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Kaiserschnitt nur im Notfall

In Dresden entbinden Frauen besonders oft natürlich. Wird ein Kind doch im OP auf die Welt geholt, leiden manche Mütter lange darunter.

© Sven Ellger

Von Juliane Richter

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Vom Mut, nicht wegzusehen.  

Joachim Gauck erinnert zum 30-jährigen Jubiläum an den Beginn der Wende in der DDR. 

Miko hat es spannend gemacht. Im Bauch seiner Mutter Nadine wollte er sich nicht in die richtige Position drehen und blieb in der Beckenendlage – mit den Füßen nach unten. Häufig raten Ärzte in diesem Fall wegen möglicher Komplikationen zum Kaiserschnitt. Den wollte seine Mutter gern vermeiden. Die 36-Jährige ließ ihrem Kind die Zeit, selbst zu entscheiden und brachte es ohne Einleitung nach neun Stunden im Kreißsaal des Neustädter Klinikums auf natürlichem Weg zur Welt. „Ich wurde von einer Hebamme und einer Oberärztin sehr gut betreut“, sagt sie.

Auf Erfahrung kommt es in dem Fall an. Die ist am Neustädter Klinikum vorhanden. Als Perinatalzentrum ist das Haus außerdem auf die Intensivbetreuung von Früh- und Neugeborenen spezialisiert. Überdurchschnittlich viele Frauen mit Risikoschwangerschaften, wie Mehrlinge oder Frauen, die älter als 35 Jahre sind, entscheiden sich deshalb für die dortige Entbindung. Obwohl Risikoschwangerschaften häufiger zu einem Kaiserschnitt führen, lag die Kaiserschnittrate des Klinikums vergangenes Jahr bei nur 16 Prozent – und bedeutet damit den zweitniedrigsten Wert in Dresden.

Insgesamt zeigt sich, dass Entbindungen in Dresden besonders häufig auf natürlichem Weg gelingen. Denn bis auf das Uniklinikum, welches noch öfter Risikoschwangere aus ganz Ostsachsen betreut, liegen alle Krankenhäuser unter der sächsischen Kaiserschnittrate von zuletzt 24 Prozent. Dabei führt der Freistaat seit Jahren die Statistik im positiven Sinne an. Denn bundesweit endeten 2016 fast 31 Prozent aller Entbindungen mit einem Kaiserschnitt. Doch woran liegt das?

Kaiserschnitte zum Wunschtermin sind in Dresden eine Seltenheit – auch, weil Frauen kaum danach fragen. Chefarzt Udo Nitschke vom Städtischen Klinikum Neustadt kann derartige Wünsche im Jahr an einer Hand abzählen. „Diese Frauen wünschen sich nicht den Kaiserschnitt an sich. Sie haben eher Angst vor dem Unbekannten der Geburt“, sagt er.

Obwohl die Komplikationsrate bei einem geplanten Kaiserschnitt laut Nitschke nicht höher ist als bei einer natürlich Geburt, gibt es den Schnitt am Klinikum nur, wenn er medizinisch notwendig ist. Etwa bei Frühgeborenen, für die die natürliche Entbindung zu viel Stress und damit Gefahr bedeuten kann. Oder bei Diabetespatientinnen, die sehr kräftige Kinder austragen. Hier droht ein Steckenbleiben im Geburtskanal samt Notkaiserschnitt. Der droht oft auch, wenn sich während der Geburt plötzlich die Plazenta ablöst oder sich die Herztöne des Kindes rapide verschlechtern. Das Risiko während der Schwangerschaft und der Geburt entscheidet über den Einsatz medizinischer Mittel. Auch für Oberärztin Katharina Nitzsche vom Uniklinikum. „Wir passen uns dem Geburtsverlauf an“, sagt sie. In vielen Dingen könnten die Frauen mitentscheiden – etwa auch, wie viele Tage nach dem errechneten Termin die Geburt eingeleitet wird. Am Uniklinikum sind das in der Regel zehn Tage. Wenn eine Frau das nicht will, „kann man immer miteinander reden“, sagt Nitzsche. „Aber je länger eine Schwangerschaft dauert, desto eher sterben auch die Kinder“, fügt sie hinzu.

Gestörte Bindung nach Kaiserschnitt

Muss ein Notkaiserschnitt durchgeführt werden, ist oft keine Zeit mehr zum Reden. Im Nachgang sind manche Frauen jedoch unglücklich mit dem Eingriff. In Dresden hat sich 2014 eine Selbsthilfegruppe mit dem Namen „Kaiserschnittmamas“ gegründet. Rund 15 Frauen gehören ihr mittlerweile an. Laut Gruppenleiterin Sarah Mintchev haben einige unter Wochenbettdepressionen gelitten, andere Probleme gehabt, eine Bindung zum Kind aufzubauen. Studien haben gezeigt, dass die Hormonausschüttung unter der natürlichen Geburt wichtig für genau diese Bindung ist.

„Uns geht es aber auch darum, dass besser aufgeklärt wird“, sagt Mintchev. Über die teils wochenlangen Schmerzen oder psychischen Folgen, welche ein Kaiserschnitt mit sich bringen kann, wüssten viele nicht Bescheid. „Andere Frauen bekommen nicht erklärt, dass man auch bei Beckenendlage oder Zwillingen eine natürliche Geburt haben kann“, sagt sie.

Mangelnde Aufklärung bei geplanten Kaiserschnitten weisen die Ärzte vom Städtischen und dem Uniklinikum zurück. „Bei einem geplanten Kaiserschnitt haben wir alle Zeit der Welt, über Komplikationen, Schmerzen und Folgeschwangerschaften aufzuklären. Aber wenn das Kind schlechte Herztöne hat, kann man nur kurz aufklären, dann muss es raus“, so Nitzsche.