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Integrieren statt wegsperren

Die Initiative „Coswig – Ort der Vielfalt“ hilft Flüchtlingen. Sprecher Sven Böttger und Vorsitzende Christiane Matthé ziehen die erste Jahresbilanz.

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© André Wirsig

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn infolge der fremdenfeindlichen Vorfälle in Clausnitz oder durch die Pegida-Demonstrationen in Dresden bundesweit nur noch vom „braunen Sachsen“ die Rede ist, während Sie sich in Ihrer Initiative für Weltoffenheit und Toleranz engagieren?

Sven Böttger
Sven Böttger © Arvid Müller
Christiane Matthé
Christiane Matthé © Norbert Millauer

Matthé: Für das Image von Sachsen sind die Ereignisse natürlich nicht schön, aber am Ende haben wir nur zwei Optionen: Entweder wir ärgern uns lediglich darüber und tun sonst nichts oder wir nehmen unser Schicksal selbst in die Hand und zeigen allen, dass es auch ein anderes Sachsen gibt. In der Initiative haben wir uns für Letzteres entschieden, weil man gerade in seinem unmittelbaren Umfeld am meisten bewirken kann.

Was haben Sie seit Ihrem Amtsantritt im Oktober vorigen Jahres erreicht?

Böttger: An erster Stelle sind hier vor allem unsere Sprachkurse zu nennen, die für die Integration essenziell sind. Mittlerweile bieten wir sieben Kurse mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad an. Jeder Flüchtling, der die offiziellen staatlichen Angebote nicht nutzen darf, kann zu uns kommen. Wir organisieren sogar eine Kinderbetreuung, sodass beide Eltern gleichzeitig zum Unterricht gehen können.

Richtig gelungen ist die Integration aber nur, wenn die derzeit 243 Coswiger Flüchtlinge auch Arbeit finden. Wie sehen Sie hier die Chancen?

Matthé: Einfach ist es nicht, aber wenn alle an einem Strang ziehen, schaffen wir das. Um den Prozess zu beschleunigen, haben wir gemeinsam mit dem Jobcenter und der Arbeitsagentur einen Fragebogen entwickelt, um gezielt die Qualifikationen zu erfragen. Der städtische Wirtschaftsförderer Osman Nasr ist auch Leiter unserer Arbeitsgruppe Jobs und Ausbildung. Durch die Vernetzung haben sich zahlreiche Kontakte ergeben, die zu Anfragen führten, unter anderem vom Rewe-Lößnitzmarkt in Radebeul. Außerdem haben sich Firmen gemeldet, die Ausbildungen im Bereich Lager anbieten. Wir werden nun versuchen, die Flüchtlinge in ein Langzeitpraktikum zu vermitteln, damit sowohl Unternehmen als auch die Flüchtlinge einen ersten Eindruck voneinander bekommen. Parallel dazu werden weiterhin die Sprachkurse besucht. Im September 2015 konnte bereits ein Auszubildender erfolgreich vermittelt werden.

Sind die Erfolge bei Leuten mit Hochschulabschluss vergleichbar?

Böttger: In diesem Bereich ist es etwas schwieriger. Wir kennen einen Flüchtling, der Apotheker ist und ganz schnell Deutsch gelernt hat. Er könnte sofort arbeiten. Allerdings ist die Anerkennung seiner Ausbildung problematisch. Wir müssen mal schauen, was sich da machen lässt.

Ihre Initiative leistet auch Aufklärung an Schulen. Welche Vorurteile über Flüchtlinge begegnen Ihnen dort?

Böttger: Einige Kinder und Jugendliche sind von ihrem Elternhaus geprägt und denken, dass die Flüchtlinge Deutschen die Arbeit wegnehmen. Außerdem fragen sie sich, warum die Flüchtlinge so teure Handys haben. Wir versuchen dann immer sachlich aufzuklären und fragen: „Was würdet ihr mitnehmen, wenn euer Vater euch sagt, dass ihr schnell aus dem Haus müsst, weil es in einer Minute bombardiert wird?“ Die meisten würden ebenfalls ihr Handy einpacken, um mit ihren Angehörigen in Kontakt zu bleiben. Wenn man es so erklärt, dann verstehen sie die Situation der Flüchtlinge besser.

Spätestens seit den Vorfällen von Köln wissen wir, dass es vor allem unter den männlichen Flüchtlingen auch schwarze Schafe gibt, die zum Beispiel Frauen belästigen. Hat der eine oder andere Coswiger Flüchtling auch Probleme mit der westlichen Freizügigkeit?

Matthé: Wir können zwar nicht für jeden die Hand ins Feuer legen, aber bisher ist uns nichts bekannt. Die Frauen, die bei uns die Deutschkurse geben, werden auch von den männlichen Teilnehmern ganz selbstverständlich respektiert und anerkannt. Schwierigkeiten gibt es eher mit anderen Dingen. Manch einem muss man erst erklären, dass in Deutschland der Müll getrennt wird oder man nicht die Heizung voll aufdreht und gleichzeitig das Fenster öffnet. Darüber hinaus wollen wir vermitteln, dass das Leben in Deutschland auch Geld kostet, und nehmen daher für die Lehrbücher der Sprachkurse einmalig einen symbolischen Preis von zehn Euro.

Welche Rolle spielt die Unterbringung bei der Integration?

Böttger: In Coswig hat die überwiegend dezentrale Unterbringung bisher sehr gut funktioniert. Nicht wenige Einheimische sind mit den Flüchtlingsfamilien in ihrem Haus befreundet. Allerdings, so denken wir, ist eine gelungene Integration auch in Heimen möglich. Da sich abzeichnet, dass im Prasseweg weitere 200 Flüchtlinge einziehen werden, möchten wir uns für die Belebung des Hauses einsetzen.

Was möchten Sie anders machen als andere?

Matthé: Es macht schon einen Unterschied, ob man von einem Asylbewerberheim oder einem interkulturellen Wohnheim spricht. Wir wollen ein Haus mit einem aktiven Wohnheimleben etablieren, in dem die Menschen nicht weggesperrt werden, sondern trotz der schwierigen Umstände eine gute Zeit haben. Sie sollen dort nicht nur schlafen, sondern mit anderen ins Gespräch kommen sowie Koch- und Sportkurse besuchen können.

Gespräch: Stephan Hönigschmid