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Seelisch und körperlich an der Substanz

Corona hat das Awo-Pflegewohnheim in Lohsa sehr hart getroffen. So lief die schwierige Phase.

Corona hat das AWO-Pflegewohnheim in Lohsa sehr hart getroffen. Leiterin Katja Schwenk (re.) ist dankbar für viele ermutigende Gesten und Taten. Ehrenamtlich unterstützt unter anderem Steffen Knorr aus Lohsa.
Corona hat das AWO-Pflegewohnheim in Lohsa sehr hart getroffen. Leiterin Katja Schwenk (re.) ist dankbar für viele ermutigende Gesten und Taten. Ehrenamtlich unterstützt unter anderem Steffen Knorr aus Lohsa. © Foto: Andreas Kirschke

Von Andreas Kirschke

Lohsa. Elf Bewohner starben binnen 14 Tagen durch Corona. Immer noch zehn Mitarbeiter sind an Covid-19 mehr oder weniger schwer erkrankt, oder sie leben in Quarantäne. Seit 11. November hat Corona das Awo-Pflegewohnheim Lohsa sehr hart getroffen. Über die Notlage, den Umgang damit und die seelischen Folgen sprach TAGEBLATT mit Leiterin Katja Schwenk. Seit über 20 Jahren arbeitet sie in der Pflege. Ursprünglich lernte sie Altenpflegerin in Spremberg. Dann war sie im Bereich Hauskrankenpflege und später zwölf Jahre als Pflegedienstleitung für die Awo-Lausitz in Hoyerswerda tätig. Seit Juni 2019 leitet sie das Awo-Pflegewohnheim in Lohsa.

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Frau Schwenk, wie kam es zur Notlage im Pflegewohnheim Lohsa?

Es begann mit einem Einzelfall. Am 11. November musste eine unserer Heimbewohnerinnen zu einer Routine-Untersuchung ins Lausitzer Seenland Klinikum Hoyerswerda. Sie wurde dort positiv auf das Corona-Virus getestet. Wir setzten uns sofort mit dem Gesundheitsamt in Verbindung. Die Mitarbeiter dort sicherten umgehend Unterstützung zu. Am 12. November hatten wir innerhalb von vier Stunden acht an Corona erkrankte Bewohner im Pflegewohnheim. Und das sowohl im unteren als auch im oberen Wohnbereich.

Wie aggressiv zeigte sich das Virus?

Vor allem durch hohes Fieber, Atemnot, Übelkeit und Erbrechen trat es zutage. Wir waren wie in Schockstarre. Wir waren erschrocken, entsetzt und überrascht. Corona kam von „jetzt auf gleich“. Dr. Matthias Jochmann vom Kassenärztlichen Bereitschaftsdienst hat sofort diese acht Bewohner untersucht. Auf seinen Rat hin nahmen wir sie in Zimmer-Quarantäne. Das heißt: Pflege, Essen und Versorgung lief nur noch begrenzt im Zimmer ab. Unsere Mitarbeiter mussten in „Flur-Quarantäne“. Das heißt: Sie durften sich nur noch zwischen Arbeit und zu Hause bewegen. Das ganz normale Heimleben brach komplett weg.

Wie ging es weiter?

Am 16. November testete das Gesundheitsamt alle unsere 62 Bewohner und alle 58 Mitarbeiter auf das Corona-Virus. Das Ergebnis am 19. November war erschreckend: 51 Bewohner und 23 Mitarbeiter waren positiv getestet. Das heißt: fast alle Bewohner und die Hälfte der Mitarbeiter…

Wie reagierten Sie darauf?

Einige Bewohner mussten sofort ins Klinikum Hoyerswerda auf die Intensiv-Station gebracht werden. Sie litten an Atemnot, hohem Fieber, Erbrechen. Nahrungsaufnahme war nur noch begrenzt möglich. Die Ärzte versorgten sie sofort mit Fieber senkenden Medikamenten, in Fällen schwerer und schwerster Erkrankung mit dem Schmerz lindernden Morphin. Innerhalb von zwei Wochen hatten wir infolge Corona elf Todesfälle. Wir sahen uns gezwungen, alle 23 betroffenen Mitarbeiter 14 Tage lang in Quarantäne zu schicken. Das war ein immenser Einschnitt in die Pflege und in die Betreuung. Selbst unsere Pflegedienstleiterin Michaela Krausch war betroffen. Wir mussten einen Notfallplan erstellen und rasch umsetzen. Zu erwähnen sind noch die beiden Arzteinsätze vom 21. November von 13 bis 21 Uhr durch Notarzt Dr. Swen Burdack vom Bereitschaftsdienst und am 23. November von 10 bis 14.30 Uhr durch Notarzt und Rettungsdienst. Diese beiden Einsätze haben vielen Bewohnern das Leben gerettet.

Wo fanden Sie Unterstützung?

Am 20. November stellten wir bei der Bundeswehr einen Antrag auf Unterstützung. Sie half umgehend mit vier Soldaten. Diese leisteten viele Hilfstätigkeiten in der Pflege – das reichte vom Essenverteilen über das Wäschewaschen bis zum Desinfizieren der Tische, Handläufe und Türen. Ihre Unterstützung war sehr hilfreich. Denn unsere Mitarbeiter mussten sich jetzt zu 100 Prozent nur noch auf die Pflege der Betroffenen konzentrieren. Vom 23. November bis 4. Dezember waren die vier Bundeswehr-Soldaten im Einsatz. Parallel dazu unterstützte uns Simone Bauernfeind vom ehrenamtlichen Krisen-Interventions-Team der Awo Dresden. Sie führte Gespräche mit unseren Bewohnern, mit den Angehörigen, ebenso mit unseren Mitarbeitern. Sie gab ermutigende seelische Begleitung. Das war unglaublich wichtig. Sterbebegleitung war jederzeit möglich. Wir konnten und wollen unsere Bewohner, Angehörigen und Mitarbeiter in dieser dramatischen Lage nicht allein lassen. Das Reden war einfach wichtig. Dabei zeigte sich immer wieder: Weinen ist ein Zeichen seelischer Stärke. Weinen kann befreien. In einem Pflegeheim wird immer auch gestorben. Die Frage ist doch: Wie wird gestorben, wie menschenwürdig? Das war uns wichtig.

