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Inflation der Majestäten

Königinnen wachen nicht nur über den Sachsen-Wein. Gekrönte Häupter vermarkten auch Rhododendronsträucher, Vogelbeeren und Nussknacker.

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Von Henry Berndt

Im Tharandter Wald regiert seit Neustem Königin Anne I. Sie trägt eine Krone aus Zweigen und Tannenzapfen. Zu ihrer Krönung schwang sie ein blättriges Zepter. Zwei Jahre lang wird die 22-jährige Forstwirtschaftsstudentin Anne Siegel nun als Tharander-Wald-Königin ihr Reich behüten. Über hundert Jahre nach dem Tod von Sachsens letzter Königin Caroline lebt die Monarchie im Wald weiter. Und nicht nur dort.

Dutzende Königinnen und Prinzessinnen treten im Freistaat Jahr für Jahr ihre Ämter an, und das gänzlich unadelig. Ob Blütenkönigin, Erntekönigin, Milchkönigin, Spargelkönigin oder Fischkönigin. Inzwischen gibt es kaum noch ein Stück Natur, das nicht von einer passenden Majestät vertreten wird. Selbst Rhododendronsträucher, Vogelbeeren und Nussknacker haben längst ihre eigenen Hoheiten.

Nicht nur Sachsen ist so wieder zum Königreich geworden. Es geben sich die Ehre: die Zwiebelkönigin von Hettstedt, die Steinburger Pellkartoffelprinzessin, die Husumer Krokusblütenkönigin und zahllose andere Regentinnen im Land. Fast schon verwunderlich, dass bislang niemand eine Bautzner Senfkönigin oder wenigstens eine Königsbrücker Brückenkönigin wählte.

„Irgendwann ist natürlich die Grenze zur Lächerlichkeit erreicht“, sagt Matthias Roeper. Er ist 59, Stadtarchivar in Witzenhausen, Eventmanager und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Königinnen e.V. „Nicht jede Streuobstwiese sollte sich gleich mit einer Königin zieren. Wenn jemand in Zeiten der Energiewende mit einer Windradkönigin käme, würde ich sagen, du hast einen Knall.“

Nette Gesichter für die Regionen

114 deutsche Königinnen und Prinzessinnen sind bislang unter dem Dach der 2003 gegründeten Arbeitsgemeinschaft vereint. „Wir machen hier Marketing, ganz klar“, sagt Roeper, der Herr der Königinnen. Die Idee zu dem Zusammenschluss kam ihm im Jahr 2001 nach dem 1. Deutschen Königinnentag in Witzenhausen. „All diese Produkte und ihre Regionen sollen mit ihren Königinnen ein bisschen mehr strahlen, einfach ein nettes Gesicht bekommen.“ So soll gezeigt werden: Seht her, die Qualität des sächsischen Spargels ist eben einfach königlich. Die Tradition solcher Produktköniginnen reicht in Deutschland weit zurück. Bereits 1931 wurde in der Pfalz erstmals eine Weinkönigin gekürt. Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Zahl der Majestäten rasant an. Zur ersten Sächsischen Weinkönigin wurde 1987 die Winzermeisterin Irene Weisflug aus Winkwitz bei Meißen gekrönt. Heute leitet sie hier einen Familienbetrieb mit dem passenden Namen „Weinstube 1. Weinkönigin“. Und wenn schon, denn schon: Auch ihre Tochter Fanny wurde 2003 Sächsische Weinkönigin, 16 Jahre nach ihr. Jedes Jahr im Januar lädt Irene Weisflug nun zum Sächsischen Majestätentreffen nach Winkwitz an der Elbe ein.

Wer eine Königin fragt, warum sie denn eigentlich Königin ist, der bekommt in der Regel eher profane Antworten oder geschliffene Werbebotschaften zu hören: „Ich trinke sehr gern unseren sächsischen Wein. Dahinter stecken unsere authentischen Winzer und die vielen ganz kleinen Weinbergsterrassen. Dieses Gesamtpaket von wunderschöner Landschaft, einmaligen Menschen und Weingenuss möchte ich mit meiner Tätigkeit bekannter machen“, sagt etwa die amtierende Sächsische Weinkönigin Juliane Kremtz. Schnell kann in königlichen Worten auch eine unfreiwillige Komik mitschwingen. So beschrieb kürzlich die frisch gekrönte Sächsische Milchkönigin Maria Lenk fachlich detailliert ihr Bild von der perfekten Milchkuh und landete damit direkt in Stefan Raabs Ulkshow „TV Total“. Die perfekte Werbung.

Ein Stück‘l heile Welt

Königinnen sollen nicht nur toll aussehen, sondern ihre Marken auch anständig verkaufen. Gesundes Grundwissen über ihr Produkt müssen sie natürlich mitbringen, ob für Äpfel, Fisch oder Spargel. Sie sind gleichzeitig Maskottchen und Aushängeschild. Geld gibt es dafür, mal abgesehen von gelegentlichen Siegprämien, allenfalls von Sponsoren. Königin zu sein ist heutzutage ein Ehrenamt. Immerhin ergibt sich nach der Amtszeit nicht selten ein Job im regionalen Tourismus.

Sachsens Landwirtschaftsminister Frank Kupfer lässt sich natürlich besonders gern an der Seite sächsischer Königinnen fotografieren und ist selbst gern gesehener Gast bei Wahlen und Krönungen. „Diese Aktivitäten werden von unserem Haus ausdrücklich begrüßt und ideell unterstützt“, sagt Ministeriumssprecher Frank Meyer. Und so sind die Königinnen auf dem Vormarsch. „Unsere Gesellschaft ist doch heute so rational und kalt, da kann so ein bisschen Wärme einer schönen Frau im Kleid schon viel bewirken“, sagt Matthias Roeper. „Sie vermittelt uns ein wenig das Gefühl einer heilen Welt.“