merken
PLUS Kamenz

Kamenz: Letzte Ruhe unterm Wipfel-Dom

Die Stadt hat jetzt am Vogelberg einen Bestattungswald. Was für eine Beisetzung dort zu beachten ist - und was sie kostet.

Im neuen Bestattungswald in Kamenz werden Verstorbene in solchen Urnen beigesetzt.
Im neuen Bestattungswald in Kamenz werden Verstorbene in solchen Urnen beigesetzt. © René Plaul

Kamenz. Der Regen aus dicken grauen Wolken passt zum Anlass: Im Kamenzer Ortsteil Brauna wird ein Bestattungswald eröffnet. Ein Pfeil weist den Weg in den Forst, zuerst über Asphalt, dann frisch geschotterte Wege bis zu einem Parkplatz am Vogelberg. Dort empfangen den Besucher Informationstafeln. Ein kurzer Pfad führt zu einem Andachtsplatz. Dort können die Trauernden auf gehobelten Stämmen Platz nehmen. Bei Regen auch unter dem Holzdach eines offenen Andachtsraumes unter dem Wipfel-Dom aus Eichen-, Ahorn-, Buchen- und Lindenkronen. Es ruht auf gewaltigen Stämmen.

All das hat Waldbesitzer André Ransch mit seinem Familienforstbetrieb in wenigen Wochen quasi aus dem Waldboden gestampft, mit einem Wegenetz erschlossen und dafür mehrere 10.000 Euro investiert. Hier können Menschen künftig in der Urne bestattet werden. Die Einäscherung ist also Bedingung.

Anzeige
Schwarz, schwärzer, ELBEPARK
Schwarz, schwärzer, ELBEPARK

Die besten Angebote des Jahres gibt´s traditionell am letzten Freitag im November: beim SALE Friday.

André Ransch ist der Initiator des Bestattungswaldes. Doch bis zu dessen Eröffnung war es ein weiter Weg. Den Gedanken habe er schon seit 20 Jahren im Kopf gehabt, erzählt Ransch. Dafür habe Großmutter Edith mit einem Herzenswunsch gesorgt. Sie wollte unter den Bäumen am Vogelberg ihre letzte Ruhestätte finden. Damals dachte Ransch wohl nicht im Entferntesten, wie schwierig so ein Vorhaben ist, und ergriff die Initiative: „Es hängt eine Kette von Bürokratie daran, viele Genehmigungen, es ist nicht einfach“, sagt er heute. Deshalb habe er zwischenzeitlich sogar aufgegeben. 

Bedenken, dass Traditionen verloren gehen

Bis der Kontakt mit der Fried-Wald GmbH zustande kam. Ein Unternehmen mit Erfahrung von anderen Standorten, seit 20 Jahren im Geschäft. Trotzdem dauerte es noch Jahre bis zur Eröffnung. Die Firma aus Hessen riet zur Geduld, es werde Zeit brauchen. So sei es auch für die Kamenzer Stadtverwaltung Neuland gewesen, wie so ein Antrag zu beurteilen ist.

Letztlich habe sich eine Mehrheit im Stadtrat für das Projekt entschieden. „Viele Leute wollten den Bestattungswald, für sie haben wir das gemacht“, so Ransch. Sogar eine Unterschriftensammlung gab es für das Friedwald-Projekt. Daran erinnerte auch Roland Dantz, Oberbürgermeister der Stadt, die der Träger des Bestattungswaldes ist. Der OB denkt an die Besorgnis aus religiöser Richtung, dass Traditionen verloren gehen könnten, wenn sich der Trend vom klassischen Friedhof in den Wald verschieben würde. Er wolle es nicht ausschließen, sagt Dantz. Er sehe aber die Gefahr nicht.

Der letzte Wille sei eine sehr persönliche Entscheidung. Dieser Wald sei ein Angebot, für das sich Kamenzer Bürger stark gemacht hätten. Er versichert den anderen  Friedhofsbetreibern, dass  die Stadt sie  bei Problemen nicht im Regen stehen lassen wolle. Er wünsche sich eine Versöhnung zwischen den Ansichten: „Ich bin begeistert, was hier in so kurzer Zeit entstanden ist.“

In dem neuen Friedwald entstand ein offener Andachtsraum, der bei nassem Wetter ein Dach über dem Kopf bietet. Den Raum baute André Ranschs Sohn und Zimmerman, Paul Ransch, gemeinsam mit einem Kollegen.
In dem neuen Friedwald entstand ein offener Andachtsraum, der bei nassem Wetter ein Dach über dem Kopf bietet. Den Raum baute André Ranschs Sohn und Zimmerman, Paul Ransch, gemeinsam mit einem Kollegen. © René Plaul

