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Im Vogelparadies Sachsen

Zwar gelten Großtrappe und Auerhuhn in Sachsen als ausgestorben. Doch die Bestände anderer Vogelarten haben sich gut erholt. Eine Bestandsaufnahme.

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Von Jörg Schurig

Jedes Jahr im Herbst beginnt in der ostsächsischen Teichlandschaft ein Naturschauspiel. Selbst von weit her kommen Gäste in Scharen angeflogen, um den Schnabel vollzukriegen. Zum Beispiel Silberreiher, die vor allem in Ungarn, Österreich oder der Ukraine brüten. „Sie haben bei uns Nahrungsgründe entdeckt und kommen nun zu Hunderten. Vor 20 Jahren gab es das noch nicht“, sagt Joachim Ulbricht, Chef der Staatlichen Vogelschutzwarte Neschwitz. Irgendwie muss sich unter den Reihern herumgesprochen haben, dass in Sachsen gute Beute zu machen ist. Dazu gehören vor allem Mäuse und Wildfische. Aber auch Teichwirte beklagen Einbußen.

Auerhuhn und ...
Auerhuhn und ... © dpa
Großtrappe sind schon lange nicht mehr in Sachsen anzutreffen.
Großtrappe sind schon lange nicht mehr in Sachsen anzutreffen. © dpa

Die Teichlandschaft in der Oberlausitz gibt Vögeln einen idealen Lebensraum. Dazu haben auch alte Truppenübungsplätze beigetragen. Flora und Fauna konnten gewissermaßen unter militärischem Schutz bestens gedeihen. „Sachsen ist ein Vogelparadies“, meint Hans-Ulrich Bangert, Artenschutzexperte im sächsischen Umweltministerium. Trotz der kleinen Fläche habe der Freistaat im Bundesvergleich einen hohen Anteil bei Vögeln wie Kranich, Seeadler und Fischadler – Arten, die es anderswo schon gar nicht mehr gibt. Die Sächsische Schweiz sei zudem ein gutes Terrain für den Wanderfalken.

Doch auch in einem Paradies sieht nicht immer alles so bunt aus wie der Vogel gleichen Namens. Neben Erfolgen im Artenschutz gibt es Verluste zu konstatieren. Arten wie Schlangenadler, Haselhuhn, Triel, Auerhuhn, Großtrappe, Uferschnepfe oder Rotkopfwürger brüten schon lange nicht mehr im Freistaat. Sie sind in der Roten Liste in die Kategorie 0 eingestuft – ausgestorben. Als „stark gefährdet“ gelten zum Beispiel Bekassine, Birkhuhn, Haubenlerche, Kiebitz, Steinkauz oder Rotschenkel. Derzeit wird die Zahl der Brutvogelarten in Sachsen mit 197 angegeben, für 42,1 Prozent gilt die Alarmfarbe Rot.

Vor allem die effiziente Landwirtschaft macht Bodenbrütern wie der Feldlerche das Leben schwer. Mitte der 1990er-Jahre wurde ihr Bestand noch mit 100 000 bis 300 000 Brutpaaren angegeben, zehn Jahre später waren es nur noch 80 000 bis 100 000. Naturschützer verweisen auf eine Landwirtschaft, die immer gründlicher arbeitet und für dichte Getreidestände sorgt.Deshalb gelten die Bodenbrüter heute als die größten Sorgenkinder.

Gerettete Jungtiere werden von Tierschützern mühevoll aufgepäppelt. „Ohne das flächendeckende Netz ehrenamtlicher Ornithologen stünden wir nackig da“, sagt Bangert. Winfried Nachtigall vom Förderverein der Vogelschutzwarte Neschwitz schätzt, dass sich bis zu 1 000 Tierfreunde für Vögel engagieren. Manchmal sind sie als Retter in letzter Not gefragt, zum Beispiel, wenn junge Mauersegler bei Haussanierungen versehentlich eingemauert werden. Dann rücken Vogelschützer mit Endoskopkamera und Werkzeug an, um an die Vögel zu gelangen.

„Das Interesse an Vögeln ist gewachsen“, meint Nachtigall. Er erlebe zunehmend Menschen, die in ihrer Freizeit Vögel beobachten und sich um den Vogelschutz kümmern wollen. Auch der Staat ist nicht untätig. Schon seit Langem gibt es ein Artenhilfsprogramm für den Weißstorch, für gefährdete Arten wie Bekassine, Wachtelkönig und Braunkehlchen sind laut Umweltministerium überregionale Projekte geplant. Für Kiebitz, Wiedehopf, Birkhuhn, Rebhuhn und Flussseeschwalbe haben Hilfsmaßnahmen begonnen.

In welchem Maße der Klimawandel Einfluss auf Populationen hat, ist noch nicht genau erforscht. Schon heute stellt man in Sachsen Arten wie den Bienenfresser fest, die ursprünglich hier nicht vorkamen. „Der Klimawandel führt zu Umbrüchen im Arteninventar“, sagt Bangert. Das bedeute aber nicht, dass es künftig weniger Arten gebe, sie würden durch andere kompensiert. Einige haben bereits ihr Zugverhalten geändert und fliegen gar nicht mehr in den Süden. Manche Leute wollen sogar schon Kolibris gesichtet haben, was freilich eine Täuschung ist. Die sogenannten Taubenschwänzchen sind Schmetterlinge. (dpa)