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Im Zufluchtswald für Flüchtlingspflanzen

© Joachim Rehle

Im Trebendorfer Tiergarten finden Arten aus dem Tagebau Nochten Platz. Doch Einheimische fürchten Wassermangel.

Von Irmela Hennig

Mit der Großmutter hat Edith Penk in Kindertagen noch Moosbeeren gepflückt. Damals gab es die reichlich in diesem Gebiet, das als Urwald Weißwasser in den letzten Jahren vor allem Tagebaugeschichte geschrieben hat. Heute füllen die kleinen roten Früchte in den Wäldern rund um Rohne keine Hand mehr. So selten sind sie geworden. In ganz Deutschland gilt der Bestand als gefährdet. Im Raum Schleife gebe es sie kaum noch, meint Edith Penk. Auch weil mit dem sogenannten Urwald der Lebensraum der leicht säuerlichen Beere weitgehend verschwunden ist.

Seltene Hirschkäfer leben im Naturschutzgebiet bei Trebendorf. © dpa
Der „Trebendorfer Tiergarten“ liegt auf halbem Weg zwischen Trebendorf und Weißwasser. © SZ

Die reichlich 97 Hektar Urwald waren Naturschutzgebiet. Der Status wurde aufgehoben, um dem Energiekonzern Vattenfall die Erweiterung des Braunkohletagebaus Nochten zu ermöglichen. Inzwischen ist die Fläche weggebaggert. So wie Eichberg, Altteicher Moor und Große Jeseritzen und Teile des Hermannsdorfer Moores – ebenfalls Naturschutzgebiete nahe Weißwasser, die dem Energiehunger weichen mussten.

Deswegen haben sich Edith Penk und ihr Sohn Christian auch mit Nachdruck zu Wort gemeldet, als vor wenigen Wochen das Wasser knapp zu werden schien in einem anderen Naturschutzgebiet der Region. Trebendorfer Tiergarten heißt es und liegt auf halbem Weg zwischen Trebendorf und Weißwasser. Weil durch den Tagebau Grundwasser in der Gegend großflächig abgesenkt wird, müssen die 201 Hektar geschütztes Territorium über einen Brunnen und ein Grabensystem eigens feucht gehalten werden. Zuständig dafür ist Vattenfall. Denn der Konzern pumpt das Wasser wegen der Kohlegewinnung schließlich ab. Der Tiergarten bleibt, anders als die genannten Naturschutzgebiete, erhalten. Egal, wie sehr der Tagebau noch wächst.

Die Jagdleidenschaft der Muskauer Standesherren hatte die Landschaft des nun verschwundenen Urwaldes und des Trebendorfer Tiergartens „geschaffen“. Sie wollten hier Wild schießen. Deswegen wurde das Gebiet nicht zur reinen Nutzholz-Fläche. Bis zu 3 000 Hektar wurden eingezäunt, Wildgatter angelegt. Daher Tiergarten. Das konkrete Gebiet Trebendorfer Tiergarten wurde, anders als der Urwald, bis 1825 landwirtschaftlich genutzt, dann aufgeforstet. 1990 haben die Behörden das Gelände für den Naturschutz gesichert, 2004 einen Managementplan erstellt. Ziel war es, naturnahe Mischwälder, Teiche, Moore, Wiesen und Feuchtheiden zu erhalten. Das gilt bis heute. Darum wird bewässert. Doch im Februar fehlte für eine knappe Woche Wasser in den Gräben. So zumindest haben es die Penks wahrgenommen und unter anderem die Medien informiert. Denn die Familie fürchtet, dass vom „Aussterben bedrohte Bärlapparten“ austrocknen könnten. So hat es Christian Penk, gelernter Wirtschafts- und Außenhandelskaufmann, beschrieben.

