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Jetzt macht die Jugend Politik

Zum 13. Mal trafen sich die Fraktionen des Jugendstadtrats. Ihre Themen sind Wände für Sprayer und Mopedparkplätze.

© André Braun

Von Andreas Neubrand

Waldheim. Das Leben eines Fraktionsmitglieds ist ziemlich arbeitsintensiv. Abends tagt der Technische Ausschuss der Stadt und schon am nächsten Morgen ist eine Fraktionssitzung anberaumt, dazu kommt noch ein Termin mit der Presse. Dies merken auch die Jugendlichen der Oberschule in Waldheim, die zwei Tage lang Kommunalpolitiker spielen.

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„Ich habe mir das immer einfacher vorgestellt. Nicht so anstrengend“, sagt Jette Hermann, Realschülerin und von der Fraktion „Soziale Jugendpartei“. „Davor dachte ich, die sitzen nur herum und reden. Jetzt sehe ich Politiker anders.“

Dies ist eines der Ziele, die die Friedrich-Ebert-Stiftung mit ihrem Projekt „Planspiel Kommunalpolitik“ erreichen will. Ein weiteres Ziel: die Jugendlichen für Politik in einer Region zu begeistern. Um Politik lebendiger zu machen, schlüpfen die Jugendlichen für mehrere Tage in die Rolle eines Kommunalpolitikers. In Waldheim haben sich so sechs Fraktionen gebildet: die Engelbirth, die Soziale Jugendpartei, die OSW, DRW und die Demokratische Partei Waldheim. „Die Jugendlichen durften sich den Namen der Fraktion selber geben“, erklärt Sarah Splettstößer von der Friedrich-Eber-Stiftung, die auch die Moderation der Sitzungen leitet. „Wir haben die Jugendlichen per Los zugeordnet, damit sich nicht immer die gleichen Schüler unterhalten“, sagt die Lehrerin für Politik, Silvia Eckardt. „Jede Fraktion hat so eine Stärke von ungefähr zehn Schülern.“ Unterstützt werden die Jungpolitiker dabei von sechs Stadträten aus Waldheim. Jedem Stadtrat wird dabei eine Fraktion zugelost. Dazu stellt die Friedrich-Ebert-Stiftung jeweils einen Spielleiter zur Seite, der der Sitzung die nötige Struktur gibt.

Wie richtige Fraktionsarbeit

Zunächst wählt die Fraktion aus ihrer Mitte einen Vorsitzenden. Danach sucht die Fraktion sich zwei Themen aus, zu denen sie später einen Antrag stellen möchte. Doch bevor die Themen es in die Stadtratsitzung am 20. März schaffen, werden sie in der Fraktion kontrovers diskutiert. „Ich bin beeindruckt, wie gut die Argumente sind“, sagt Peter Buschmann (Die Linke), Mitglied des Stadtrates seit 1990. „Hier geht es fast zu, wie in einer richtigen Fraktionssitzung.“ Er betreut die Soziale Jugendpartei, deren zwei Themen sind ein Mopedparkplatz an der Schule und eine Wand für Graffiti.

„Wir brauchen mehr Platz für unsere Mopeds“, erklärt Fraktionsvorsitzender William Heyne. „Schon letztes Jahr konnte ich kaum parken.“ Ein anderes Fraktionsmitglied sieht das eher verhalten und fragt nach dem benötigten Platz. „Parkplätze gibt es ja genug. Dann müssen die Autofahrer eben einen hergeben“, sagt Noah Petters. Ein Dritter fragt nach den Kosten. Es herrscht eine lebhafte Stimmung in dieser Sitzung und die Argumente werden dabei genau gegeneinander abgewogen.

„Genau so kenne ich das auch“, erzählt Buschmann. „Es geht auch in unserer Sitzung hin und her. Dabei dürfen aber die Kosten nicht aus den Augen gelassen werden.“ Zum Schluss einigt sich die Fraktion darauf, den Antrag auf zusätzliche Parkplätze für Mopeds in den Jugendstadtrat einzubringen. Die Fraktion war sich einig, dass die Lehrer auf einen Parkplatz verzichten können. Außerdem erscheinen den Jungpolitiker die Kosten von rund 400 Euro vertretbar. Als Grund für den Antrag gibt die Partei schließlich den gestiegenen Bedarf an Mopedparkplätzen an.

Doch eine Fraktion beschäftigt sich nicht nur mit den eigenen Anliegen und Anträgen. Auch die Arbeit der anderen Parteien wird diskutiert und Anfragen zu deren Anträgen formuliert.

Vinzent Vorwerg, findet die beiden Tage sehr spannend. „Hier lernen wir viel mehr, als im normalen Unterricht.“ Doch so ganz ohne Theorie geht es auch beim Planspiel Jugendstadtrat nicht. „Zuerst gibt es einen theoretischen Unterricht, dabei stellen wir die Kommunalpolitik etwas allgemein dar und natürlich mit besonderem Blick auf Waldheim und die Region“, so Christopher Jäschke von der Friedrich-Ebert-Stiftung. „Wir bereiten das immer etwas spielerischer auf, als im klassischen Frontalunterricht. Wir arbeiten mehr mit Spielen und gegenseitigen Fragestunden.“ Gegen Abend geht es dann zu einer Sitzung. „Meistens ist dies die Stadtratsitzung, aber der tagte die Woche nicht, also sind wir zum Technischen Ausschuss gegangen“, so Jäschke. „Zum einen sehen die Schüler so, wie Politik in der Praxis funktioniert und zum anderen, dass Politik kein normaler Beruf ist, der um fünf beendet ist.“

Besseres Verständnis für Politik

Seit dreizehn Jahren gibt es den Jugendstadtrat schon in Waldheim.“Bisher habe ich damit nur gute Erfahrungen gemacht“, so Silvia Eckardt. „Danach haben viele Schüler ein besseres Verständnis für kommunale Politik.“ Auch Vinzent Vorwerg gefällt diese Art von Politikunterricht. „Es ist sehr interessant zu sehen, wie Politik gemacht wird und es macht Spaß sich selber Themen zu überlegen und diese dann zu beschließen. Außerdem fühle ich mich hier ernst genommen“, so der Jugendliche.

Doch eine Karriere als Kommunalpolitiker, können sich die wenigsten nach den zwei Tagen vorstellen. „Ich will einmal Familie haben“, so Jette Herrmann. „Ich glaube nicht, dass ich später einmal Zeit haben werde im Stadtrat zu sitzen, leider.“ Auch Noah Petters kann sich nicht vorstellen, Politik zu betreiben. „Auch wenn es schade ist, denn es ist schon toll, zu sehen, dass sich was bewegen lässt“, so der Jugendliche.