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Immer zu schnell

© camera4

Ramon Klenz hat keine Geduld. Mit 19 und in Rekordzeit qualifiziert er sich für die EM. Ein wenig früh, findet die Mutter.

Von Daniel Klein

Der Plan für die kommenden Wochen sah so aus: Erst die nach einem Schlüsselbeinbruch verankerte Platte in der Schulter entfernen lassen und dann zu Mutti und Schwester auf die Insel Usedom fahren. Der Plan ist hinfällig, die Operation wurde verschoben, der Urlaub fällt ganz aus. Stattdessen trainiert Ramon Klenz gerade mit dem Schwimm-Nationalteam in Heidelberg, von dort geht es direkt zur Europameisterschaft nach Glasgow.

Zehn Monate alt war Ramon, als ihm seine Mutter Sabine 1999 in Leipzig das Fläschchen gab. © PICTURE POINT

Der gebürtige Leipziger ist selbst schuld an der kurzfristigen Saisonverlängerung. Bei den deutschen Titelkämpfen vor einer Woche hatte Klenz den ältesten Schwimmrekord, den es bei den deutschen Männern gab, verbessert. 32 Jahre lang hielt Michael Groß die Bestzeit über 200 Meter Schmetterling. Dann kam der 19-Jährige und verblüffte sich selbst, seine Familie und den Bundestrainer. Der konnte gar nicht anders, als den Aufsteiger des Jahres nachträglich für die EM zu nominieren.

Als er den Rekord brach, saß die Familie gerade am Kaffeetisch, zum Geburtstag von Oma Eva waren seine Mutti Sabine und Onkel Stefan gekommen. „Wir haben die Zeit gehört, waren überwältigt und natürlich auch stolz“, erzählt Sabine Krauß, die früher mal Herbst hieß und zwischenzeitlich Klenz. Einordnen konnte die Kaffeerunde die Leistung bestens, alle drei waren früher selbst Weltklasse-Schwimmer. Eva Herbst wurde 1968 bei Olympia Fünfte, Sabine Herbst holte 1991 EM-Silber, und Stefan Herbst gewann bei der WM 2001 und 2003 jeweils Staffel-Bronze. Als Sabine bei ihrer letzten WM 1998 im australischen Perth startete, war Ramon quasi schon dabei – sie war in der sechsten Woche schwanger. Größter Fan in der Familie ist aber Uroma Lotte Wittke, die in Dresden lebt, mit über 90 noch immer einmal pro Woche ins Arnhold-Bad geht und die Karriere ihres Urenkels genauestens verfolgt. „Sie hat sich auch riesig gefreut“, erzählt Sabine Krauß.

Der Weg von Ramon war angesichts dieser Ahnengalerie also vorbestimmt. „Nein nein, überhaupt nicht“, widerspricht die Mutter energisch. „Ich habe ihn da eher versucht zu bremsen.“ Bis zur 4. Klasse ging Ramon zum Turnen, bis zur 7. auch zum Turniertanz, Schwimmen lief lange nur nebenher, einmal pro Woche ins Becken springen muss reichen, fand sie. Sein Vater Karl-Heinz, ebenfalls ein Ex-Schwimmer, und seine Mutter legten Wert auf eine „nicht allzu spezialisierte Ausbildung in den frühen Jahren“.

Davon, findet Ramon, profitiert er noch heute. „Durchs Tanzen habe ich Rhythmusgefühl, durchs Turnen die Körperspannung – beides brauche ich auch beim Schwimmen. Genauso wie die Disziplin, die im Sport immer wichtig ist“, erzählt der neue Rekordhalter. Der war schon immer ein Kämpfer, erinnert sich seine Mutter. „Er konnte sich als kleiner Junge extrem in Dinge reinsteigern, hatte Wutausbrüche, wollte immer alles gleich und sofort.“ Ihm ging es nicht schnell genug. Als er in der 5. Klasse auf die Sportschule wechseln wollte, lehnten seine Eltern ab – zu früh. Anderthalb Jahre später bekam er endlich seinen Willen.

Seine Mutti war eine Zeit lang auch seine Trainerin – und die Konstellation nicht immer einfach. „Er fühlte sich da oft zurückgesetzt, fand, dass ich mich mehr um die anderen aus der Gruppe kümmere als um ihn.“ Nach der 8. Klasse zog Ramon nach Hamburg, trainiert seitdem am dortigen Olympiastützpunkt. Der Kontakt zu seiner Familie ist aber immer noch rege. „Meine Mutti frage ich bei sportlichen Dingen, meinen Onkel bei den Sachen drumherum, zum Beispiel zum Thema Ausrüster“, erzählt Klenz.

Ein wenig zu ungeduldig war er auch jetzt wieder, findet zumindest seine Mutter. Neben der Freude über die Fabelzeit hadert sie ein wenig mit dem Zeitpunkt. Sie fürchtet, dass durch den Trubel eine Erwartung geschürt wird, der er kaum gerecht werden kann. Und dass man ihn bei der EM an seinem Rekord messen wird. Damit ist er europaweit in diesem Jahr bisher der Drittschnellste. Sollte er in Glasgow das Podium verpassen, würde das womöglich als Niederlage und Enttäuschung gewertet. „Er hat jetzt einen Druck, den man nicht haben will“, sagt sie. „Ich rate ihm deshalb, dass er einfach Spaß haben und seine erste EM genießen soll.“

Der Sohn hat das offenbar verinnerlicht. Er freue sich total auf die Rennen, erzählt er, und dass er versuchen wird, an die Rekordzeit heranzuschwimmen. „Aber das wird sehr schwer.“ Über zwei Wochen, die zwischen den Starts liegen, die Form zu konservieren, ist nahezu unmöglich. Klenz hat sich auf die deutschen Meisterschaften konzentriert, nicht auf die Europameisterschaften. „So eine Zeit habe ich mir zwar zugetraut, aber erst in ein oder zwei Jahren“, sagt er.

Den Leistungssprung erklärt er vor allem mit dem intensiveren Krafttraining in den vergangenen beiden Jahren. Bundestrainer Henning Lambertz hatte dies in seinem Konzept für alle Nationalkader gefordert. Klenz setzt es konsequent um. „Die Kraftwerte haben sich bei mir richtig gut entwickelt“, findet er.

Auch privat gibt es Veränderungen, wie den Umzug vom Internat in eine Wohnung. Und ab Oktober will er Wirtschafts-ingenieurwesen studieren, falls nichts dazwischenkommt. Pläne ändern sich bei Ramon Klenz schon mal kurzfristig.