merken

In einer Reihe mit Oskar Schindler

Die Pulsnitzer Schlossherrin rettete in der Nazizeit eine Jüdin und wird in Jerusalem dafür geehrt. Ein Königsbrücker berichtet, wie es dazu kam.

© privat

Zwei Jahre lang versteckte sie eine Jüdin in ihrem Schloss und riskierte das eigene Leben. Nun steht Margarethe von Helldorff in einer Reihe mit Oskar Schindler. Die ehemalige Pulsnitzer Schlossherrin erfuhr weit über ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod eine ganz besondere Ehrung: Sie wurde in Jerusalem durch die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in den Kreis der „Gerechten unter den Völkern“ aufgenommen. Der Königsbrücker Historiker Dr. Lars-Arne Dannenberg hatte sich für die Anerkennung der mutigen Tat der Margarethe von Helldorff eingesetzt und war jetzt damit erfolgreich. Die Bestätigung erhielt er aus Israel von der Yad Vashem, der „Holocaust Martyrs‘ and Heroes‘ Remembrance Authority“.

„Margarethe von Helldorff war die letzte Schlossherrin in Pulsnitz. Sie wurde 1945 enteignet und ging in den Westen Deutschlands“, so Dannenberg. Doch in den zwei Jahren zuvor stellte sie unter Beweis, welch mutige Frau sie war. Ihr Mann war bereits verstorben, als sie im Oktober 1943 die Jüdin Eva Büttner bei sich im Schloss aufnahm und vor ihren Verfolgern versteckte. Nach Pulsnitz hatten sie die Kriegswirren verschlagen. Ihr Mann war der bekannte Dresdner Musikpädagoge Paul Büttner. Er starb 1943 an Krebs. Allein durch die „Mischehe“ blieb die Jüdin bis dahin von der Verfolgung durch die Gestapo verschont. Danach ging der Schutzstatus verloren. Über den Dresdner Arzt Dr. Karl Magerstädt wurde Eva Büttner in die Obhut der Pulsnitzer Schlossherrin Margarethe von Helldorf vermittelt. Das war riskant.

Anzeige
Sachsen entdecken und erleben
Sachsen entdecken und erleben

Lernen Sie unbekannte Orte der Region kennen - wir geben Ihnen Insidertipps um die Schönheit und Einzigartigkeit Sachsens neu zu entdecken.

Nur wenige wussten Bescheid

Der Pulsnitzer Historiker Rüdiger Rost schrieb in einem Aufsatz von der „antifaschistische Grundhaltung“ sowohl Dr. Magerstädts als auch der Schlossherrin. Der Einsatz für die damals 57-jährige Eva Büttner spricht dafür, zumal diese als linksstehende Publizistin galt und auch einige Jahre SPD-Landtagsabgeordnete war. Eva Büttner wurde bei Margarethe von Helldorff in einer Wohnung über dem sogenannten Judentor des Schlosses untergebracht. Nur wenige Eingeweihte wussten über die Identität Bescheid. Wäre es nach dem Willen der Geretteten gegangen, so Dr. Dannenberg, wäre Margarethe von Helldorffs mutige Tat wohl vergessen worden. Nie wieder habe sie – in amtlichen Dokumenten – den Namen erwähnt. Eva Büttner trat der KPD bei, wurde Kreiskulturchefin in Kamenz. In der Bodenreformfrage hatte sie sich nach SZ-Informationen für die Schlösser und Rittergüter der von Helldorffs in Pulsnitz und Rammenau um eine „Stiftung Sibyllenstein“ bemüht. Darüber zerstritten sich die Frauen. Margarethe von Helldorf wurde die Nutzungsvollmacht entzogen, sie siedelte in die Schweiz um, wo sie 1948 starb. Nun aber wird Margarethe von Helldorff als „Gerechte unter den Völkern“ für ihren Mut geehrt. Seit 1963 zeichnet der Staat Israel Nicht-Juden mit dem Ehrentitel aus, die unter eigener Lebensgefahr versucht haben, Juden während des Holocausts zu retten. Es sind inzwischen weit über 23 000. (SZ/ha)

Historiker Lars-Arne Dannenberg hält am Mittwoch, dem 16. März, um 19 Uhr im Kultursaal der Helios Klinik Schloss Pulsnitz einen Vortrag über die Schlossherrin.