Wenn die Hälfte der Mitarbeiter wegbricht – wie ist dann der Heimalltag überhaupt noch aufrechtzuerhalten?

Das war unglaublich schwierig. Ein notwendiger Schritt war: Wir haben seit Dezember – in Abstimmung mit unserer Awo-Geschäftsstelle Dresden – vier Leih-Mitarbeiter. Es sind eine Pflegefachkraft und drei Pflegehelfer. Ihre Mitarbeit ist dringendst nötig. Anders ist das Pensum nicht zu schaffen. Unsere Mitarbeiter arbeiten am Limit.

Ebenso kam und kommt Unterstützung aus der Bevölkerung…

Ehrenamtlich unterstützt uns Enrico Schramm aus Lohsa in der Küche. Er hilft beim Essenvorbereiten, Tischdecken und Abwaschen. Ehrenamtlich unterstützt ebenso Steffen Knorr aus Lohsa. Er sorgt für Reparaturen im Haus und für die Teich-Reinigung. Nicht nur ihnen sind wir sehr dankbar. Ebenso für die vielen kleinen, ermutigenden Gesten und Taten. Die Ortsfeuerwehr Lohsa, die Jugendfeuerwehr Friedersdorf, Maik Herzog vom „Weißen Ross“ und Nuri´s & Cano´s Döner-Bistro Lohsa gehörten dazu, ebenso die Bäckerei Torsten Loos in Lohsa, Bürgermeister Thomas Leberecht, unsere Awo-Kollegen in Dresden und in Hoyerswerda, die Spielvereinigung Lohsa/Weißkollm, die Gaststätte „Friedenseiche“ Weißkollm und das Hotel „Garni“ in Uhyst/Spree. Für all diese Ermutigung – in dramatischer, schwieriger Zeit – wollen wir uns von Herzen bedanken.

Zugleich gab es auch Sensationsgier, Häme und Missgunst…

In den ersten Tagen überrollten uns die Medien von Bild über RTL bis ZDF, LR und SZ. Ich verwies stets weiter an unsere Awo-Pressestelle und ans Landratsamt Bautzen. In sozialen Medien gab es Behauptungen und Spekulationen. Manche Einwohner hatten nichts anderes zu tun, als durch die Fenster unseres Heimes zu sehen und zu mutmaßen. Das alles zehrte und belastete uns. Zwei unserer Mitarbeiter brachen zusammen. Wir wollten einfach nur unsere Arbeit so menschlich und gewissenhaft wie nur möglich machen. Doch das war schwer umsetzbar. Das Virus war uns immer einen Schritt voraus. Am schlimmsten war zu sehen, wie sehr das Virus die Bewohner binnen drei, vier Tagen schwächt. Ihnen in dieser Notlage nur begrenzt helfen zu können: das geht seelisch und körperlich an die Substanz.

Wie ging es weiter?

Am 30. November ließen wir unsere Bewohner und Mitarbeiter nochmals durch das Gesundheitsamt Hoyerswerda auf das Corona-Virus testen. Das Ergebnis war: zwei infizierte Bewohner und zehn infizierte Mitarbeiter.

Wie ist die Lage momentan?

Immer noch sind zehn Mitarbeiter krank oder in Quarantäne (Stand Mitte letzter Woche - Anm. d. Red.). Von den betroffenen Bewohnern befinden sich 21 Senioren immer noch in kritischem Zustand. Die schlimmste Notlage haben wir fürs Erste überstanden. Wenngleich viele unserer Bewohner stark abgebaut haben – sowohl körperlich als auch seelisch und geistig.

Wie wird es weitergehen?

Derzeit ist Besucher-Stopp. Doch noch im Dezember sollen für die Angehörigen wieder Besuche möglich sein. Unser Konzept zielt darauf: fünf Besucher (je nach Anmeldung) am Vormittag und fünf Besucher (je nach Anmeldung) am Nachmittag. Somit kann jeder Bewohner mindestens einmal in der Woche Besuch erhalten. Wir wollen behutsam und allmählich wieder Heim-Aufnahmen ermöglichen. Unserem Personal will ich (je nach Möglichkeit) freie Tage einräumen. Die Mitarbeiter sind an Grenzen gestoßen. Ganz allmählich soll wieder Normalität ins Heimleben zurückkehren.

Wie verbringen die Bewohner und Mitarbeiter Heiligabend?

Wir werden das Haus weihnachtlich schmücken. Durch Corona bedingt gab es dieses Jahr keine Weihnachtsfeier und keinen Weihnachtsmarkt. Auch unser Mitarbeiter-Chor kann nicht singen. Wir werden uns etwas Kreatives einfallen lassen. Keiner wird Heiligabend vereinsamt und allein verbringen. Diese dramatischen Tage werden wir alle nicht vergessen. Sie haben unser Team noch stärker zusammengeschweißt. Die Nähe und Wärme für unsere Bewohner ist geblieben. Ermutigend war ein Schreiben von Bürgermeister Thomas Leberecht. Darin dankte er uns für die aufopferungsvolle Arbeit: „Gerade jetzt müssen wir als Zivilgesellschaft zusammenstehen und füreinander da sein. Halten Sie bitte weiterhin durch, bleiben Sie gesund und so toll engagiert.“

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