Teilen:

Im ICE von Görlitz nach Berlin

© Archivfoto: Arne Dedert, dpa

Ministerpräsident Kretschmer setzt sich für schnelle Zugverbindungen ein. Ein neues Bundesprogramm soll dabei helfen.

Von Sebastian Beutler

Görlitz. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hat eine ICE-Verbindung zwischen Berlin und Wroclaw über Görlitz und Weißwasser ins Gespräch gebracht. Am Wochenende bestätigte er gegenüber der SZ entsprechende Überlegungen. Mit einem ICE könnten Menschen schnell in die Hauptstadt gelangen. Die Fahrzeit für eine solche Verbindung beispielsweise von Weißwasser nach Berlin bezifferte Kretschmer auf 45 Minuten, von Görlitz entsprechend länger. Sachsens Regierungschef strebt aber an, dass der Schnellzug nicht nur bis Görlitz verkehrt, sondern weiter nach Wroclaw oder Krakau. Die Idee für einen ICE nach Görlitz ist nicht ganz neu. Der Görlitzer Landrat Bernd Lange setzte sich vor Jahren bereits mit dem damaligen Zgorzelecer Landrat für ein solches Angebot ein. Seine Initiative blieb aber erfolglos.

Nun könnte das anders und die Chancen für eine Verwirklichung dieser Pläne gestiegen sein, weil die Lausitz mit dem bevorstehenden Abschied von der Braunkohle in den Blickpunkt des Bundes geraten ist. Eine Kommission soll bis Ende des Jahres entscheiden, wann die Kohleförderung in der Lausitz ausläuft. Während sich Umweltverbände für einen schnellen Kohleausstieg einsetzen, haben die sächsische und brandenburgische Landesregierung klar gemacht, dass zunächst der Strukturwandel bewältigt werden muss, ehe die Kohleproduktion eingestellt wird. Sie haben das Jahr 2040 ins Spiel gebracht. Kretschmer sagte gegenüber der SZ, es brauche Zeit, Wille und Geld. Um beispielsweise die wirtschaftliche Leistung der Tagebaue und Energieunternehmen in der Lausitz zu ersetzen, müsste über 25 Jahre hinweg jedes Jahr ein Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 50 Millionen Euro neu angesiedelt werden. Trotz mancher Neuansiedlungen, neuer Forschungsinstitute und der Förderung bestehender Unternehmer, sei „es aber ungewiss, ob uns das gelingt“, sagte Kretschmer.

Deswegen müsste auch die Bahn- und Straßenverbindungen in die Zentren wie Berlin oder Dresden so verbessert werden, dass die Menschen einerseits in der Lausitz wohnen bleiben könnten, aber in den Zentren arbeiten und umgekehrt. Dazu sollen die Eisenbahnstrecken Dresden–Görlitz und Cottbus–Görlitz elektrifiziert und die Taktzahl der verkehrenden Züge erhöht werden. Zugleich aber könnte auch eine ICE-Verbindung diesem Anliegen dienen.

Kretschmers Vorschlag wird auch von aktuellen Untersuchungen gestützt. In Rheinland-Pfalz setzte die Landesregierung einen ICE-Bahnhof im nur 13 000 Einwohner zählenden Montabaur durch. Ökonomen schätzen nun, dass die Wirtschaftsleistung in Montabaur und Umgebung sechs Jahre nach der Einweihung des Bahnhofs um zehn Prozent höher ausfiel als in den Zeiten ohne ICE-Anschluss. Es siedelten sich neue Unternehmen in Montabaur an und bestehende wurden produktiver, weil die Pendler aus den Großstädten wie Frankfurt oder Köln gut ausgebildet sind.

Doch Montabaur ist kein Einzelfall. Daniel Heuermann von der Universität Regensburg und Johannes Schmieder von der Boston University sind zu ganz ähnlichen Ergebnissen gekommen, als sie jetzt die zweite Welle neuer ICE-Strecken untersucht haben, bei denen meist 34 kleinere Städte ans Netz angeschlossen wurden. Dadurch würden rund 91 500 Personen zusätzlich per Zug pendeln – vornehmlich von den großen Städten zu den kleinen.

Angesichts des schon seit Jahren laufenden Kampfes um die Elektrifizierung der Bahnstrecken von Görlitz nach Dresden und Berlin ist aber auch Kretschmer klar, dass diese Projekte nicht über den Bundesverkehrswegeplan verwirklicht werden können. Er setzt seine Hoffnungen auf ein neues Programm der Bundesregierung. Im Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD heißt es dazu: „Wir wollen ein Instrumentarium entwickeln, mit dem Aufgabenträger übergreifende Schienenverkehrsprojekte von besonderer Bedeutung beschleunigt realisieren können.“ Darunter sollen Schienenverkehrsknoten zählen, aber auch strategisch grenzüberschreitende Schienenverbindungen. Nach Kretschmers Darstellung wird dieses Programm jetzt in Berlin vorbereitet.