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Feuilleton

Im Bernsteinzimmer der Gefühle

Entertainer Christian Steiffen offenbart im Dresdner Schlachthof die dunkle Seite des Schlagers.

Christian Steiffen heißt eigentlich Hardy Schwetter und nimmt die Schlagerbranche aufs Korn. © PR

Von Tom Vörös

Der Mann hat alles, was man in der Welt des Schlagers auf keinen Fall haben sollte: die in Jeansstoff gehüllte Bühnenpräsenz eines zornigen Rockers, einen gehörigen Hang zur Selbstironie und die anrüchige Aura eines Barkeepers einer Eckkneipe. Christian Steiffen trägt das Vulgäre bereits im Namen und löst diesen auch live ein. Zu Beginn mit einer Hymne auf das Ego: „Das Warten hat ein Ende / Endlich bin ich da / Ich seh, in euren Augen / Träume werden wahr / Wie gut, dass ich hier bin / Ich gebe eurem Leben einen Sinn.“ Und ja, bereits im Eingangsbereich zur deutlich alkoholisierten Anti-Schlagerparty wandeln viele mit Perücken gekrönte Abbilder Christian Steiffens.

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Kein Wunder, dass man beim Konzert am Sonnabend im ausverkauften kleinen Saal des Alten Schlachthofs in Dresden eine Atmosphäre wie im Bierzelt eines zünftigen Dorffestes vorfand, inklusive leicht destruktiver Energien. Das passt aber wie die imaginäre Faust aufs Auge. Denn Christian Steiffen dekonstruiert den deutschen Schlager wie es wohl kein anderer bislang jemals getan hat. Vor allem seine Texte fahren wie ein Mähdrescher über eine zarte Blumenwiese, auf der sonst die verbalen Floskeln des Schlagers blühen. Lieder wie „Ich hab’ die ganze Nacht von mir geträumt“, „Sexualverkehr“ und „Arbeiter der Liebe“ erteilen der sonst mit viel Schlagerkraft verbreiteten Botschaft von ewiger Liebe eine herzlich-derbe Absage. 

Dass der Sound bei aller Schnellliebe der gleiche ist – Schlager-Standards, wohin das Ohr auch reicht – treibt das Vorhaben auf die Spitze. Beziehen sich Anti-Schlager-Kollegen wie Dieter Thomas Kuhn eher leicht augenzwinkernd auf die heile Welt zum Mitsingen, setzt Christian Steiffen den selbst gebauten verbalen Bohrhammer an. Ob der gelernte Schauspieler das alles allerdings tatsächlich ernst meint? Wohl kaum. Auf jeden Fall braucht er das Rampenlicht. Dass der Mann lange in einer Rock’n’Roll-Coverband den Elvis gab, erkennt man noch an den ausladenden Koteletten. 2013 kandidierte er gar für das Amt des Oberbürgermeisters in Osnabrück. Der 48-jährige Hardy Schwetter, wie er bürgerlich heißt, ist offenbar für vieles zu haben.

Mehr Promille, mehr Lacher

Schade nur, dass Christian Steiffen live auf eine echte Band verzichtete. Die Musik kam vom Band, einzig Keyboarder Martin Haseland und später ein befreundeter Saxofonist bevölkern das zu Beginn so vollmundig angekündigte „Bernsteinzimmer der guten Musik“. Die Kluft zwischen Steiffens hochglanzpolierten Musikvideos und der trashigen Liveshow ist groß. Und nicht alle Lieder reichen an die Qualität der selbstironischen Singles heran.

Die romantische Power-Ballade „Eine Flasche Bier“ zielt tatsächlich eher auf ein gefülltes Bierzelt als auf ein schmunzelndes Sitzpublikum. Es wurde heftigst mitgegrölt, zur Vorbereitung erzählte das Musikerduo eine derbe Geschichte eines sich im Taxi übergebenden Mitmenschen. Nicht witzig, aber Steiffen hatte ja bereits zu Beginn des Konzertes davor gewarnt, nüchtern zu bleiben.

Nach einem gelungenen Duett des Liedes „Du und ich“, mit einer textfesten Dresdnerin auf der Bühne, wurden mit „Die dicksten Eier der Welt“ alle Egomanen von Steiffen abgestraft, später mit „Karneval“ dann auch alle Freunde des ebensolchen. Und mit „Ich hab dir den Mond gekauft“ überführte Steiffen gar den ähnlich klingenden Klassiker „Über den Wolken“ in die dunkle Welt des Schlagers. Nach diesen teils schmerzhaften Grenzerfahrungen dürfte man all die Fischers, Bergs und Kaisers mit etwas anderen Ohren hören.