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Ich heule auf jeden Fall!

Sie ist Deutsch-Französin, hat einen bekannten Nachnamen – und beim Halbfinale ein Problem.

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© Matthias Rietschel

Von Nina Gottlöber *

Vor großen Meisterschaften ist die Euphorie im Lande riesig: Die Gesichter der Nationalspieler sind auf jeder Litfaßsäule oder Schokoladenverpackung, Fanartikel in Landesfarben schmücken die Läden, landesweit versammeln sich Fans für das Public Viewing. Bei mir ist das mit der Euphorie ein bisschen anders. Als absoluter Fußballfan konnte ich das Eröffnungsspiel in Paris natürlich nicht erwarten, aber eines wollte ich unter keinen Umständen: eine Begegnung von Deutschland und Frankreich in den K.o.-Runden. Auch wenn mir klar ist, dass wenn überhaupt, nur eine von den beiden Mannschaften als Sieger aus dem Turnier gehen könnte, wollte ich keinesfalls, dass sie sich gegenseitig aus der EM kicken. Also egal, wie das Spiel ausgeht, ich heule auf jeden Fall! Meine Lebensgeschichte zwingt mich förmlich dazu.

Fußball prägt meine Familie seit Generationen. Vor allem aber führte mich mein Vater Tino an den Rasensport heran und vermittelte mir seine Leidenschaft. Manch ein Fußballfan aus der Region erinnert sich bestimmt noch heute an Erfolgsmomente seiner Fußballkarriere: seine Jugend in der Dynamo-Fußballschule, überraschende Europapokal-Spiele mit Rot-Weiß-Erfurt gegen den FC Groningen und Ajax Amsterdam 1991 und natürlich vor allem sein Tor in der Oberliga 1987 für Fortschritt Bischofswerda in der vierten Minute gegen den BFC Dynamo. Am Ende stand es 2:0, und die Sensation war perfekt. „Das Runde muss ins Eckige.“ Das war das Erste, was er mir beigebracht hat und das mich für mein sportliches Leben bis heute prägt.

Als gebürtige Dresdnerin wuchs ich die ersten sechs Jahre meines Lebens in Bischofswerda auf. Hier lebte ich mit meiner Familie den sächsischen Alltag. Die Reiselust und die beruflichen Aussichten meiner Eltern sollten meinem Leben aber eine unerwartete Wendung geben – mit meinen drei Geschwistern wanderten wir nach Frankreich aus.

In der Provence angekommen, gewöhnten wir uns schnell an hitzige Sommertage, Baguette und Streiks. Wir lebten das berühmte „Savoir-Vivre“. Meine lang erarbeitete deutsche Pünktlichkeit ging mit dem etwas gelasseneren Alltag und zum Bedauern meiner Eltern den französischen Bach runter. Französisch lernte ich in der Schule. Auch wenn wir in unsere sächsische Heimat immer sehr gern zurückkehrten, so wurde Südfrankreich zu unserem Zuhause.

„Bist du jetzt mehr deutsch oder französisch?“ Ich kann diese Frage nicht mehr hören. Aber nur, weil ich darauf lange Zeit keine Antwort gefunden habe. In Deutschland war ich die Französin, in Frankreich „l’Allemande“. Ich hatte immer den Eindruck, mich für eines der beiden Länder entscheiden zu müssen. Vielleicht fieberte ich auch deshalb in Deutschland immer mit den „Bleus“ und feuerte in Frankreich vehement „Die Mannschaft“ an. Meine Schwester nannte das „provokatives Verhalten“, ich definierte es eher als „Identitätsproblem“. Egal wie man es nennt, es war ein komisches Gefühl.

Den erfolgreichen Spagat zwischen Deutschland und Frankreich lernte ich erst später. Mein deutsch-französisches Studium in Freiburg half mir dabei. Heute kann ich sagen: Ich bin Deutsch-Französin und stolz darauf. Nur bei Länderspielen wie am Donnerstag komme ich immer noch in eine gewisse Zwickmühle.

Ich habe in Frankreich und in Deutschland Fußball gespielt, kenne die Fußballkultur auf beiden Seiten sehr gut. Mich für Griezmanns Traumtore oder Neuers Glanzparaden entscheiden zu müssen, wäre wie zwischen meinem linken und meinem rechten Bein zu wählen. Beide sind mir wichtig. Beide sind ein Teil von mir.

Ich werde also am Abend mit meinem Vater, der inzwischen wieder in Bischofswerda wohnt, vor dem Fernseher sitzen und per WhatsApp mit meinen französischen Freunden schreiben. Die französische Flagge auf der einen Wange, die deutsche auf der anderen, ganz nach dem Motto „Möge der Bessere gewinnen“. Wenn ich nur noch einen Wunsch äußern dürfte: bitte keinen Elfmeterkrimi wie bei Deutschland gegen Italien, einfach kurz und schmerzlos. Merci!

Die Autorin (22) absolviert zurzeit ein Praktikum in der SZ-Sportredaktion. Nach langem Überlegen tippt sie ein 2:1 – nur für wen, da will sie sich nicht festlegen.