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Gewalt in der Hamburger Straße

© Sven Ellger

Ein Bewohner der Dresdner Asylunterkunft attackierte einen anderen mit einer Axt. Dabei gibt es doch ein neues Sicherheitskonzept.

Von Julia Vollmer

Es war noch stockdunkel draußen um 2.30 Uhr in der Nacht zu Sonntag. Der Sicherheitsdienst aus der Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) an der Hamburger Straße rief die Polizei und meldete, dass ein Bewohner mit einer Axt geschlagen wurde.

Die Einsatzkräfte nahmen einen 40-jährigen Tunesier als Tatverdächtigen fest. Er hatte nach bisherigen Ermittlungen unvermittelt mit einer Axt auf einen 29-jährigen Landsmann eingeschlagen. Dieser erlitt dabei Kopfverletzungen. Das ist nicht der erste Vorfall. Seit Monaten gibt es immer wieder Polizeieinsätze dort, besonders im Mai und Juni kam es immer wieder zu Streit. Erst vor wenigen Wochen gab es eine Auseinandersetzung zwischen mehreren Bewohnern und Mitarbeitern eines Sicherheitsdienstes. Die Polizei ermittelte gegen zwei Libyer und einen Tunesier.

Wie kam die Axt in das Heim?

Das ist noch unklar, so Polizeisprecher Marko Laske. Es handele sich um eine kleine Axt, die hätte auch versteckt in der Kleidung mit hinein geschmuggelt worden sein. Der Täter ist inzwischen wieder auf freiem Fuß. „Wir ermitteln aber weiter“, versichert Polizeisprecher Laske. „Der Vorfall wird derzeit noch intern weiter ausgewertet“, sagt Ingolf Ulrich, Sprecher der Landesdirektion Sachsen (LDS). Ulrich will sich erst nach dem Abschluss der Polizei-Ermittlungen dazu äußern. Der Betreiber European Homecare möchte zu dem Vorfall keine Auskunft geben.

Werden die Bewohner nicht auf Waffen kontrolliert?

Es gilt die allgemeine Hausordnung für alle Erstaufnahmeeinrichtungen im Freistaat Sachsen. Diese sieht unter anderem das Verbot von Waffen und gefährlichen Gegenständen vor. Die Bewohner werden bei jedem Zutritt zur EAE vom Sicherheitsdienst unter andere

Wie gut funktioniert das neue Sicherheitskonzept?

Sowohl Polizei als auch die Landesdirektion versichern, dass das neue Konzept trotz der Vorfälle gut funktioniere und der Betreiber European Homecare es gewissenhaft umsetze. Nachdem es monatelang immer wieder Konflikte unter den Bewohnern und mit den Wachleuten gegeben hatte, trat am 1. Juni das neue Sicherheitskonzept in Kraft. Das Wachpersonal wurde aufgestockt, eine partielle Videoüberwachung in den Gemeinschaftsbereichen eingeführt, als Unruhestifter eingestufte Bewohner auf andere Heime verteilt und die Zusammenarbeit mit der Flüchtlingsvertretung intensiviert. Auch zum Konzept will sich der Betreiber nicht äußern.

Wie oft ist die Polizei vor Ort?

Eine tägliche Streife gibt es nicht, aber die Polizei ist regelmäßig vor Ort. Zum einen zu der regulären Ermittlungsarbeit, wenn etwa gegen einen dort untergebrachten Asylbewerber ein Verfahren läuft. Zum anderen zu aktuellen Vorfällen, wie am Sonntag, so Laske. Daneben fahren die Kollegen der Wachschutz-Polizei dreimal täglich an dem Objekt vorbei. Das Heim gilt als Schutzobjekt und wird vor möglichen Angriffen von Rechtsextremen geschützt.

Warum eskaliert die Situation dort immer wieder?

Dass die Gewalt in der Hamburger Straße sich zuspitzt, sei nicht verwunderlich, so Mark Gärtner vom Flüchtlingsrat. Ihm werden seit knapp zwei Jahren immer wieder Berichte aus der Hamburger Straße angetragen, die erschauern lassen. „Denn es sind Sammelunterkünfte, die Auseinandersetzungen geradezu provozieren.“ Eng in einem Raum zusammen gepfercht, entluden sich Konflikte um die Essenszeiten, Zustand der Wohnräume oder kulturelle Unterschiede. Das beobachtet auch Marko Laske von der Polizei Dresden. „Der wenige Freiraum, das wenige Geld und die Sorge um eine mögliche Abschiebung führt unter anderem zu den Auseinandersetzungen.“ Bernd Mesovic von Pro Asyl sieht noch mehr Probleme. Es gebe keine Rückzugsmöglichkeiten und keine geschützte Privatsphäre, in der eine eigenständige Planung des Alltags möglich ist. „Menschen müssen dort teilweise mit anderen zusammenleben, die ihnen im Herkunftsland oder der Region feindlich gesinnt waren.“

Bekommt Dresden ein Ankerzentrum?

Perspektivisch soll Dresden auf der Hamburger Straße ein Ankerzentrum bekommen. Das Konzept dafür wird aktuell als Pilotphase außerhalb der Unterkünfte getestet, so Ingolf Ulrich von der Landesdirektion. Dabei werden die Verwaltungsabläufe und -prozesse zwischen der LDS, dem Gesundheitsamt der Stadt und dem BAMF in dem Verwaltungsobjekt in der Bremer Str. 10a zusammengeführt.