Maik Weise, Chef der CDU/FDP im Stadtrat, hatte das Projekt schon als früherer Bürgermeister von Schönteichen mit begleitet – vor der Fusion mit Kamenz. Aus religiöser Sicht habe es Bedenken gegeben, weiß der Kommunalpolitiker. Er selbst sei neutral in der Sache eingestellt. Es sei ein Konkurrent mehr, aber er sehe das Einzugsgebiet weit über Kamenz hinaus.

Matthias Laufer, Geschäftsleiter der Fried-Wald Gesellschaft spricht von einer Alternative zum Friedhofsbegräbnis , schlicht und natürlich schön. Seine Gesellschaft ist der Betreiber des Bestattungswaldes, sie übernimmt auch die Betreuung der Kunden. „Und ich bleibe Förster“, sagt André Ransch. Er übernimmt die Pflege mit seinem Familienbetrieb, sorgt für die Verkehrssicherheit, entfernt Totholz aus den Bäumen. Vier Friedwald-Förster kümmern sich um das Areal. Etwa 38 Hektar Wald sind für Bestattungen in den kommenden 99 Jahren reserviert.

Grabschmuck ist nicht erlaubt

Geplante Bestattungen gebe es bisher noch nicht, so André Ransch, aber Interessenten auf jeden Fall. Die Großmutter erlebte die Einweihung der Anlage nicht mehr, aber ihre Urne werde die erste sein, die hier an der Wurzel eines Baumes ruhen darf. Die Urnen aus Press-Holz vergehen im Boden.

Ab 490 Euro, plus Beisetzungskosten, können Menschen hier ihre letzte Ruhestätte finden. Aufwärts geht es bis knapp 7.000 Euro für ein Urnengrab am eigenen Baum – ebenfalls plus Kosten für die Bestattung und Namenstafel. An die 160 Bäume wurden bisher ausgewiesen.

Gelbe und blaue Bänder markieren sie: Eine Baum- oder die kostengünstigere Platzbestattung werden angeboten – quasi mit anderen Verstorbenen an einem Baum. Grabschmuck ist nicht erlaubt, dafür sorgt hier ausschließlich die Natur. Die Gestaltung der Beisetzung vom Redner bis zur Musik liegt ganz in der Hand der Angehörigen. Die Beisetzung im Friedwald habe nichts mit der Bestattung auf der grünen Wiese zu tun, so Ransch: „Der Mensch braucht einen Platz für die Trauer.“ Der Wald als Sinnbild für das Werden und Vergehen sei dafür ein wunderbarer Ort. 

Friedwald-Förster André Ransch (r.) und sein Sohn Paul, der Miterbauer des Andachtsraumes. Die Friedwald-Förster bieten Führungen an und helfen Interessenten bei der Auswahl eines Baumes.
Friedwald-Förster André Ransch (r.) und sein Sohn Paul, der Miterbauer des Andachtsraumes. Die Friedwald-Förster bieten Führungen an und helfen Interessenten bei der Auswahl eines Baumes. © René Plaul
Eine Holzstele von den Nebelschützer Bildhauertagen schmückt den Andachtsplatz.  André Ransch ergänzte in Erinnerung an Lessing, den berühmtesten Sohn der Stadt, die drei Ringe aus  Ringparabel.
Eine Holzstele von den Nebelschützer Bildhauertagen schmückt den Andachtsplatz.  André Ransch ergänzte in Erinnerung an Lessing, den berühmtesten Sohn der Stadt, die drei Ringe aus  Ringparabel. © René Plaul
Alle Bäume sind nummeriert und mit Koordinaten versehen. Für die Namenstafeln gibt es unterschiedliche Modelle,
Alle Bäume sind nummeriert und mit Koordinaten versehen. Für die Namenstafeln gibt es unterschiedliche Modelle, © René Plaul
Auf Infotafeln wird das Friedwald-Konzept erläutert.
Auf Infotafeln wird das Friedwald-Konzept erläutert. © René Plaul

Mit dem kostenlosen Newsletter „Kamenz kompakt“ starten Sie immer gut informiert in den Tag. Hier können Sie sich anmelden.

Mehr Nachrichten aus Bautzen lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Bischofswerda lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Kamenz lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Kamenz