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Ein Kamenzer auf Deutschlands größter Baustelle

Weil er in Sachsen keinen Job bekam, ging Torsten Weinhold einst in den Westen. Nun baut er an Stuttgart 21 mit. Eine Rückkehr ist aber nicht ausgeschlossen.

Von Reiner Hanke
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Torsten Weinhold aus Kamenz zog dem Job hinterher nach Stuttgart. Jetzt baut am Großprojekt Stuttgart 21 mit und trägt dabei als Teamleiter Verantwortung.
Torsten Weinhold aus Kamenz zog dem Job hinterher nach Stuttgart. Jetzt baut am Großprojekt Stuttgart 21 mit und trägt dabei als Teamleiter Verantwortung. © Reiner Pfisterer

Kamenz/Stuttgart. Torsten Weinhold ist schon auf dem Sprung zur Baustelle. Zum Kilometer 63. Dort geht es um die Sicherheitsgehwege an den Bahngleisen, die Fluchtwege für die Passagiere bei einer Havarie oder einem Unfall. Bei einer Evakuierung sollen die Leute sicher geführt werden. An der Stelle ist eine Sonderkonstruktion nötig. Das Terrain sei schwierig, sagt Torsten Weinhold.

Er stammt aus Kamenz. Und er arbeitet an einem Großprojekt fernab der Heimat: auf der größten Baustelle Deutschlands, wenn nicht sogar einer der größten Europas. Es ist das Bahnhofs-Projekt Stuttgart 21 mit Kosten von inzwischen gut acht Milliarden Euro allein für den Bahnhof, plus weitere Milliarden für Zubringerstrecken.

Dazu gehört auch eine Hochgeschwindigkeitstrasse nach Ulm. "Mein Baby", sagt Torsten Weinhold, und Stolz schwingt in der Stimme des Bauingenieurs mit. Stolz darauf, hier in leitender Position Verantwortung zu tragen.

Video-Clips zeigen den Teamleiter bei bestimmten Bauabschnitten. Da schweben 120 Meter lange Gleisstücke ein. Sie werden mit 2.500 Grad heißem Material verschweißt. Unter einer endlosen Schlange von Party-Pavillons in einem anderen Clip wird nicht gefeiert, sondern betoniert. Oberleitungs- und Kabeltiefbau, Stromversorgung, Signaltechnik und Telekommunikation managt der Ex-Kamenzer.

Auf Bewerbungen in Sachsen erhielt er Absagen

Die Gleise auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke seien fertig, erklärt Weinhold. Das Gelände sei teilweise steil. Ein paar kleine Punkte müssten noch angepasst und eine Brücke fertig gebaut werden. Eine von 44. Dazu rund 60 Kilometer Tunnelröhre. Mit 250 km/h sollen hier bald Züge rasen können.

Anfang der 2000er-Jahre verschlug es den Kamenzer in den Süden Deutschlands. Damals hatte er nach der Schule in Kamenz Maurer gelernt, in Dresden Bauingenieurwesen studiert und 2002 begonnen, sich für einen Job zu bewerben.

Aber im sächsischen Raum habe er nur Absagen erhalten. Wie viele Menschen, die damals dem Job hinterher aus dem Osten in den Westen zogen. Von dort erhielt auch Torsten Weinhold mehrere Zusagen: „So bin ich nach Stuttgart ausgewandert, was ich sehr schade fand. Aber so ist es halt“, sagt er. So kam er auch zur Deutschen Bahn (DB).

Anfangs zwischen Kamenz und Stuttgart gependelt

In den ersten Jahren sei er jede Woche gependelt. Doch das sei auf Dauer nicht durchzuhalten: „Man kommt nach der Fahrtstrecke nicht erholt an.“ So sei die Frequenz kleiner geworden und falle nun auf ausgewählte Tage oder die Ferien. Er habe seine Partnerin in Stuttgart kennengelernt: „Wir haben eine Tochter und fühlen uns wohl hier.“ Aber er sei eben trotzdem gern immer wieder in der Heimat. Die Familie bleibe dann etwas länger, auch um Freunde und Bekannte zu besuchen, damit die Verbindungen nicht abreißen.

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Bei der Deutschen Bahn habe er sich über kleinere Projekte und über die Jahre an den Mega-Bau Stuttgart 21 herangearbeitet. Als Teamleiter für Verkehrswege-Planung sei er sogar schon in der Entwurfsphase in das Bahnhofs-Projekt eingestiegen, habe Ausschreibungen gesteuert, vorbereitet und Verhandlungsgespräche mit Bietern geführt. Schon vor zehn Jahren habe dann der erste Tunnelbau begonnen. Seit drei Jahren baut er an der Hochgeschwindigkeitstrasse.

Am Bahnhof laufe parallel der Rohbau, erklärt Weinhold. Derzeit würden 28 gigantische sogenannte Kelchstützen für die Dachkonstruktion mit 32 Metern Durchmesser gegossen. Die Hochgeschwindigkeitsstrecke soll in diesem Jahr in Betrieb gehen. Dann geht es für den 47-Jährigen mit der Anbindung von Stuttgart 21 an den Flughafen weiter.

„Torsten Weinhold darf getrost als Urgestein des Projekts bezeichnet werden“, so Michael Deufel, Pressesprecher der DB-Projektgesellschaft für Stuttgart 21. Der Kamenzer sei seit den Anfängen maßgebend beteiligt." Derzeit am Bau der Hochgeschwindigkeitsstrecke zum neuen unterirdischen Bahnhof. Wenn der Rohbau von Stuttgart 21 beendet ist, werde der Bauingenieur dort den Gleisbau in den Tunneln mit allem, was dazu gehört, managen.

In der alten Heimat reizt ihn vor allem ein Projekt

Eigentlich sei 2021 - wie im Projektnamen - ursprünglich Termin für die Fertigstellung gewesen, so Weinhold, jetzt eher 2024/2025. Zu Verzögerungen hätten aus seiner Sicht vor allem Klagen gegen das Projekt geführt. Natürlich sei es immer bitter, wenn beispielsweise Bäume weichen müssten. Für ihn sei aber unterm Strich der Nutzen viel größer. Die Stadt gewinne mit dem Bahnhof unter der Erde letztlich riesige Grünflächen hinzu.

"Jeder, den ich über die Baustelle führe, staunt“, so Weinhold. Dazu gehörte auch schon mal seine Mutter. Er habe sie mit auf die Filstalbrücke, eine seiner Baustellen, genommen. 485 Meter lang ist sie und ragt zwischen zwei Tunneln als dritthöchste Eisenbahnbrücke Deutschlands in 85 Metern Höhe über das Tal.

Torsten Weinhold lässt auch der Gedanke nicht los, wieder mal in die Heimat zurückzukehren. Zumal es ein Projekt gibt, das ihn reizen würde. Es ist die geplante Eisenbahntrasse Dresden – Prag mit der Unterquerung des Elbsandsteingebirges. Wenn sich die Chance ergibt, würde er sie gern nutzen, denn das Projekt sei sicherlich ähnlich ehrgeizig wie Stuttgart 21.

Jede Menge Erfahrung bringt er mit. Vielleicht klappe es ja.