Seit 2011 ist die Fläche auch Europäisches Schutzgebiet, ein Fauna-Flora-Habitat. Eichenwälder auf Sand gibt es. Nährstoffarme und nährstoffreiche Stillgewässer, Flachland-Mähwiesen, Waldkiefernmoorwälder, das Große Mausohr – eine Fledermaus. Und den Hirschkäfer. Iris Rumplasch arbeitet in der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Görlitz und hat die schutzwürdigen Arten und Lebensraumtypen im Tiergarten schwarz auf weiß. Ihr Büro liegt am Stadtrand von Weißwasser, gar nicht weit weg vom Tagebau, dessen Auswirkungen auf die Natur in ihre Zuständigkeit fallen. Vom Austrocknen des Trebendorfer Tiergartens kann ihrer Erkenntnis nach keine Rede sein. „Die Gräben, über die das Gebiet versorgt wird, haben mal mehr, mal weniger Wasser“, sagt Iris Rumplasch. Es sind übrigens – und das ist wohl eine Ironie der Geschichte – frühere Entwässerungsgräben der Forstwirtschaft, die genutzt werden. Wasser gelange in einen größeren Graben, und zwar mittels Pumpe. Die laufe zwei Stunden, sei dann zwei Stunden abgeschaltet. Immer im Wechsel. Und – im Februar ist sie kaputt gegangen. Vattenfall hat sie ausgetauscht. Nun ist wieder kaltes Wasser in dem mit Lehm eingefassten Sammelbecken.

Ein bisschen Schnee liegt auf den Farnen im Tiergarten, auf den Blaubeerbüschen, dem Zypressenflachbärlapp, der Rosmarinheide. Christian Penk, ein Mann Anfang 40, erkennt fast alles, was hier aus dem Boden wächst. Er hört, wenn die Haubenmeise zwitschert und findet im Sommer im Geräusch eines „vorbeifahrenden Kleinmotorrades“ den Ziegenmelker. Einen Zugvogel. Er steht auf der Roten Liste für bedrohte Arten. Mutter und Großmutter haben ihm Naturwissen vermittelt. Mit Hilfe von Büchern hat er selbst viel entdeckt.

Wer verstehen will, warum die Penks so vehement für den Erhalt des Trebendorfer Tiergartens kämpfen, muss Edith Penk zuhören, wenn sie vom verlorenen Urwald Weißwasser erzählt. Davon, dass ihre Mutter sie in eine Art Hängematte gelegt hat, die zwischen den Bäumen hing. Davon, dass sie selbst unter einer Bank neben einer Blutbuche über Jahre kleine Büchlein ausgelegt hat. In die schrieben Wanderer ihrer Begeisterung für dieses Stück Land und ihrer Sorge vor dem Tagebau. Über 700 Einträge sind zusammengekommen.

„Für Weißwasser war der Urwald das Wandergebiet“, erinnert sich Edith Penk. Frauentagsgruppen, Lehrer, Schulklassen, dazu ausländische Gäste – mit allen ist sie dort langgekommen. Hat ihnen den Jagdpark gezeigt, der in dem Waldgebiet zu finden war und in dem es ein Jagdschloss gegeben hat. Dort soll der Gartenschöpfer Hermann von Pückler Texte über Landschaftsgärtnerei verfasst haben.

Man muss hören, wie Edith Penk schildert, dass sie bei Schnupfen und Husten zum Märchensee im Urwald gelaufen ist. „Weil ich dort wieder durchatmen konnte.“ Und man muss sich Tausende Filme und vor allem Fotos anschauen, die Christian und Edith Penk gemacht haben. Bilder von geschützten Pflanzen und Tieren – Weißmoos und Kammmolch, rosa Winterlieb, Moosglöckchen, Moorfrosch. Im Tagebauvorfeld – also dort, wo die Bagger noch hinkommen – sucht die Familie nach seltenen Pflanzen und kennzeichnet Fundorte mit rot-weißem Band. Einige Exemplare werden in den Trebendorfer Tiergarten umgesetzt, um sie zu erhalten.

Christian Hoffmann vom Naturschutzbund in Weißwasser sieht den Tiergarten heute vor allem als „Refugium für Flüchtlingspflanzen“. Er geht davon aus, dass die Wasserversorgung im Großen und Ganzen funktioniert. Auch wenn Brunnenwasser nicht mit dem Wasser zu vergleichen ist, das früher die Pflanzenwelt speiste. „Es ist ein Kompromiss, aber das Beste, was zurzeit möglich ist.“ Wie sich die Natur und die Wasserverhältnisse entwickeln, wenn die Kohleförderung beendet ist und das Grundwasser nicht mehr abgepumpt wird, sei offen. Iris Rumplasch von der Unteren Naturschutzbehörde weiß: „Das Wasser kommt zurück, aber das wird sehr lange dauern.“