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Venus fast 70 Jahre verborgen

Im Hoyerswerdaer Stadtmuseum wurde jetzt ein Akt, geschaffen von Ernst Janetzky, durch Zufall wiederentdeckt.

Boglárka Ilona Szücs, wissenschaftliche Leiterin des Stadtmuseums Hoyerswerda, mit dem von Ernst Janetzky gemalten Akt („Paris 1932“), der sich als umgedrehte Rückseitenverstärkung hinter Janetzkys Feldarbeits-Darstellung von 1952 befand.
Boglárka Ilona Szücs, wissenschaftliche Leiterin des Stadtmuseums Hoyerswerda, mit dem von Ernst Janetzky gemalten Akt („Paris 1932“), der sich als umgedrehte Rückseitenverstärkung hinter Janetzkys Feldarbeits-Darstellung von 1952 befand. © Foto: Uwe Jordan

Hoyerswerda. Zugegeben – das Echo der Weltpresse ist noch etwas verhaltener als es bei der Entdeckung eines bisher unbekannten oder verschollen geglaubten Bosch, Giotto, Rembrandt, Rubens, van Eyck oder van Gogh wäre. Aber die Wiederentdeckung eines Akt-Bildnisses, geschaffen vom Wahl-Hoyerswerdaer Ernst Janetzky, ist mindestens ein kleines Sensatiönchen, und die Umstände seines Auftauchens sind aus dem Stoff, aus dem gute Geschichten sind.

Zwischen Gleisbau und Staffelei

Derzeit werden im Stadtmuseum Hoyerswerda Teile der Kunstsammlung, die bislang auf dem Dachboden-Depot eingelagert sind, für ihren Umzug in die Dietrich-Bonhoeffer-Straße vorbereitet. Großzügig gefördert von der Sächsischen Landesstelle für Museumswesen, sind die Diplom-Restauratorinnen Stefanie Matthes-Ehrig und Katharina Bily-Lattard dabei, einhundert Bilder des Hoyerswerdaer Fundus’ zu bewerten, ganz grob „in Ordnung zu bringen“ und transportfähig zu machen. Dazu zählen Werke von Ernst Janetzky (* 7. Juni 1879 in Küstrin -heute Kostrzyn nad Odra / Polen- // † 6. Februar 1958 in Hoyerswerda), der seit 1926 in Hoyerswerda lebte.

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Von Beruf war er Eisenbahner; Betriebs-Ingenieur und später Reichsbahnbaurat, aber seine Liebe gehörte von frühester Jugend an der Kunst. Schon als Kind konnte er sich mit seinen Werken an Ausstellungen beteiligen; zeigte vielversprechende Talente, entschied sich dann aber doch (so lässt sich zumindest vermuten) für einen einträglicheren „Brotberuf“, blieb aber seiner Leidenschaft treu. Übrigens schuf er nicht „nur“ Bilder verschiedenster Techniken, sondern auch Holz-Arbeiten (bis hin zu Möbeln), Skulpturen und sogar ein Büchlein. Doch sein Haupt-Metier war das an Staffelei und im Zeichenblock entstehende Werk. Vielfältige Darstellungen der Gegend in und um Hoyerswerda hat er hinterlassen, und aus frühen Phasen seines Schaffens auch Porträts und Situationen.

2018 die erste große Werkschau

Im Museum Hoyerswerda gab es 1988 posthum zu seinem 30. Todestag eine erste Personalausstellung von/zu ihm, und 2018, endlich, die große Werkschau: gut 100 Bilder, die vom 29. April bis 30. August des besagten Jahres im Schloss gezeigt wurden.

Dann gelangten die Bilder meist wieder ins Depot. Nun, 2020, wurden einige wenige Exemplare gesichtet. Bei der Inventur einer ländlichen Szene aus dem Jahre 1952 war Stefanie Matthes-Ehrig verblüfft. Als sie das Bild aus dem Rahmen löste, erwies es sich, dass es als Verstärkung der Rückwand eine Platte besaß, und als sie diese Platte umdrehte, zeigte sich ein Akt. Signiert nur „Paris 1932“. Aber für Boglárka Ilona Szücs, die die Museumswissenschaftliche Leitung des Stadtmuseums inne hat und auch die Laudatio zur Janetzky-Ausstellung 2018 gehalten und sich mit Leben und Werk des Multi-Künstlers ausführlich auseinandergesetzt hatte, war klar: Das ist kein vom Einrahmer willkürlich herausgegriffenes Stück Holzkarton von irgendjemandem; das ist ein originaler Janetzky!

Der war in frühen Jahren regelmäßig auf Studienreisen in Frankreich; aber was Boglárka Ilona Szücs in Sachen Herkunft sicher machte, war der Vergleich mit einer Leihgabe der Sammlung Kalkreuth für die Ausstellung 2018: ein Akt, signiert „Paris 1937“. Ähnliche Pose; ja, sogar das Modell scheint dasselbe wie das von 1932 zu sein. Was Janetzky (er war es wohl selbst, der das Bild rahmte) bewogen haben mag, den Akt zu verstecken? Wer Spekulationen liebt, kann sich in Mutmaßungen ergehen, dass es etwas mit Janetzkys zweiter Frau Antonie (geborene Brandt // * 3. März 1903 / † 25. Dezember 1988) zu tun haben könnte, die der Maler 1949 geheiratet hatte. Seine ehemalige Haushälterin war ja 24 Jahre jünger als er, und vielleicht wollte er ihr keinen Anlass geben, mit seiner Vergangenheit zu hadern.

Kühl und sinnlich zugleich

Der künstlerische Wert des stimmig-ungezwungenen Aktes mit leicht kühler, doch sinnlicher Wirkung? Schwer zu schätzen. Das Gesicht und der leicht spöttisch-skeptische Blick der an eine Venus erinnernden Rothaarigen sind sehr fein gearbeitet, der „Rest“ der Figur eher angedeutet.

„Wenn heute alles fotografiert wird; wurde früher bei Studienreisen wie denen von Janetzky eben viel und rasch gemalt, um möglichst viel festzuhalten und mitzunehmen. Das kann eine Ursache sein, dass die «nicht so wichtigen» Abschnitte der Bilder flüchtiger ausgeführt wurden.“

Boglárka Ilona Szücs bedauert, dass ihre Museums-Vorgänger bei Besuchen bei „Tante Toni“ in der (heutigen) Hoyerswerdaer Salomon-Gottlob-Frentzel-Straße 14 zwar mit ihr viel über Ernst Janetzky gesprochen hatten (und 1988 großzügig mit Janetzky-Mappen beschenkt wurden), aber nichts schriftlich festgehalten haben.

Immerhin hat die 2018er-Ausstellung eine Fülle von Schenkungen und Ankäufen von „Janetzkys“ gezeitigt, so dass das Stadtmuseum heute drei- bis vierhundert Werke von ihm besitzt. Vielleicht warten da noch ähnliche Überraschungen wie der hinter einer bäuerlichen Szene verborgene Akt.

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