfach gesagt worden, dass der Biss verlorengeht. Es nützt weder der Stadt noch mir, wenn man nur noch funktioniert – gerade nicht im Prozess des Strukturwandels. Mein Nachfolger kann da jetzt richtig hineinstarten.

Es ist nichts unerledigt geblieben?

Na, ich hätte ganz bestimmt noch tausend Gründe gefunden: Das will ich noch fertig machen, dieses habe ich noch angefangen, und jenes muss weitergehen. Aber man muss ehrlich zu sich selbst sein: Ich hatte die Verantwortung jetzt 14 Jahre als OB beziehungsweise das Amt als Beigeordneter mitgerechnet 19 Jahre. Jetzt ist es Zeit für die Jüngeren. Und ich wollte auch den Zeitpunkt selbst bestimmen, zu dem ich aufhöre. Ich kenne viele Kollegen, die diesen Zeitpunkt verpasst haben. Und bei denen haben dann die Wählerinnen und Wähler entschieden. Man muss schon erkennen, wann nach so vielen Jahren Schluss ist.

Herr Skora, vielen Dank für das Gespräch und für den Dienst an der Stadt!

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