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Im Volksbad schwimmen tote Fische

Im Teich unterhalb des Görlitzer Weinberges sind mindestens 20 Karpfen verendet. Angler kennen die Ursachen.

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© Ralph Schermann

Von Ralph Schermann

Das Volksbad hat seinen Namen längst verloren. Kein Mensch badet hier. Volksspaziergänger, ja, die gibt es rund um dieses Fleckchen Restwasser in Weinhübel. Und Volksangler. Jüngst gibt es dort sogar jede Menge Karpfen, die man gar nicht erst umständlich angeln muss. Man kann sie aufsammeln. Dass auch das keiner macht, hat einen einfachen Grund: Was da vergeblich nach letzter Atmung schnappend an Schuppentieren am Ufer liegt, ist tot.

Görlitzer, die rund um das 1950 geöffnete und ab 1989 schrittweise geschlossene Volksbad ihre Hunde ausführen, bemerken die Kadaver zuerst. „Die liegen vor allem links und rechts des Dammes, aber auch am Ufer zur Neiße hin“, erzählt Frank Hürtner und nimmt die Leinen seiner beiden Schäferhunde kürzer. Undine Krämer geht mit ihrem Pudel gleich noch eine Runde, um zu zählen: „Allein am Damm liegen 18 verendete Karpfen, darunter ganz schöne fette Brocken – und weitere treiben im Wasser.“ Das ist in diesen Tagen rund 80 Zentimeter tief. Ein stolzer Schwan hat die toten Flossentiere auch entdeckt und schlägt um jeden einen pietätvollen Bogen.

Näher ran geht Hans-Rainer Ullrich. Er ist der Präsident des Anglerverbandes Görlitz, der das 9,5 Hektar große Volksbad als Gewässer Nummer 8531, Typ Baggersee, gepachtet hat. „Ja, das Karpfensterben ist uns bekannt“, sagt er und begibt sich mit dem Gewässerwart des Vereins auf Kontrollgang – übrigens auch an der Weinlache, dem mit 3,85 Hektar gleich nebenan liegenden weiteren Angler-Pachtgewässer. Ullrich bestätigt die Zählung von Undine Krämer: „In den Uferbereichen sind über 20 Karpfen verschiedener Jahrgänge verendet, leider auch recht kapitale.“

Schon greifen Laien zu irrigen Behauptungen: Ist im Volksbad das Wasser vergiftet worden? Völliger Blödsinn: Denn dann wären nicht nur Karpfen gestorben. Immerhin zählen auch Barsch, Giebel, Hecht, Rotauge, Schleie und Zander zu den in Nummer 8531 geangelten Fischen. Die hätte es auch bei einer Fischkrankheit mit erwischt, wäre so eine plötzlich aufgetaucht. Zudem hat das Ordnungsamt der Stadtverwaltung gleich nach den ersten Hinweisen von Spaziergängern vor etwa zehn Tagen eine Wasserprobe analysieren lassen. „Wenn da etwas negativ aufgefallen wäre, hätte man uns das mitgeteilt“, ist Ullrich sicher. Tatsächlich bestätigt das Labor der Stadtwerke im Weinhübler Wasserwerk vorab auf Nachfrage, dass „keine Kontamination des Wassers vorliegt“. Der ausführliche Laborbericht werde in den nächsten Tagen erwartet, informiert Stadtsprecherin Sylvia Otto im Görlitzer Rathaus.

Also keine Beeinträchtigung des Wassers, auch wenn es für das menschliche Volksbaden schon lange nicht mehr reicht. Woran aber starben dann die Karpfen? Präsident Ullrich erklärt das fast schon philosophisch: „In der Natur gehören Werden und Vergehen zu den natürlichen Abläufen.“ Er weiß es auch konkreter: Schuld ist, dass wir keinen richtigen Winter hatten. Karpfen, die normalerweise in Winterruhe verharren, fanden diese Ruhe nicht. „Überwinterungsschaden“, sagen die Fischwissenschaftler dazu und erklären: Karpfen müssen in der Winterruhe Fett speichern. Mit Frühlingsbeginn stellt der Karpfen seinen Organismus auf höhere Temperaturen um. Im Gegensatz zur Winterruhe ist dieser Vorgang extrem energieintensiv. Tiere, die nicht ausreichend Fett und damit zu wenig Energie übrig haben, gehen ein. Das ganze verschlimmert sich, wenn der Frühling wie diesmal mehrere Anläufe braucht. Dann müssen Karpfen diese Anpassung mehrfach durchführen. Zudem finden sie im Frühling noch zu wenig Nahrung, sodass sie förmlich verhungern. Auch wenn sie für die Laien gut genährt aussehen. Das Problem tritt alle paar Jahre gehäuft auf.

Der Anglerverband Görlitz kontrolliert den Gewässerrand jetzt alle zwei Tage. Eine Entsorgung ans Ufer geschwemmter toter Karpfen hält Präsident Hans-Rainer Ullrich dagegen bei der Gesamtgröße des Volksbades nicht in jedem Fall für erforderlich: „Verendete Fische sind zugleich auch Quell einer neuen Nahrungskette, da sie von Bakterien, Krebsen und Aasfressern getilgt werden. Zweifellos kann im unmittelbaren Bereich vorübergehend auch mal ein unangenehmer Geruch entstehen, der aber unseres Erachtens gar keine Anlieger belästigt.“ Noch nicht einmal Angler...