merken

Jeder vierte Rettungswagen braucht zu lange

Eigentlich sollen die Retter im Landkreis Görlitz in zwölf Minuten vor Ort sein. Das klappt nicht immer. Doch die Situation soll sich bessern.

© Matthias Weber

Von Jan Lange

Die Statistik zur Schnelligkeit der Rettungsdienste lässt aufhorchen. Im ersten Halbjahr 2018 sind im Landkreis Görlitz 75,9 Prozent aller Rettungswagen innerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Frist von zwölf Minuten am Zielort eingetroffen. Heißt im Klartext: Jeder vierte Rettungswagen braucht zu lange.

Anzeige
So natürlich ist unser Trinkwasser
So natürlich ist unser Trinkwasser

Trinkwasser aus der Leitung muss chemisch gereinigt werden, Mineralwasser hingegen stammt aus einer geschützten Quelle. Doch welches ist besser?

Bei den meisten Einsätzen wird die vorgeschriebene Hilfsfrist nur geringfügig überschritten, wie Kreissprecherin Julia Bjar mitteilt. „Wenn man die Einsätze mit einer Überschreitung von einer Sekunde bis drei Minuten dazurechnet, liegen wir bei 88,7 Prozent“, erklärt Frau Bjar. Bei knapp acht Prozent der Einsätze werde die Frist um einen Zeitraum zwischen drei und sechs Minuten überschritten. Nur bei gut drei Prozent sind die Rettungswagen erst nach mehr als 18 Minuten am Zielort.

Sachsenweit rangiert der Landkreis Görlitz bei der Einhaltung der Hilfsfrist auf einem hinteren Platz, schlechter ist nur der Landkreis Nordsachsen mit 72,95 Prozent. Das zeigt die Antwort des sächsischen Innenministeriums auf eine Kleine Anfrage der Linken-Landtagsabgeordneten Susanne Schaper. Die beste Quote der insgesamt elf sächsischen Rettungsregionen hatte im zweiten Halbjahr 2017 Dresden mit 91,57 Prozent.

Den Betroffenen nutzt das wenig, denn im Notfall zählt jede Minute. Deshalb werden die Ursachen für die Verspätungen auch regelmäßig von den Verantwortlichen im Landratsamt, der Rettungsleitstelle und von den Betreibern der Rettungsdienste genau analysiert.

Die Gründe seien jedenfalls sehr vielfältig, heißt es vonseiten des Landkreises. Ein grundsätzliches Problem sind die weiten Wege aufgrund des weitmaschigen Netzes an Rettungswachen. Aufgrund der Siedlungsstruktur gelte dies vor allem für den nördlichen Teil des Landkreises, sagt Frau Bjar. „Dieses Problem ist leider nicht kurzfristig zu lösen, da für das Vorhalten von Rettungswachen die Kriterien Einsatzaufkommen und Wirtschaftlichkeit erfüllt sein müssen“, fügt die Kreissprecherin hinzu. Zu den Orten, die innerhalb der Zwölf-Minuten-Frist nur schwer erreicht werden können, gehören zum Beispiel Schleife, Nochten, Neißeaue, Beiersdorf, Jonsdorf und Waltersdorf. In der Praxis werden sie als „schwarze Flecken“ bezeichnet.

Mit zusätzlichen Rettungswachen soll die Situation verbessert werden. Der Landkreis kann diesbezüglich bereits erste Erfolge vermelden. „Mit den Krankenkassen wurde vereinbart, dass zwei zusätzliche Rettungswachen im nördlichen Teil des Landkreises gebaut werden können“, sagt Frau Bjar. Wo diese beiden Rettungswachen gebaut werden sollen, dazu wollte sich das Amt für Brandschutz, Katastrophenschutz und Rettungswesen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht äußern. Der Landkreis hatte in der Vergangenheit aber immer eine Rettungswache im Raum Rietschen favorisiert.

Aktuell gibt es im Landkreis zwölf Rettungswachen an den Standorten Klitten, Görlitz, Niesky, Reichenbach, Rothenburg, Weißwasser, Altbernsdorf, Ebersbach-Neugersdorf, Löbau, Spitzkunnersdorf, Zittau sowie drei Außenstellen in Mücka, Bad Muskau und die Berufsfeuerwehr Görlitz. In diese hat der Landkreis in den vergangenen Jahren bereits Millionen investiert. So wurde im Juni 2017 die neue Rettungswache in Löbau eingeweiht, im August vorigen Jahres folgte das Objekt an der Lesch-witzer Straße in Görlitz-Weinhübel. In Görlitz wird derzeit auch die Rettungswache an der Reichertstraße gebaut, Anfang Juli fand hier das Richtfest statt.

Dass Einsatzorte nicht in der vorgegebenen Frist erreicht werden, trete laut Landkreis am häufigsten bei kleinen Rettungswachen wie Klitten, Mücka, Rothenburg und Reichenbach auf, da diese keine weiteren Rettungsmittel zur Verfügung haben. Wenn beispielsweise ein Fahrzeug bereits im Einsatz ist und weitere Notfälle eintreten, müssten die Einsatzorte von anderen Rettungswachen angefahren werden. Das bedeutet natürlich längere Wege.

Zu den Hauptgründen für die Fristüberschreitungen zählen auch schlechte Witterung und schwierige Straßenverhältnisse, Baustellen und Umleitungen, hohes Verkehrsaufkommen sowie die Anzahl und Dauer der Einsätze. Eine fehlende Rettungsgasse kann ebenso für die Verspätungen mitverantwortlich sein. Hier hat die Politik inzwischen reagiert. Fahrzeuge, die Rettungswagen behindern, werden nun hart bestraft.

Die Hilfsfrist zu erhöhen, hält René Birnbaum, Leiter des Zittauer DRK-Rettungsdienstes, nicht für notwendig. „Das wäre ein Schritt zurück“, findet er. Zehn der zwölf Minuten in Sachsen sind für die reine Fahrzeit vorgeschrieben, je eine Minute kommt für das Auslösen des Einsatzes durch die Rettungsleitstelle in Hoyerswerda und für das Ausrücken der Wagen aus der Rettungswache hinzu. „Nach den vorliegenden Zahlen wurde im ersten Halbjahr 2018 in 699 Fällen die Dispositionszeit durch die Rettungsleitstelle überschritten“, sagt Julia Bjar. Gründe dafür seien dem Landkreis Görlitz nicht bekannt. Bei den jeweiligen Auswertungen werde dies jedoch stets berücksichtigt und nach möglichen Ursachen gesucht. Seitens des Landkreises gebe es aber grundsätzlich keine schlechten Erfahrungen mit der Regionalleitstelle in Hoyerswerda.

Die Eintreffzeit ist zwar kürzer als in anderen Bundesländern – in Thüringen sind es 14 Minuten, in Brandenburg sogar 15 Minuten – aber das hohe Niveau sollte nicht heruntergeschraubt werden, heißt es vonseiten der Rettungsdienste. Vielmehr sollte, wie es der Landkreis bereits tut, in die Rettungswachen investiert oder deren Anzahl erhöht werden.

Wie die Statistik zeigt, hat sich die Quote bereits verbessert: Im ersten Halbjahr 2017 lag sie noch bei 74,51 Prozent, im zweiten Halbjahr 2017 dann bei 74,55 Prozent und in den ersten sechs Monaten diesen Jahres im Schnitt bei 75,9 Prozent.

Spätestens aller zwei Jahre oder bei Bedarf eher wird der Rettungsdienstbereichsplan neu bewertet und angepasst. Dabei werden grundsätzlich alle entstandenen Probleme und Erkenntnisse eingearbeitet.