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„In der Mittelklasse hat ein Dieselmotor nichts zu suchen“

Autoexperten beraten heute in Dresden über den VW-Abgasskandal. Die Abgasspezialistin Valerie Wilms hält weder etwas von den technischen Lösungen noch vom Krisenmanagement bei VW.

© dpa

Valerie Wilms, Bundestagsabgeordnete der Grünen, kennt als Beiratsvorsitzende des Förderkreises Abgas- nachbehandlungstechnologien für Dieselmotoren (FAD) die Probleme von Dieselabgasen und das Vorgehen der Autoindustrie. Der Förderkreis trifft sich heute in Dresden und berät auch über den Abgasskandal bei Volkswagen (VW). Die SZ hat vorab mit der Verkehrsexpertin gesprochen, wie sie das bisherige Krisenmanagement beim größten Autobauer Europas bewertet.

Frau Wilms, für Sie kam der Abgasskandal bei VW nicht überraschend, warum?

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Ich beschäftige mich seit über 20 Jahren mit diesem Thema, vor allem in meiner früheren beruflichen Tätigkeit im Arbeitsschutz. Da hatten wir schon immer das Problem mit Gabelstaplern und Baumaschinen, die Stickoxide freisetzten. Der Zielkonflikt beim Dieselmotor ist einfach: Entweder ist er sparsam oder sauber, beides zusammen geht nicht. Deshalb ist es für mich erstaunlich, dass der Dieselantrieb im Pkw so gefördert wurde.

Wie meinen Sie das?

Die Autobauer profitierten von der abgesenkten Mineralölsteuer auf Dieselkraftstoff. In den 1990er-Jahren wurde in mehreren europäischen Ländern eine Mautvignette für Lkws eingeführt. Um deutsche Speditionen nicht mit zusätzlichen Kosten zu belasten, denn der Dieselkraftstoff war hier teurer als in Westeuropa, wurde der Dieselkraftstoff verbilligt. Das war natürlich auch von Vorteil für Diesel-Pkws. Aber das war nicht das Entscheidende.

Sondern?

Entscheidend war, dass die Autohersteller das Argument -Minderung durch den geringeren Verbrauch eines Diesels in den Vordergrund gestellt haben. Das stimmt, solange eine Abgasnachbehandlung die Abgase so reinigt, dass sie so sauber werden, als wenn sie aus einem Katalysator eines Benzinmotors kommen. Dazu muss jedoch ein gewaltiger Aufwand betrieben werden. Damit steigt automatisch die -Emission wieder an.

Heißt das, saubere Dieselfahrzeuge sind eine Illusion, oder nur saubere Dieselautos, die preislich erschwinglich sind?

Dieselautos sind auf gut deutsch Dreckschleudern. Ein sauberer Dieselantrieb ist hinzubekommen. Aber dann ist er im Preis nicht mehr rentabel für den normalen Verbraucher, besonders in kleinen Fahrzeugen. Im Polo, VW- Golf oder Opel Astra sind die Kosten für eine Abgasnachbehandlung – die nicht nur auf dem Prüfstand wirksam ist – mindestens so hoch wie für den Bau des Motors.

Sie nennen die Lösungen von VW zum Beheben der gefälschten Abgaswerte unglaublich. Geht der Betrug an Käufern und Öffentlichkeit weiter?

Ob er definitiv weitergeht, weiß ich noch nicht. Aber mit einer simplen Softwareänderung ist das Problem nicht gelöst. Das zeigt ja auch, dass die notwendige Softwareänderung für den Passat noch lange nicht zugelassen ist vom Kraftfahrzeugbundesamt. Im Prinzip müsste die gesamte Abgasnachbehandlung in den alten Fahrzeugen umgebaut werden. Das ist nicht nur teuer, sondern wahrscheinlich auch technisch nicht richtig lösbar.

Was wäre eine ernstzunehmende Lösung, die VW anbieten müsste?

Da ich mir nicht erklären kann, wie der Diesel ohne großen Aufwand sauber zu bekommen ist, müsste im Prinzip jedem die Rücknahme des Fahrzeuges angeboten werden.

Worin sehen Sie die Hauptaufgabe für den FAD bei der Bewältigung des Abgasskandals, der auch den Ruf der gesamten Automobilindustrie beeinträchtigt?

Der FAD hat den Vorteil, dass dort richtige Kompetenz versammelt ist, die nicht abhängig ist von einem Autohersteller. Kompetenz von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden über andere Hochschulsysteme bis zu den Unternehmen, die Abgasnachbehandlungssysteme entwickeln. Da könnte der FAD durchaus Anregungen geben, wie das richtig funktionieren kann. Mit dem Qualitätssiegel und dem Zertifizierungssystem bietet er etwas an. Aber das bedeutet, dass man diese Billiglösung nicht mehr machen kann. Schon bei der Partikelfilternachrüstung hat die Autoindustrie den einfachsten Weg gewählt – den offenen Partikelfilter. Diese halten im Realbetrieb nichts von ihren Versprechungen. Diesen Fehler dürfen wir kein zweites Mal machen.

Heißt das, die Autobauer müssten akzeptieren, dass sich die Dieseltechnologie wirtschaftlich nicht lohnt?

In der Premium- und Luxusklasse kann man sich das vielleicht noch erlauben mit den Preisen, die dort verlangt werden. Aber in der Mittelklasse und oberen Mittelklasse, also in Fahrzeugen für den normalen Nutzer, hat ein Dieselmotor nichts mehr zu suchen. Da ist der Weg über einen teil-elektrifizierten hybridisierten Benzinmotor viel wirkungsvoller.

Der Abgasskandal ist jetzt sechs Monate her. Wie bewerten Sie das Krisen-Management von VW?

Wenn man ein Unternehmen an die Wand fahren will, dann macht man es so wie VW. Wenn man ertappt worden ist, muss man offen darüber reden, muss sich entschuldigen und muss vor allem ernsthafte Lösungen anbieten. Das vermisse ich im Hause VW. Mit Verstecken kommt man jetzt nicht weiter.

Demnach hat sich unter der neuen Führung an der Unternehmenskultur nichts geändert?

Da hat sich aus meiner Sicht nichts getan. Im Prinzip wäre es viel wichtiger, mit den auftauchenden Problemen selbst an die Öffentlichkeit zu gehen. Das wird aber alles nur erzwungen. Wenn die Amerikaner nicht so hart rangehen würden, würde da nichts passieren. Allein, wenn ich die Diskussion um den Strömungsgleichrichter höre. Eine kleines Plastikteil, das alles retten soll. Da fehlt mir als ausgebildete Ingenieurin schier der Glaube. Der Bundesverkehrsminister müsste sich stärker einschalten und Lösungen offen und transparent einfordern. Stattdessen wird eine Untersuchungskommission eingesetzt, von der wir trotz Nachfrage nicht wissen, wer da Mitglied ist. Andere zeigen uns, dass man mit Ideen und Kommunikation mit den Kunden deutlich weiter kommt. Ich erinnere nur an die Präsentation letzten Freitag um 5.30 Uhr früh in Kalifornien.

Kann man einen Konzern wie Volkswagen mit Hunderttausenden Arbeitsplätzen weltweit so einfach vergleichen mit dem Nischenhersteller Tesla?

Ja, wenn man es will. Wir haben auch in Deutschland Autohersteller, bei denen auf die Mitarbeiter im Detail gehört wird, bei denen in Gruppen zusammengearbeitet wird, bei denen Ideen und Lösungen von der Basis aus den Vorstand erreichen. Das hat man von VW nicht gehört.

Das Gespräch führte Nora Miethke.